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dem Herzen wie ein Stück Eis aus den Händen schlüpft; keiner von jenen Gleichgültigen, die sich an Menschen bloss gewöhnen, die sie alsdann oft weder lassen noch behalten möchten. – Was ich bin, bin ich ganz, und die Quintessenz meiner Neigung zu dirdarf ich sie wiederholen? Es ist ein Zeichen eines guten Kindes, wenn es begehrt, dass die Amme auch der Puppe die Brust gebe. Und wenn ich dir sage, dass wo ich bin, auch mein Begleiter sein soll, – ist es nicht mehr als Amme, Kind und Puppe? Ich übergebe dir hiermit feierlich eine schriftliche Zusage, dass so viel an mir ist, die Kammerzofe die deinige werden soll. Nicht mit Blut ist sie geschrieben, doch floss sie aus meinem Herzen. Ich küsse dich dreimal! Gott segne uns!

Michael war ausser Fassung. Nach einer Weile bedauerte er schluchzend, dass seine leiblichen Dienste neunmal neun Stunden aufhörten; meine geistigen, setzte er hinzu, sollen nicht aufhören für und für. Er übergab seinem unsichtbaren Collegen seinen, wie er sich ausdrückte, ewig teuern Herrn, den er von seinen Händen fordern würde; – von seinen Händen, wenn er hände hätte, wo nicht von seinem ganzen Wesen, ohne das, was ist, nicht sein kann. – Vergeben Sie mir, gnädiger Herr, fing er wieder feierlich an, alle meine Fehler, meine Vorschnelligkeit, meine Schwatzhaftigkeit und alles, was noch sonst sich auf k e i t endet und enden könnte, in soweit es Ihnen zuwider sein konnte und zuwider war. Mein Herz war an keinem dieser k e i t e n schuldig. Auch verheiss' ich

Verheisse nichts, guter Michael! du wirst ohne Verheissung erfüllen; dein glühendes Gesicht spricht lauter als Worte. Ohne Zweifel gehörte vieles auf meine Rechnung, womit ich die deinige belastete. Lebten die Menschen mit ihren eigenen Leidenschaften beständig im Kriege, und mit den Leidenschaften anderer in ewigem Frieden, wieviel besser stände es mit der Welt! Lass uns bei dieser feierlichen gelegenheit, da wir einander beichten und absolviren, da wir scheiden und nicht scheiden, uns trennen und auf ewig verbinden; – lass uns die festen Gelübde erneuern, so wie die Laster und Torheiten ritterlich und knappelich zu bekämpfen, so die Schwatzhaftigkeit, diese niedrigste von allen Leidenschaften. Siehe! ein Schwätzer ist ein Verräter, der nicht bezahlt wird. Es scheint, edle Menschen sind im Reden unsere Lehrer, die Gotteit aber im Schweigen. – Bei den ältesten Einweihungen zu Mysterien ward Stillschweigen gelobt und geboten. – Fürwahr wunderbar! sagte ein Schwätzer einem Philosophen, der ihn anhörte. So wunderbar nicht, erwiderte dieser, als dass, der dich hört und Beine hat, nicht davoneilt als hätte er Flügel. Das ist der gewöhnliche Lohn der Schwatzhaftigkeit. Nicht wahr, ich habe dir lange Weile gemacht? fragte ein Plauderer den Aristoteles. Nein, erwiderte dieser, ich habe dich nicht gehört.

Weiss ich's nicht, gnädiger Herr? Und unvergesslich ist mir der Vergleich meines Gamaliel, der ihm vielleicht jetzt am teuersten zu stehen kommt. Ein Schwätzer ist wie ein Vogel, der alles im Schnabel trägt, sagte Gamaliel. Flösst er es den unbesiederten Jungen ein, immerhin! – jedem andern ekelt vor dieser losen Speise. Amen! erwiderte der Ritter, und nun empfange mein Testament.

Es gibt Dinge, in welche sich die Vernunft mit ihren Einwendungen so wenig einmischen sollte als der Staat in Privatangelegenheiten. Nicht in jedem Klima reisen Menschen, nicht in allen Lagen blühen sie in ihrer ganzen Schönheit auf.

Erbrich nach neunmal neun Stunden, von 12 Uhr Nachts an gerechnet, dieses Blatt, falls ich während dieser Zeit dich nicht sehe. Gott lohne dir deine Treue, guter Michael! – Grüsse meine Mutter! tröste sie! tröste Sophien! Ich mussich fühl' esich muss! – Schwer liegt es auf mir! – Ginge ich nicht, ich verlöre den Verstand wie der Atlet, der seinen Gegner tödtete. Lebe wohl! Verdammt sei jeder blick, der mir nachspäht! – Weg war er. Michael vermisste ein paar Taschenpistolen und einen

§. 114.

Dolch.

Eine unheilige Zahl, dachte Michael, und beschloss zu fasten, noch strenger als sein Herr während der letzten drei Tage gefastet hatte, und nichts zu essen und zu trinken, was zu essen und zu trinken reizen könnte. Es ward Michaeln, da er alle Umstände zusammennahm, einleuchtend, dass sein Herr, nachdem er den Brief an A e i o u gelesen, sich mit dieser u n h e i l i g e n drei versehen hatte. Auch nahm Michael gelegenheit, sich mit dem

§. 115.

Reitknecht

auszusöhnen. So versöhnungsgeneigt dieser auch war, so bestand er doch auf dem Bekenntniss, verwandt mit Michael zu sein, welches Michael nicht einräumen konnte. Was denn mehr, guter Michael? Räumt doch Herzog von Orleans öffentlich ein, der Sohn eines Kutschers zu sein? Doch schien Michael wirklich die Wahrheit auf seiner Seite zu haben, und der Stallknecht in einem verzeihlichen Irrtum. Beim Ende Ding unmöglich ist, sie noch verwandt werden könnten, obwohl Michaels künftige Gattin dazu nichts beitragen würde, welche indess der Reitknecht so viel und so wenig als der Bräutigam selbst zu kennen die Ehre hatte. – Beide Teile glaubten bei diesem Vergleiche unläugbare Vorteile erhalten zu haben. Man lasse den Menschen Worte,