Wie? Michael, rief der Ritter; hast du in so viel schulen der Weisheit noch nicht gelernt, dich ganz und gar von der Sklaverei des Todes zu befreien? Heisst bedingt fürchten nicht fürchten? Erinnerst du dich nicht der geschichte, welche der Seelenhirte uns so eindrucksvoll erzählte? – Als die Meister Hirame den Tempel zu Delphi vollendet hatten, und den Apoll um Belohnung baten, was erwiderte der Gott auf ihr Gebet? Sie würden ihren Lohn nach sieben Tagen empfahen. Am Ende des siebenten Tages überraschte sie der Tod in einem sanften Schlaf. Ei, ihr frommen und getreuen Knechte, ihr seid über wenig treu gewesen, ich will euch über viel setzen; gehet ein zu eures Herrn Freude. Die Liebe, welche zwei Brüder ihrer Mutter bewiesen, als sie sich einspannten und sie zum Tempel zogen, rührte die Alte so, dass sie die Götter anflehte, diese kindliche Treue zu vergelten. Sie fanden ihren Tod im Schlaf. Wer in seinem Beruf sein Leben verliert, erhält es für eine bessere Welt; und wer nicht Pilger und Bürger zu sein, unter Menschen zu haus zu gehören, und unter Menschen ein Fremdling zu bleiben versteht, verkennt seine diesseitige und jenseitige Bestimmung. Zeno von Citium, der ein Rheder war, hörte von dem Verluste seines unaffecurirten Schiffes; und wie glücklich machte ihn diess Unglück! Er ward aus einem Rheder ein Philosoph. – Von Helden, die nicht für Grillen ihres durchlauchtigsten Befehlshabers, sondern für ihr Vaterland das Leben liessen, heisst es im Geist und in der Wahrheit: Sie sind g e b l i e b e n ! geblieben im ehrenvollen Beruf, geblieben im ewigen Andenken der Ihrigen. – Auch wir, Michael, wenn es die Vorsehung will, die alles wohl macht, dass wir in der Lehre bleiben; Sophie und ihre Zofe, meine Mutter und die Nachbarschaft, Johannes und noch viel andere Freunde und Freundinnen – werden sie uns vergessen? Werden wir nicht bleiben in ihrem Andenken im Segen? – Die bittersten Spötter könnten auf unsere Leichensteine nichts mehr schreiben, als: Sie glaubten Eldorado schon auf Erden zu finden, und Eldorado ist unter der Erde! – Ach! Michael, ich habe Stunden, wo ich die Wahrheit lebhaft empfinde; nur oben ober unten ist Eldorado. Ihre Worte des Todes, gnädiger Herr, sagte Michael, sind mir Worte des Lebens, und es fehlt nicht viel, dass ich mich stark genug fühle, mit dem Apostel (der zu einer andern Zeit überkleidet zu werden wünschte) zu sagen: Ich habe Luft abzuscheiden. – Doch ist der Laurer gleich einem Diebe zu meiden; jener bringt uns um uns selbst, dieser um Sachen. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme Schaden an seiner Seele? Ew. Gnaden besitzen so viel Seelenglück, dass Sie mit den Gebietern der wunderbaren Höhle sich weislich werden einverstanden haben. Einverstanden, griff der Ritter ein; ich bin gesichert durch Unterpfand. Seit der Berufung zu diesem grossen Werke geleitet mich ein Geist, der auch jetzt mitten unter uns ist.
Den Ew. Gnaden sehen?
Den ich nicht sehe.
Doch sehen werden?
Von Angesicht zu Angesicht.
Bei meiner armen Seele! ich wünschte lieber heute als morgen.
War sein Einfluss auf unserer wunderbaren Wallfahrt im unerklärbaren Zuvorkommen nicht handgreiflich? Leitet nicht schon in dieser Welt der Weise alles? Verehrt man ihn nicht doppelt, wenn er einem andern den Schein und die Sichtbarkeit abtritt – und durch ihn die Honneurs machen lässt?
Diese Spuren jener Leitung durch unerklärbares Zuvorkommen konnte Michael, der an sich sehr geistergläubig war, nicht läugnen. Sein letzter Einwand: es sei schwer zu fassen, dass Menschen durch eine höhere Geschöpfsgattung begleitet würden, falls es unter Engeln, Klassen und herrschende und dienende Brüder gäbe, war nur ein schwacher Behelf.
Michael (erwiderte sein Herr), du denkst zu gut und zu schlecht von Menschen. Menschen können so weit kommen, dass sie die Tugend der Tugend halber lieben, und sie tun, um sie getan zu haben; die Menschen sind, bloss um Menschen zu s e y n ! Da freuen sich Geister, dass Menschen in eben dem Grade gute Menschen sind, als s i e gute Engel: und willst du ihnen diese Freude missgönnen? Nicht immer aber ist Menschen als Menschen, sondern gewissen durch diese Menschen auszurichtenden Taten ein himmlischer General-Adjutant beigeordnet. Das Christentum nicht allein, auch das heidnische Altertum glaubte Schutzgeisterschaft. Die Behauptung des Menander, jedem Menschen würde bei seiner Geburt ein guter Dämon, und die des Empedokles, es würden ihm zwei von verschiedener Art beigeordnet, scheint sie so unrecht? – So sokratisch es übrigens war, dass ich in den letzten Stunden meines Hierseins mich nicht mir selbst überliess, so ruft mich doch jetzt mein Schicksal. – Es geht auf Hochmitternacht. – Wir scheiden.
Michael seufzte – G o t t ! mit Tränen im Auge. Uns scheidet nur der Tod, sagte der Ritter. Auch der Tod nicht, gnädiger Herr! er wird gewiss so gütig sein, mich bei Ihnen zu lassen. Ich will mich mit Blut verschreiben, auch dort Sie zu begleiten. Bin ich nicht so einsichtsvoll wie Ihr Schutzengel, an Treue weiche ich ihm nicht!
Guter Michael! treuer Begleiter! Freund und dienender Bruder! Du kennst mich. Ich bin keiner von jenen Unempfindlichen, denen ein Freund so aus