wenn er nicht bloss Vorgabe wäre, die Herren Geistlichen, bei einer lebendigen und evidenten überzeugung von der künftigen Welt, so sehr am Irdischen hangen? Was gilt dieses Sandkorn Leben gegen den Montblanc der Ewigkeit? – Dein Gamaliel selbst würde so ordenslüstern nicht sein, wenn er w i r k l i c h glaubte. Alle Gläubigen, guter Michael, wenn sie gleich Mosen und die Propheten haben, sehnen sich nach Erscheinungen; und wenn einer von den toten erstände, und sie von der andern und dritten, und vierten und fünften Welt u.s.w. überzeugte, g l a u b e m i r , dann erst würden wir sehen, was überzeugung ist, und was sie wirkt. Sehen ist der edelste Sinn, dessen sich der höchste Geist nicht schämen darf. Das Licht zu jedem Chaos ist doch Sinnlichkeit, so wie der geistige Ausdruck, wenn er treffen soll, sinnlich ist. Gesetzt, Michael, meine Ordensuhr schlüge unrichtig; nicht wahr, wenn sie nur richtig zeigt? Wie man es nimmt, gnädiger Herr, sagte Michael, ich weiss nicht, was minder übel ist, taub ober blind sein. Ohne auf diesen Streifzug zu merken, fuhr der Ritter fort: Die Mysterien, denen ich zueile, sind, so wie alles, was göttlich ist, nicht an Geburt, Stand und Reichtum gebunden. Menschen machten Stände, die Gotteit schuf uns gleich. Nur dass du von stunde an mit verdoppelter Treue deine Seele in deinen Händen trägst, und dich aller Unreinigkeit und aller Speise und alles Getränkes entältst, das zum Essen und Trinken reizet. Mit leichter Ladung und leichten Segeln, das heisst, mit Mässigkeit und gutem Gewissen, fährt der Weise. Eine glückliche Reise! – Die Feste des Saturn sind die gemeinsten; es gibt Nektar und Ambrosia, Seelenspeise und Geistertrank. Zu diesen Festen schicke dich an, und dein tägliches Gebet sei: lass, wenn ich strauchle, wenn ich falle, nicht Feinde, sondern Freunde mich einlenken; lass mich nicht in die hände der Menschen, sondern in die hände, in die Zucht des Gewissens fallen. So richte deine erste Vorbereitung ein, und sie wird dir die andere, wie ich nach der Liebe hoffe, erleichtern! Schon der Maurerorden verstand das Geschenk jenes Schülers der Weisheit, der nicht Silber und Gold hatte, und s i c h s e l b s t gab. "I c h bin arm, allein ich bringe mich d i r . – " Die Menschheit ist wahrlich eine grosse Brüderschaft, unter die Gott die Erde geteilt hat!
Voll Rührung griff Michael in diese Rede, und war bis zum Verstummen dankbar, dass sein Herr die ausserordentliche Güte haben wollte, in Trophonius Höhle nicht allein zu Schaden zu kommen, und dass auch er an der Ehre teil nehmen sollte, den Hals zu brechen. "W i e s o l l t e i c h ' s n i c h t m i t F r e u d e n , dachte er, i n s o g u t e r G e s e l l s c h a f t ? " Dieser Gesinnungen ungeachtet konnte Michael (der den Rausch des Hochzeittages mit der Zofe völlig ausgeschlafen hatte) nicht umhin, dem Ritter noch einige Bedenklichkeiten zu wiederholen.
Dieser verwies ihm sein Misstrauen mit edler Sanftmut. Gehorsam ist besser als Opfer. Gehorsam ist Selbstopfer; ihn ohne äussern Zwang zu bewirken, ist das Geschäft des Weisen; ihn ohne Zweck zu leisten, die Würde des Tugendhaften. Die Hoffnung, fügte er hinzu, dieser Bote der Unsterblichkeit, dieser Engel Gottes wird mich leiten und stärken auf den finstern Pfaden zum Ziele. Weiss ich nicht, was jener Alte (Diogenes) sagt: Der berühmte Räuber Patäcion ist ein Eingeweihter; Epaminondas und Agesilaus sind es nicht, und wollten es nicht sein! – Wir denken nicht alle gleich; und ist es nicht gut, dass wir insgesammt denken, nur ein jeder anders? – Gift ist oft die wirkendste Arznei, und Trübsal und Angst Richtsteige zur Verklärung. Zweifel läutern unser Wissen, Leiden das Gold unserer Tugend; das Nichtwissen des Sokrates ist vom Vielwissen abgezogen. – Wird nicht Gold, so wird Porcellan. – Und was beabsichtigten wir mit unsern Kreuz- und Querzügen, die es gewiss weder auf eine einförmige Seereise, noch auf eine Wiesenaussicht anlegten? – Kein wohlgezogener Mensch erlaubt sich Ausbrüche der Freude (ich wette, du schämst dich des Phantasie-Hochzeitschmauses mit der Begleiterin); warum sollte man sich Ausschweifungen in der Traurigkeit und in der Furcht gestatten? Nur Kranke können nicht Kälte, nicht Wärme ertragen. Gott ist mächtig in den Schwachen; oft ist der Mensch in der Schwachheit am stärksten, und in der Verzweiflung vermag er alles. Kein Kreuz ist so arg, wo die Hoffnung nicht die Präscription unterbricht, und uns an Eldorado erinnert, das oben oder unten ist. Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.
Wer nach diesen Todesbetrachtungen den Tod noch fürchten kann, erwiderte Michael, ist der Furcht nicht wert; – kann man weniger wert sein? Ich fürchte den Tod nicht; doch fürchte ich ihn, ehe Ew. Gnaden Sophien, und ich die Kammerzofe kennen gelernt, und wir mit den Königinnen unserer Herzen, wenn Gott will, füufzig Jahre glücklich durchlebt haben.