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des Spitznamens. D r e i T h i e r e , sagte der Ritter, z u r F a b e l und z u r W a h r h e i t zu gebrauchen. Es blieb beim Sperber. Michael bezahlte den Löwenwirt, und in einer Stunde waren Ritter und Knappe im Sperber, wo der Wirt den Ritter versicherte, dass ein Geistlicher schon für ihn und sein Gefolge Zimmer und Stallung besprochen hätte. Seit wann? – Seit drei Tagen. – Und dieser Geistliche? – Logirt Numero Neun. Ihr Zimmer ist Sieben. Nach etwa neun Minuten erschien dieser Geistliche mit offenen Armen. Der Ritter, aus Schaden klug geworden, war so zurückhaltend, dass der Geistliche nicht früher, als bis er ihm einen Brief von der nämlichen Hand, als die Einladung war, übergeben hatte, seine Zunge löste. Hier ist der Brief:

Kannst du morgen bei Sonnenaufgang beten, – und ist dein Schutzgeist nicht unzufrieden mit dir, den du vor dem Gebetversuch zu befragen hiermit angewiesen wirst, so folge dem S e e l e n h i r t e n , der dich zur reinen Quelle zu leiten gesendet wird. Wache und bete!

Der Ritter verlangte Frist bis morgen früh, um sich mit dem Seelenhirten einzulassen; und dieser? spannte alle Segel der Beredsamkeit an, um den Ritter zu bestimmen, in feinen Hafen zutrauensvoll einzulaufen. Sobald der Ritter von seinen erlittenen Versuchungen anfing, bog der Seelenhirte weislich aus; indess war der Ritter fest entschlossen, so lange mit ihm zu ringen und ihn nicht zu lassen, bis er ihn segnete. Der Seelenhirte gab nun zwar kein Wort auf die wunderbaren Vorfälle, doch konnte er sich nicht einbrechen, sein Haupt zu schütteln. Der Ritter zeigte ihm den vom angeblichen O r d e n s v e r t r a u t e n erhaltenen Zettel, und der Seelenhirte, als tät' er's in Gedanken, zerriss ihn in neun Stücke, die er alle neun dem Vulkan opferte. Obgleich die Sonne des andern Tages nicht aufging, und dieser Skrupel unsern Ritter aus der Fassung bringen wollte, so war seine Seele doch schuldlos; und ist diess nicht Gebet ohne Worte? – Sein Gewissen war ohne Wolken, welche diesen Morgen das Sonnenlicht verfinsterten; und wenn gleich es nicht jedermanns Ding ist, einen unsichtbaren Genius um ein Testimonium anzusprechen, so glaubte doch unser Held, desselben nicht unwürdig zu sein, und dieser Glaube gab ihm Freimütigkeit nicht nur vor Menschen, sondern auch (es war ein irrender edler Ritter) vor Gott! Sein Herz verdammte ihn nicht, wer konnte ihn verdammen? Jetzt begann die eigentliche V o r b e r e i t u n g , mit einer Fastenempfehlung, bei der die Fische mehr noch als Fleisch widerraten wurden. – Ueberhaupt war alles Rat, nichts Anordnung im mund des Seelenhirten; und doch hätte der Ritter eher zehn Befehle übertreten, als einen so aus dem Herzen kommenden und durchs Herz gehenden Rat. Wenn sich doch diess unsere Seelenhirten von Gesetzgebern merken wollten. Unser Seelenhirte überliess seinem Schäflein von Ritter, ob er die dreitägige Fasten schon gleich im S p e r b e r vollenden, oder dazu einen Flecken, etwa eine halbe Stunde vonentfernt, wählen wollte. Der Ritter, entschlossen seinen Aschermittwoch sogleich anzuheben, merkte dem Seelenhirten die Neigung ab, heute noch mit ihm Fleisch und fisch zu essen; und so hielten sie denn ein Mahl mit Wohlgefallen, bei welchem der Seelenhirte so edel-ernstaft blieb, dass er beim Ritter, von Schüssel zu Schüssel, von Glas zu Glas, gewann. Ein Umstand erschütterte den Ritter; und dieser? Die Erinnerung an den Jüngling, der, wie sich der Seelenhirte ausdrückte, mit Christo ungefähr in der Lage war, wie Sie mit mir. Dieser Jüngling besass von seinem Schutzgeiste ein gutes Testimonium und Freudigkeit vor Gott. Er behauptete, alle Gebote gehalten zu haben, und doch stand er an, sein Hab und Gut zu verkaufen und es den Armen zu geben. Hätte der Jüngling, sagte der Ritter, Rosental gehabt, er würde es unbedenklich haben behalten können; es ist (freilich auf dem Papier) ein Heiligtum, ein irdisches und himmlisches Jerusalem. – Und Sophie? erwiderte der Seelenhirte. Wird an Sophien beim Jünglinge gedacht? Sie ist Schwester des Ordens der Verschwiegenheit, Mitglied der Adoptions-Maurer-Loge. – Ein Engel ist sie; wo sie ist, ist Eden und Himmel! A u c h E l d o r a d o ? Nein! ehrwürdiger Vater, El

§. 113.

Testament

Herzlich wünschte ich hinzusetzen zu können: Gehe du auch ein zu d e i n e s H e r r n F r e u d e ! Doch ist deine Stunde noch nicht kommen. V o r e r s t f a l l e d i e Binde von deinen Augen, und wenn du je deinen Herrn geliebt hast, beweise ihm diese Zuneigung jetzt, da er sie von dir, aus Ordenserkenntlichkeit, zu fordern glauben darf.

Schmeichelei, erwiderte Michael, ist eine Münze, mit der man am leichtesten seine Rechnung bezahlt; ich bin nicht für diese Münze. Nie werde ich vergessen, dass ich durch so viele Maurergrade durch Ihre Güte und Fürsprache geleitet ward; und wenn ich gleich keine Kiste voll Ordensbänder und Kleinodien besitze, die bei