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kennen, zu Dingen, die dem vernünftigen mann überschwenglich sind. Angeblich sind Sie in Geisterobservationen gesetzt. Haben Sie den Einfluss des Ihnen beigeordneten Genius gefühlt? Hat er mit Ihrem Geist sich so eingelassen, dass seine Existenz Ihnen kund und unläugbar ward? Auch die L o g e z u m h o h e n L i c h t ordnete Ihnen, da Sie Aspirant wurden, einen Genius zu, der eben so gut Fleisch und Bein hatte, als Sie; und dergleichen Mouche lässt sich denken und erklären; einen Geist aber einem in Fleisch und Blut gekleideten geist zugesellen, verbinden Sie diess? Kamen Sie nicht, bei Ihrer ersten Ordensausflucht zum h o h e n L i c h t , schon mit S o n n e und M o n d in Collision, obgleich dort bloss von Gastöfen die Frage war? – Was für Staub ich mache! sagte die Fliege auf dem Wagenrad. – Verstehen Sie mich, so werde ich Sie wieder verstehen, wo nicht, so ist's mir leid, ich weiss nicht, ob mehr um Ihren Verstand oder Willen.

Da der Ritter auf diese lange, harte Rede nichts antwortete, fuhr der Pistolenmann, wie es schien, noch mit mehr Festigkeit fort, wie folgt:

Mit Recht verlangten Sie meine Vollmacht zu meiner Frage; haben jene Höhlenunbekannte die ihrige gezeigt? Was für eine Bürgschaft leisteten sie, ob der so grossen Verheissungen, die sie vorspiegelten? Gaben Sie nicht schon dadurch, dass Sie die Befehle dieser Unbekannten befolgten, jedem andern das Recht, sich über Sie Zumutungen herauszunehmen? Macht's die Art, sich auszudrücken? Nichts ist leichter, als über Dinge, die wir nicht kennen, der Einbildungskraft, nicht Gedanken, sondern eine Art von Gedanken zu leihen, und die Bibelausdrücke, die ein Recht auf unsere Ehrerbietung von Kindesbeinen erlangten, in diess Garn zu ziehen. – Sie sind alle grab in der Maurerei durchgegangen; was ward Ihnen dafür? Sie entdeckten selbst Ihrem Johannes, dem Vertrauten Ihrer Seele, nichts von Ihrer Höhleneinladung, und hielten Ihre Verpflichtung gegen unbekannte Einladung höher, als die gegen Ihren Freund, der nur den einen Fehler hat, dass er nichts mehr, nichts minder von jeder Sache sagt, als was er davon begriffen hat. – Freilich, ein grosser Fehler! Nicht aber auch die beste Anlage zum Redner, wenn anders Redner nicht, wie Poeten, in jedem wohleingerichteten staat bürgerunfähig sind? Liess sich Sokrates in Mysterien einweihen, obgleich seine Weigerung einige Zweifel in Absicht seiner Religion erregte, und obgleich man gelegenheit nahm (um christlich zu reden), zu behaupten, dass er nicht zum Abendmahl ginge? Darf man bei einem guten Wein Kränze aushängen? M a n befragt das Orakel nicht unges t r a f t ; und wer erreichte je einen heiligen Ort und eine mystische Stelle, ohne zu verlierenwäre es auch nur – G e l d ! – Das heisst, Viel und Wenig, je nachdem man es anzuwenden versteht. Erhielten nicht in der Maurerei falsche Spieler, Ehebrecher. Betrüger Zutritt, wenn dagegen der Mann von Kopf und Herz auf die Ehre der Aufnahme völlig Verzicht tat, oder bei Erteilung der höheren Grade so gutwillig zurückblieb, dass man wohl einsah, er sei nicht begierig, mehr Vorhänge aufzuziehen? Diess ist der gang aller Mysterien, so alt und so jung, so wichtig und so unwichtig sie sein mögen. Wäre Johannes Ordensmann, wenn die Herren z u m h o h e n L i c h t ihn nicht, bei all seiner Finsterniss, nötig hätten? Würde er Ihnen in Sonneneinladungen nachstehen, wenn er minder ein offener Mann wäre? – Freund! erwiderte der Ritter, auch dem Schicksale, selbst wenn es uns verwahrlost, muss man Wort und T r e u e halten; – – und schwieg. – Und schwieg. –

Diese lange Rede hatte ihn in weit grössere Verle

genheit gesetzt, als die Pistolenbravade und als die Unterredung mit dem Fremdlinge; denn ausserdem, dass sie mit den Bedenklichkeiten übereinstimmte, die Ritter und Knappe unter einander gewechselt hatten, lag nicht der grösste teil derselben in der natur der Sache? Später besann sich der Ritter auf das Trostwort, dass der Glaube durchaus eine Sache sei, über die uns niemand zur Rede und Antwort stellen könnte und woraus keine Folgen zu ziehen wären. Nicht jeder Mensch sei an Major, Minor und Conclusio gebunden. Es hat Menschen gegeben, sagte er, die nicht wussten, was sie wollten, und doch grosse Männer wurden. – Sowohl Ignatius Lojola als Zinzendorf waren inconsequent; doch schlugen ihre Schüler in dieses Chaos Licht und Leben. Wenn ich zu P e t e r n ein Zutrauen habe, so kann P a u l nicht das nämliche fordern. – Manche Menschen tun alles, was sie tun, Gutes und Böses, als Ausnahme; manche tun alles nach der Regel. Sokrates, einer der edelsten unter den Menschen, hatte, ausser seiner excolirten Vernunft und seiner Weisheit, den untrüglichsten Wegweisern, noch E i n e n D ä m o n , der ihn nicht antrieb, sondern zurückhielt, der schwieg, wenn es gelingen sollte, und sprach, wenn ein missliches Ende bevorstand. – Es gefällt mir nicht an S o k r a t e s , in Beziehung auf diesen Dämon, dass er keinen, auch nicht den vertrautesten seiner Schüler