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etwas Vorzügliches zum Vorschein kommen solle. Jene Ueberlassung, wobei Verstand und Wille völlig untätig sind und nicht viel anders sich geberden, als falte man die hände, und als lege man sie in den Schooss, hatte unser Held bis jetzt noch nicht die Ehre zu kennen. Wie viel Mühe der gute Ritter, bei so viel ungläubigen Intervallen, dem auf ihn wirkenden geist gemacht, ist um so begreiflicher, als er, bis auf den heutigen Tag, noch nicht einmal eine Extemporaldass von einer Sache, worüber man nicht nachgedacht, unmöglich anders als unzusammenhängend gesprochen werden könne. – natürlich musste ihm, bei dieser Unerfahrenheit von jener höheren Wunbergabe, jenseit unserer Vorstellungen, mit dem Auge des Geistes zu sehen, geistige Gegenstände von Angesicht zu Angesicht zu erblicken und über sich selbst herüber zu ragen, noch weniger beiwohnen. Es war ohne Zweifel eine Lection des auf ihn wirkenden Geistes, als es unserm Helden, der einem Brief ohne Namen und Ort sich so blindlings überlassen hatte, zu rechter Zeit noch einfiel, wie schon Dichter in ihren hohen Abstraktionen sich aus ihrem eigenen in einen wildfremden Zustand versetzen können, und wie diese Versetzung nicht eine freie Uebersetzung seiner selbst, sondern ein so reines, abgesondertes und unbedingtes Original sei, dass auch nichts vom vorigen Zustande übrig bleibe. – Vom Dichter zum Candidaten der Sonne, mit Flügeln der Morgenröte, welch ein Abstand! – Man steht, unser Held ist fürwahr weiter, als er glaubt. Da grössere Dinge ihn heben, sollte er sich wohl von kleineren und unbedeutenderen niederdrükken lassen? Weg mit den Schuppen von den Augen! – Er gab seinem Pferde die Sporen, und diess ging, ohne dass er wusste, wohin. Kaum waren unsere Reisende zum Tor hinaus, als ein Bote, schön wie Ganymed auf feurigem Ross, mit einem Briefe auf unsern Helden zustürzte, und eben so schnell ihn verliess. Er erbrach den Brief, und fand, ausser dem Namen eines kleinen unbeträchtlichen Fleckens und der ihm nächsten Stadt, eine Anweisung zu einem geheimen Ort und einer mystischen Stelle, die siebenmal sieben Meilen von Ort und Stelle des Empfanges des Briefes lag! – Zusehends heiterte unser Held sich auf, er wusste w o h i n , und sah, dass, wenn gleich er nur ein Sohn des Mondes war, er doch in Ansehung der Zahlen sich nicht auf unrichtigem Wege befände. – Wer am meisten bei dieser

§. 105.

Parole

gewann, war Michael, der es seinem Herrn auf ein Haar abmerkte, dass der Inhalt des vom Götterboten erhaltenen Allerhöchsten Cabinetsschreibens ein Wort des Trostes gebracht. Wahrlich, fast zu viel Aufmerksamkeit, dass man weissgekleidete Jünglinge und Götterboten ausserordentlich versandte, obgleich ein chargé d'affaires bei unserm Ritter sich aufhielt. – Der Ritter brach schnell das

§. 106.

Stillschweigen.

Obgleich Michael sich anfänglich einbildete, sein Herr würde' ihn, einen dienenden Bruder, wegen des harten Worts S c h w ä t z e r einer Ehrenerklärung würdigen, so liess er doch seine Versöhnung wohlfeileren Kaufs, herzlich froh, über den Nicht-Vetter Reitknecht gesiegt zu haben. Dieser letztere mochte aus dem wunderbaren Briefe vielleicht anfänglich eine erneuete Empfehlung des Logenmitgliedes, welches indie Pferde seines Herrn geritten hatte, erwarten; doch gab er diese falsche Hoffnung bald auf, und fand, durch doppelte Portion von Essen und Trinken, sich so hinreichend entschädigt und abgefunden, dass er die Vetterschaft darüber vergass. – Nach Anleitung Esau's sie zu verkaufen, fiel ihm nicht ein, vielmehr behielt er sie sich wohlbedächtig auf bessere zeiten vor.

Der Ritter, der jetzt die lebendige Erfahrung gemacht hatte, dass die hohen S o n n e n b r ü d e r , ausser den Geistern, die sie auf ihre Candidaten wirken lassen, nicht nur eine Leibgarde zu Fuss, sondern auch zu Pferde halten, und sein Knappe, zufrieden durch die Zufriedenheit seines Herrn, wiederholten Grade, und wurden, ich weiss noch nicht eigentlich wie? und warum? auf den Umstand geleitet, dass es Menschen Gottes gebe, die sich selbst Religion und Gesetz wären, und die sich völlig ihren Pferden überlassen könnten, ohne einen von der Leibgarde hoher Obern, es sei zu Fuss oder zu Pferde, bemühen zu dürfen. Die Traurigkeit steht mit unverwandten Augen der Seele und des Leibes auf einen Ort, wogegen die Freude von einem aufs andere in die Kreuz und Quer springt. – Um indess jene Menschen Gottes nicht aus der Acht zu lassen (die, wie mich dünkt, noch zur leidlichsten Erklärung der Diderotschen Behauptung dienen, Religion und Gesetz wären ein Paar Krücken für Kopflahme), so behauptete der Ritter, dass der, welcher weiter als positives Gesetz und Menschensatzung zu gehen im stand sei, dadurch, dass er das Grössere erfülle, auch das Kleinere berichtige, welches der güldenen Regel, wer das Kleinere aufgebe, werde nicht Herr des Grösseren, nicht im geringsten zu nahe trete.

In den Augen des billigen Richters, der nach dem geist und nicht nach dem Buchstaben sein Amt führt, fuhr der Ritter fort, ist der Codex des Landes nur für den gemeinen Mann und nicht für den Menschen Gottes. Und doch, bemerkte Michael, könnte es Fälle geben, wo man bei all dieser Menschheit Gottes ingehangen, in – – geviertteilt, inin Oel gesotten werden, und invierzig Streiche weniger einen erhalten könne.

Allerdings, sagte der