1793_Hippel_038_14.txt

länger zu halten, kündigte ihm das Capital seiner Freundschaft auf, und das Ende vom Glückksliede war ein schrecklicher Tod am Kreuze, obgleich die Tochter, die ein Traum unterrichtete, den glücklichen Vater vergebens warnen liess, sich nicht unglücklich zu machen. – Wer nicht zuvor glücklich ist, kann nicht unglücklich werden, fügte der schwarze Magus hinzu, und verstreute so viel s i e b e n S a c h e n über Glück und Unglück, dass das erstaunte Elternpaar den Entschluss fasste, die Vorsehung nicht um Glück, sondern um Unglück zu bitten. – Das Glück, sagte er, ist eine Katze: es kratzt, wenn es leckt; eine Spitzbübin: es stiehlt dort dem verdienten mann Geld und Gut, um es dem unverdienten zuzuwenden; – es ist ein Glas, das, eben wenn es recht fein und reizend ist, am leichtesten und gemeiniglich in froher Gesellschaft bricht, wenn man mit Wohlgefallen trinken will. Schade um den schönen Wein, der hierbei verschüttet wird! – Wisst ihr nicht die geschichte des Sesostris, Königs in Aegypten? Er hatte einen Wagen, worin Jupiter zu sitzen, sich nicht hätte schämen dürfen, und den er von vier Königen ziehen liess. – Phöbus ausgenommen, wer hatte je ein besseres Fuhrwerk? Da eins der vier Königpferde mit unverwandtem blick die Räder ansah, wollte Sesostris wissen, was an diesem, aus Elfenbein, Gold und Edelsteinen bestehenden Wagen seine Aufmerksamkeit reize, und erhielt zur Antwort: Ich sehe den schnellen Umlauf der Räder, woran das höchste sobald das niedrigste wird! – Was tat Sesostris? Er liess ausspannen. – So schnell, setzte Magus hinzu, so schnell, wie ich anspannen lasse. Alles Bittens ungeachtet, ein Glas süssen Wein für diese bitteren Wahrheiten aus einem ehrenfesten Glase zu trinken, und Zuckerzwieback statt der bittern Salze seiner Rede, zu geniessensetzte dieser ewige Jude seinen Stab weiter, welches er durch den bildlichen Ausdruck a n s p a n n e n andeutete.

Diese Lehren schlugen das Elternpaar gewaltig nieder; besonders schwebte ihnen das Kreuz, an welches Polykrates geschlagen worden, unablässig vor Augen. Sie ermahnten ihren Sohn, den sie nicht lieben wollten und eben darum desto inbrünstiger liebtenund wer konnte umhin, es zu tun? Der Neid selbst hätte es getan, dem es überhaupt wenige oder gar keine Mühe kostet, glückliche Leute zu lieben, wenn er gewiss weiss, dass sie über ein Kleines unglücklich sein werden. – Ob man das zuweilen wissen könne? Ich glaube, ja!

Das Polykratische unseres Unglücklichen dauerte sehr lange. Er ward Soldat, und sein Vater beförderte seinen Entschluss, weil es eben einen grossen Krieg gab, damit eine Kugel ihn treffen und das K r e u z von ihm abwenden möchte. Tausend fielen zu seiner Rechten, und Tausend zu seiner Linken. Er stand, schlug Feinde und Freunde, und spielte den Meister, wo sein Auge und sein Schwert sich hinneigten. In kurzer Zeit brachte er es bis zum Feldherrn. Seine Nebenbuhler fielen, wie die Fliegen im Zimmer des Kaisers Domitian, oder zogen sich auf ihre Landhäuser zurück, da sie wohl merkten, dass sie mit einem solchen mann nicht Schritt halten konnten. Sein Weib war so liebenswürdig und so treu, dass kein Fähnrich es wagte, ihren Reiz anders als in Gedanken zu bewundern. Als er siebenmal sieben Jahre alt war, kam sein böses Stündlein! Sein liebenswürdiges Weib sank in eine unerklärliche Schwermut. Sie glaubte, ihr Mann wolle sie heimlich vergiften; – und da sie von dieser schrecklichen idee nicht abzubringen war und sich ihretwegen alles Genusses von Speise und Trank entielt, so starb sie unter bitteren Klagen über ihren Ehemann, den sie so herzlich geliebt hatte. – Seine Tochter, der Abglanz det Mutter an Leib und Seele, ward von einem Jüngling geliebt, dessen Verstand und Schönheit aller Augen auf ihn zog, und der ein so getreuer Verehrer seiner Vielgeliebten war, dass alles, was lieben wollte, sich auf dieses Paar, als das Ideal reiner Liebe, bezog. – "Liebt euch, so wie Hans Greten," sagten die Schönen; und die Jünglinge: "so wie Grete Hansen" – und siehe! Vater und Tochter werden an Einem Tage krankund die Tochter durch die Blattern völlig entstellt, so dass nicht Gestalt und Schöne an ihr ist. Sie starb endlich nach ihrem Wunsche, dem ihr betrübter Liebhaber indess auf keine Weise beitreten wollte; denn er beteuerte, dass die Blattern seiner Liebe, wie Unglücksfälle der Tugend, nur einen neuen Glanz beigelegt hätten. Der Vater vergass seine Tochter, um den über ihren Hintritt verzweifelnden Jüngling zu beruhigen. Seine Kräfte nahmen seit geraumer Zeit von Tage zu Tage ab; jetzt schwanden sie von Stunde zu Stunde. Er machte ein Testament, wendete seinem Schwiegersohne sein ganzes Vermögen zu, und schien beruhigt zu sein; allein leider nicht auf lange: – er erlebte das Unglück, dass sein Erbe seine Verlobung mit einer Dirne bekannt machte, die seiner und der Seligen so unwert war. O, des Ruchlosen! Nicht einmal den so nahen väterlichen Tod abzuwarten! So vieler Liebe wäre ein weit minder gütiger Vater wert gewesen. Man sagte, die Dirne hätte zu diesem Drang Ursache gehabt. Der Vater schwankte ob er sein Testament ändern, oder diesen Undankbaren mit Grossmut strafen sollte. Er entschloss sich zum letzteren. Von aller Welt und von seinem Schwiegersohne verlassen