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behauptete, der Werbehauptmann würde seinem Novizen drei Viertelmeilen entgegenkommen; wer sich aber irrte, war Protagoras. Am Tore, da man das gewöhnliche Examen hielt, überreichte man dem Junker, sobald man seinen Namen vernahm, einen Brief. Ha, dachte Michael, doch gewonnen! Wieder verloren. Es entielt dieser Brief keine Sylbe weiter als eine Logisempfehlung: zur

§. 94.

Sonne

Michael, der ungehalten war, dass der Werbehauptmann ihn zweimal fehlen lassen, wiegelte seine ganze Beredsamkeit auf, um seinen Herrn zu bewegen, z u m M o n d e , einem Gastofe, einzukehren, wovon sie unterwegs eine vorteilhafte Beschreibung eingezogen hatten; indess gewann Michael, seiner Beredsamkeit ungeachtet, das missliche Spiel seiner Rache nicht, und es blieb bei der Sonne. Auf einen ganz unfehlbar gerechnet, indess wollte jener durch diese Kälte den Candidaten noch hitziger machen, und wahrlich, es ist ein plumpes, doch fast immer unfehlbares Mittel, junge Leute in einen Brennpunkt zusammenzudrängen, wenn man sie warten lässt. – Unser Werbehauptmann hielt sich in Beziehung auf seinen Novizen für nichts weniger als einen Newton, dem die natur, wiewohl ohne Reception, ihre fünftausendjährigen Geheimnisse offenbarte und gewisser als Protagoras würde der Werbehauptmann sein Spiel gewonnen haben, wenn nicht die Dame im Meierhofe geplaudert hätte.

Der Wirt zur goldenen Sonne, dem nichts von Montirungsstücken vorentalten und verkürzt worden war, gab sich auf eine, wiewohl einstudirte Art Mühe, den Werbehauptmann ins vorige Licht zu setzen. Er versicherte, dass er das Glück gehabt, sich seinen Abschied selbst zu geben, um sich desto mehr dem Orden zu widmen. – Niemand kann zweien Herren dienen! Und sich von mehr als einem Begleiter bedienen lassen, fügte Protagoras hinzu, und war in grosser Versuchung, den Gastwirt auf sich selbst zurückzuführen, der nur durch die Vielheit der Herren gewinnt, denen er dient, und je mehr er deren zählt, je berühmter ist seine S o n n e . Doch beschämte Michael diessmal die Dame im Meierhofe. – Ein Fall, der ihn nicht auf die probe stellen muss! Hast du gehört, Michael? sagte Novicius.

Ich habe mir M ü h e gegeben, gnädiger Herr, über die Erzählungen der Schwiegermutter hinweg zu hören.

Warum M ü h e ?

Weil wir nicht im M o n d e , sondern i n d e r S o n n e logiren.

Ich verstehe, soll man sich aber andern zu sehr überlassen und vor Baal, er erscheine wie er wolle, die Knie beugen? – Nicht die Gotteit kann uns glücklich machen, wenn wir nicht selbst Hand aus Werk legen.

Auch ich verstehe, gnädiger Herr! – Allen Baals zum Trotz lebe der Orden!

Er lebe!

Der Besuch des Novizen bei seinem Conduktor ward schnell erwiedert, und nur eine Stunde später, so wäre der Meister dem Jünger zuvorgekommen! Dem Gastwirt zur Sonne war es nicht entgangen, dass das Zutrauen bei weitem so gross nicht sei, als es beim Novizen gegen seinen Conduktor von Rechtswegen sein sollte, und in der Tat, Novicius hatte einen grossen teil der hohen Meinung aufgegeben, die er ehemals vom Werbehauptmann gefasst hatte. Am Wirt lag es freilich nicht, den Werbehauptmann zu heben. Dass er mit seiner Schwiegermutter in keine kleine Fehde geraten, und dass die gute Frau das letzte Wort behalten, gehört nicht so eigentlich zur gegenwärtigen geschichte; wohl aber, dass die Tochter, obgleich zum Glück unseres Junkers, nicht wie gestern und ehegestern gegen ihn sich betrug. – – Die Scene veränderte sich, der Orden ward gerechtfertigt, und ein gewandter, junger Mann erhielt den Auftrag, den Candidaten vorzubereiten. – Dieser abermalige Abschied, den der Werbehauptmann erhalten zu haben schien, setzte unsere beide Aspiranten um so weniger in Verlegenheit, als gleich beim ersten Besuch der Antrag des Junkers, seinen Begleiter mit aufzunehmen, mit Wärme bewilligt ward: – als d i e n e n d e r B r u d e r , versteht sich. Protagoras hatte um so weniger beim dienenden Bruder eine Bedenklichkeit, als es ihm nicht um Rang und Stand, sondern um Meisterschaft und Einsicht zu tun war, und die Sache zu den Füssen Gamaliels in Erwägung genommen, der Herr dient so gut als der Diener. – Es ist mir nicht erlaubt, die d r e i , s i e b e n , n e u n und z e h n Siegel der Papiere zu brechen, welche die Aufnahmen des Junkers und seines Begleiters in den Maurerorden, und alle seine viele Haupt- und Nebenzweige betreffen. Immerhin! was gewinnen, was verlieren wir? Wissen nicht in unsern wunderlosen Tagen Ungeweihete oft mehr vom Maurerorden, als active Teilnehmer desselben? Wer bei diesen ungelöseten Siegeln der Offenbarung sankt Johannis, seines öffentlichen Gebets und seiner geheimen Wünsche ungeachtet, einbüsstewar Pastor loci, der ein für allemal sich entschlossen hatte, vom Maurerwesen und Unwesen nicht zu glauben, was er las, sondern was er hörte. D e r G l a u b e k o m m t d u r c h d i e P r e d i g t . Darf ich Sr. Wohlehrwürden mit ein paar Spruchstellen auf bessere Wege leiten?

Marc. 4. V. 22. Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar würde, und ist nichts Heimliches, das nicht hervorkomme. Und V. 24. Sehet zu, was ihr höret