zeigen soll, als er ist?
Allerdings.
Können sich aber, selbst unter seinen Spiessgesellen, nicht einige finden, die weniger böse sind, die durch die Offenheit ärger noch würden, als sie waren?
Schwerlich! viel, kann's hier nicht zu verderben geben.
In der Tat, dieser Tugendschein ist von der grössten Wichtigkeit; er legt einen Beweis ab, dass auch Bösewichter die Tugend innerlich ehren. Zieh diesen Vorhang, nimm diesen Schein hinweg, lass Menschen sich zeigen wie sie sind – und es ist das Schrecklichste, was man sehen kann. Lass immerhin, wenn in der Mördergrube über den Eingefangenen votirt wird, das votum decisivum heissen: nicht Blutdurst, nein! die Furcht nicht verraten zu werden. – Lass dem Bösewicht, der dem Unglücklichen das Leben nimmt, die Träne im Auge.
Damit meine Leserwelt nur ja nicht wähne, es würde jeder Ritt meiner Reisenden so weitläufig werden. Behüte! ich musste diess Paar repräsentiren. – Und darf ich bei dieser gelegenheit an die Spruchstelle erinnern: i c h p r e i s e d i c h , V a t e r , d a ss d u s o l c h e s d e n sich dünkenden W e i s e n und Klugen verborgen und es dem U n m ü n d i g e n , dem gemeinen Menschenverstande, der andern nicht Staub in die Augen streut und auch nicht leidet, dass andere Staub in die seinigen streuen, o f f e n b a r t h a s t ? – Nicht als ob Protagoras hiess Kleinod ergriffen hätte, sondern dass sein unverbrehter Kopf und sein unverfälschtes Herz dazu keine kleine Anlage hatte.
Uebrigens sind zu grelle Abstechungen in den Charakteren wahre Unnatur. Die Menschen sind sich in der Tat gleicher als man glauben sollte, – und wenn man die Funken ihres Kopfes entflammt, was kann aus ihnen werden! – Von Scheidemünzmenschen ist hier die Rede nicht, sondern von Menschen von besserem Schrot und Korne, zu denen Protagoras gewiss gehörte. Die Mediceische Venus ist von der natur gewiss entfernter als Protagoras vom Demokritus. – Es war nicht anders als würden Michaeln die ihm unbekanntesten Dinge als bloss vergessene in Erinnerung gebracht. Scheint es nicht, die Menschen wären schon ehemals wo gewesen, wo sie das alles gewusst hätten, was sie jetzt ganz frisch lernen? Katechisirte Sokrates nicht alles aus seinen Schülern heraus? Sie waren der Stein, aus dem sein Stahl Funken schlug. Können wir nicht durch wohleingerichteten Unterricht andere selbst weiter bringen, als wir selbst sind?
Noch mehr. Kann der Mensch je mit den Augen des Geistes oder der Sinnen mehr sehen wie andere, kann er je ein geist- und leibliches Sonntagskind werden, so ist's gewiss auf dem Wege der Unschuld, der Kindeseinfalt, der reinsten Güte des Herzens und bei der höchsten moralischen Vollkommenheit, zu der Menschen diesseits gelangen können. – Um mich des Ritters zu erinnern, der nun schon weiss, wie es oben und unten zugeht, lasst mich mit seiner Losung, die in Rosental eine Art von Ja und Amen war, schliessen oben oder unten ist Eldorado! Eldorado! – Unser Held und sein Begleiter kamen zum
§. 90.
Fräuleinsohne,
der sie l ä n d l i c h , s i t t l i c h , wie er sich ausdrückte, empfing. Er war, wie wir wissen, nicht ohne Kenntnisse, allein durch seinen Ueberschritt von Sekunda auf Prima hatten sie wahrlich nicht gewonnen. Man sah ihm zwar noch das Kind der Liebe und der Wonne an, doch hatte hiess Ebenbild durch die Standeserneuerung gelitten. Da er vom Werbehauptmann, wie er sich ausdrückte, höchlich vernommen hätte, wie viel Dank er dem Rosentalschen haus sowohl wegen seiner selbst als wegen seiner wohlseligen fräulein Mutter schuldig sei, so war unser Biedermann über diesen unvermuteten Besuch hoch erfreut. Zu dieser Freude trug der Umstand bei, dass Heraldicus junior mit ihm wegen seines Gütchens in Unterhandlungen stand, und er als Verkäufer begierig war, sich nach den Umständen des Käufers zu erkundigen. Eine gewisse Ungeschliffenheit konnte weder er noch sie verläugnen, doch fiel die ihrige weniger auf. Weiber haben an sich und von natur mehr Lebensart als Männer. Unsere Dame hatte sich ohnehin durch das Bewusstsein ihrer Geburt von dem, was gemein und niedrig ist, von jeher zu entfernen gesucht. Jetzt waren Schwiegersohns zu einer Manier gekommen, die etwas widerlich abstach, und nie würden sie in die Melodie jener hohen Festtagsfreuden sich haben zurückbringen können, zu welchen sie ein Glas Most erwärmte und wobei sie über ihre wunderbaren Weihnachten so herzlich zu lachen gewohnt waren. Der jetzige Ton im Meierhofe des Findlings liegt ungefähr in der Antwort, die ein Emsiger seinem Fürsten gab. Ich habe von Ihm geträumt, Freund Emsigerl sagte der Fürst. – Ew. Durchlauchten werden gnädigst verzeihen – was denn? – Es wäre meine Schuldigkeit gewesen, von Ew. Durchlaucht zu träumen. – Oder in der Höflichkeit jenes Postmeisters, der sich beim Besuch des Fürsten gewaltig entschuldigte, dass er ihn im Schlafrock träfe und geschwind für den kattunenen einen seidenen anzog. Die Frau Werbehauptmännin dagegen war eine wahre Werbehauptmännin, das heisst eine so seine Weltfrau, dass man erstaunen musste, wie bald sie zu diesen Werbeeigenschaften sich hinaufstimmen können. – Sie nahm eben von ihren Eltern, welche sie besucht hatte, Abschied, als man den Junker bewillkommte, und