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s e l b s t Sich befinden, so doch nicht entfernt von demselben sein werden.

Dein Gamaliel, erwiderte der Junker, hätte dir Zeit gönnen sollen, dich in der Frisir-, Rasir-, Complimentir- und in andern deinem stand angemessenen Künsten, wohin ich die Kunst des An- und Auskleidens mitrechne, unterrichten zu lassen, ohne deinen Kopf mit dem Herkules und seinen beiden Paradiesschlangen zu belästigen, und wenn ich mich gleich meiner Nottaufe zu schämen keine Ursache finde und nur selten jemand so viele hohe Taufzeugen aufzuzählen haben wird, obschon ich wegen meiner 24 Vornamen in Punkto der Vokale keiner geringen Schwierigkeit ausgesetzt bin –; so ist es doch unschicklich, dass du dir herausnimmst, mir im Angesicht des Herkules meine Nottaufe vorzuwerfen. Ich sehe wohl, dass, wenn du gleich, wie Protagoras, das Holz deines Katechismus zu binden verstehst, dir noch sehr viel abgeht, um ein brauchbarer Diener zu sein.

Wahr, gnädiger Herr! und das traurigste dabei ist, dass man ein brauchbarer Diener zu sein auch von dem brauchbarsten Herrn nicht lernen kann, vielmehr sollen die brauchbarsten Herren in diesem Unterricht leider! die unbrauchbarsten sein.

Was die weibliche Erscheinung b e t r i f f t , d e r e n d u g e d e n k e s t , fuhr der Junker fort, so kann meine Zunge nie den Namen Sophie aussprechen, ohne dass mein Herz gerührt ist. – Ich berechtige dich hiermit, ihrer, so oft es dir gefällt, zu gedenken. Noch sei es dir unverhohlen, dass ich wünsche, es möchte, da wenig oder gar keine Logik in deiner Rede liegt, mit mehr Logik geschehen. Denn wenn Sophie aus Orden und Liebe, wie der Mensch aus Leib und Seele, bestünde, so würde freilich die Frage: wohin? keinem Zweifel unterworfen sein. Da sie indess nur den ersten Grab des Ordens der Verschwiegenheit besitzt, und ihre erlangten Einsichten, als Mitglied der Adoptionsloge, bei unserem Nachbar nicht leuchten liess, so kann diess alles, und wär' es zehnmal so viel, gegen die Loge zum hohen Licht, wo ich auf der Exspektantenliste stehe, wenig oder nichts betragen, und du siehst von selbst ein, dass ich die Wahl habe, dem Orden, der mir in der person des Hauptmanns erschien, oder der Liebe, die in Sophien leibhaftig wohnt, zu folgen. Das sind die beiden arme des Weges, und welchen ich ergreife? – das ist die Frage.

Michael, der wohl einsah, dass er durch die Erinnerung an die Nottaufe, im Angesicht des Herkules, einen grossen Fehler der Lebensart begangen, und dass er, zum Nachteil der Loge zum hohen Licht, in Sophien nicht Orden und Liebe vereinbaren können, riet zur Loge zum hohen Licht, um eines Teils, wie er glaubte, nach den Gesinnungen seines Herrn zu votiren, andern Teils aber, um hierdurch in den Stand zu kommen, desto geschwinder seinem Gamaliel den Segen zu erwiedern, womit er ihn ausgestattet hatte. – Wenn ich nun gleich nicht läugnen will, dass, wenn Michael Sophien den Apfel, wie weiland Paris der Venus, gegeben, sein Herr eben so unzufrieden geschienen, so verwies ihm doch der Junker seinen Rat und hielt auf Sophien eine starke Lobrede, dass Michael stehenden Fusses seine Meinung änderte, und, aller obigen so wichtigen Gründe ungeachtet, Sophien vorschlug. – Das Resultat war, dass sie e i n e n Weg ausforschen wollten, mittelst dessen man z u Sophien und z u r Loge zum hohen Licht kommen könne. Das ist freilich die sicherste Partei, zu der ein weiser Richter in der Mitte zweier kunsterfahrner Advokaten sich zu entschliessen pflegt. – Wer beiden Recht gibt, verdirbts mit keinem von beiden. Hiezu kam, dass Michael ganz richtig bemerkte, sein Herr sei bei weitem so übel nicht daran, als Ritter Herkules, indem nicht zwischen Tugend und Wollust, Tätigkeit und Faulheit, sondern zwischen Tugend und Tugend, zwischen Orden und Liebe der Streit war. – Nach diesem wichtigen Streit hätte man freilich glauben sollen, das gezogene Resultat habe sie aus aller Not gebracht, allein sie waren, wie es fast immer bei Streitigkeiten geht, bloss aus einer Not in die andere gekommen. – In der Tat, sie kamen keinen Schritt weiter, denn wo war dieser Weg, um Orden und Sophien zu finden, oder zwei Fliegen mit einmal zu schlagen? wie Michael sich ausliess. – Man entschloss sich, beim Fräuleinsohue Feuer zu holen, und dazu hätte man sich, wie mich dünkt, ohne die Frage: wohin? und ohne so viel gelehrte Antworten entschliessen können. Sage mir aber, sagte der Junker auf diesem Wege zu Michael, was du überhaupt von Herkules Versuchung denkst? – Eben das, was ich von einer andern höchst merkwürdigen Versuchung, welche der Satan wagte, denke, erwiderte Michael, wovon mich die vernünftige, lautere Milch meines Gamaliels unterrichtet hat. Die Tugend und das Laster, die Wahrheit und die Lüge, Gott und Teufel, halten in uns jeder seinen Advokaten, welche die Sache ihrer Machtgeber vertreten; und da kommts nun darauf an, wozu die Vernunft, als der weise Richter sich entschliesst, um die Angelegenheiten zu entscheiden und zur Execution zu bringen. Hebe dich weg, Laster, hebe dich weg, Lüge, hebe dich weg, Satan!

Du glaubst nicht an wirkliche Erscheinungen?

Noch