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und die Staatslivree ward schon in den ersten vierundzwanzig Stunden so bezeichnet, dass man sie, unter vierundzwanzig andern, auf den ersten blick gekannt haben würde, wenn auch diese sonst ganz gleichförmig gewesen wären. Mit seiner Frisur lebte Michael in beständigem Zank und Streit; sie befand sich immerwährend in einer Lage, als ob er sich gerauft hätte. Indess erregten alle diese Flecken und Runzeln beim Junker keine Bedenklichkeit, ihm das Prädikat als B e g l e i t e r zu bewilligen und diesen Vorzug nicht bloss auf den Titel einzuschränken, sondern ihn auch auf den Geist dieses Namens auszudehnen. Der Pastor fand die Wahl vortrefflich, weil er durch Michaeln von den Ordensfortschritten des Junkers getreulich unterrichtet zu werden hoffte. Er hatte den Protagoras zu seinem geheimen Untergebenen (warum soll man denn bloss geheime Obern haben?) gemacht, damit er, wo möglich vom Glauben zum Schauen gelangen möge, als welches wir ihm von ganzem Herzen gönnen wollen. – Nachdem er Michaeln mit seinen Ideen bekannt gemacht, segnete er ihn zu seinen Kreuzzügen so rührend und ungewöhnlich, wie Voltaire den Enkel Franklins, ein, wiewohl weit ortodoxer, förmlicher und seiner Absicht anpassender. – Nichts bedauerte er so sehr, als dass er diese Reise mit dem rücken ansehen musste. Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet, fing er an, und schüttelte gewaltig sein Haupt über den Heraldicus junior, der diese Reise um die moralische Welt ausgeschlagen hatte. Der Tag zur

§. 88.

Abreise

ward mit Genehmigung der Ritterin bestimmt. Der Pastor loci ermangelte nicht, ö f f e n t l i c h zu beten und i n s g e h e i m zu wünschen. – O e f f e n t l i c h brachte er dem lieben Gott seinen Kirchenpatron in brünstig, damit er zur Freude und zum Trost der durch das Ableben des Ritters tiefgebeugten Frau Mutter Gnaden, mit K e n n t n i s s e n b e r e i c h e r t , sich selbst zur Ehre, seinem Geschlechte zur Zierde, und allen zur Bewunderung heimkehren möge, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, Amen. In seinen geheimen Wünschen ging er viel weiter. Da die meisten Menschen in ihren Gebeten eine gewisse Lebensart oder Bescheidenheit beobachten, so glauben sie, in ihren Wünschenals hörte sie Gott nichtdreister und ungezogener sein zu können. Soll ich diese v o r s i c h ' s mitteilen? – Ich dächte, meine Leser wüssten sie so gut, als der Pastor und ich. – Auch den Begleiter des Kirchenpatrons schloss er ins Oeffentliche und ins Geheime ein. über die öffentliche Empfehlung der göttlichen Gnade und Treue ward, obgleich sie freilich nur beiläufig geschehen konnte, Michael bis zu Tränen gerührt. – Viele in der Gemeinde schluchztenindess so laut bei weitem nicht, als am zehnten Sonntag nach Trinitatis. – So wie der Ritter einige Tage vor seinem Ableben Abschied genommen hatte, so teilte auch die Ritterin, viele Tage vor der Trennung, ihrem Sohne das Schatzkästlein mütterlicher Lehren und Segnungen mit, unter denen Sophie natürlich eine Hauptrubrik ausfüllte. – Die Welt stand ihm offen; war es Wunder, wenn die Frage:

§. 89.

wohin?

unserem Junker und seinem Begleiter eine lange Unterredung kostete? Ich will sie kurz wiederholen.

Als Herkules, fing Michael an

Wie kommst du und Herkules zusammen? griff der Junker ein.

Nicht ich, versetzte der Begleiter, sondern Herkules und Sie, oder Sie und Herkules sollen zusammenkommen. – Oder soll ich nicht die Ehre haben, den Herkules zu kennen? Da wär' ich nicht wert, Sie zu geleiten auf den Bahnen zur Rittermeisterschaft; – nicht wert, zu den Füssen Gamaliels gesessen und die vernünftige, lautere Milch eines Unterrichts eingesogen zu haben, den man in Osten, Süden, Westen und Norden schwerlich vernünftiger und lauterer finden wird. – Der grosse Ritter Herkules hatte die Qual der Wahl zwischen Wollust und Tugend, und wie? – Es erschienen ihm zwei weibliche Figuren. Was tat er? Er fasste sich und machte es wie ein weiser Richter, der ein paar Advokaten hört und sich entschliesst

Dem ist also, sagte der Junker. Was willst du aber bei der Frage w o h i n , mit deinen weiblichen Figuren, deinem paar Advokaten und dem weisen Richter,

Um Ihre Lage misslicher darzustellen, als die des Herkules, der vielleicht kurz vor der Abreise von seinem Rosental, nach dem hohen Licht, diese Erscheinung hatte. Denn zu geschweigen, dass man zwischen Lea und Rahel, falls man nicht auf beiden Augen blind ist, einen Unterschied zu machen im stand ist; zu geschweigen, dass Herkules nicht die Nottaufe erhielt (die bei uns Rosentalern allen im Segen ist und bleiben wird), vielmehr schon als Kind in der Wiege zwei Schlangen, die ihm nach dem Leben trachteten, erdrückte, so ist Ihnen nur eine einzige weibliche Figur erschienen, die Sie als Huldgöttin und Schwester zu weisen strengen Ordenspflichten und zum sanften Ehebette, gleich stark einlud. Wohin Ew. Gnaden bei diesen Umständen sich wenden werden? ist die Frage, die genau genommen, nicht schwer zu beantworten sein kann, denn ich glaube, glauben zu können, dass, wenn Ew. Gnaden fräulein Sophien entdecken, Sie durch ihren Besitz, wo nicht i m h o h e n L i c h t e