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sich Legatarius, der aus einer Studirstube in die Welt getreten war, von seiner Ordensverachtung um so weniger Etwas merken, da er für seine anhänglichkeit an das Rosentalsche Jerusalem so reichlich belohnt war! – Diess erkannte er mit so vieler Rührung, dass er, dieser Spielerei eine gute Wendung zu geben, sich philosophische Mühe gab, und am X. Sonntage nach Trinitatis in die Kirche ging sein Leben lang. – Nie anders als mit Ehrerbietung dachte er des Ritters, und da er bei allem seinem Freiheitssinn die Poesie liebte, und selbst im Stillen Verse creirte, so erschien auf das Ableben seines Wohltäters unter der Aufschrift: d e r r i t t e r l i c h e T o d , ein Gedicht, das man auch befreites Jerusalem hiess. Hier ermangelte er nicht, zu bemerken, dass die Vernunft auf ihrem Präsidentenstuhl gesessen, und wenn Fürsten Lieblinge und Päpste Nepoten, Geistliche Inquisitionsscharfrichter hätten, und Richter hellsehende Blinde wären, sodoch, man weiss schon, was auf einen dergleichen Anfang in Lobgesängen folgt. Auch nahm er sich vor, durch ein komisches Heldengedicht die Consistorialcommission zu verewigen. – Nun war der Punkt wegen der

§. 86.

Begleitung

noch zu erörtern. Michael, der dem verstorbenen Ritter vom Pastor loci empfohlen, in dieser Rücksicht gemeineren arbeiten entnommen und zu einer bessern Klasse der Dienste bestimmt war, entschied den Fall, der ohne ihn gewiss so leicht nicht zu entscheiden gewesen wäre. Mann und Frau, sagte Michael, Vater und Sohn, Herr und Diener: Was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht scheiden; und scheidet nicht ein Dritter solche Paare von einander, die Gott zusammengefügt hat? Ist dieser Dritte alsdann nicht gemeinhin ein Eheteufel? Warum nicht gar, erwiderte der Junker. – Ist drei nicht eine heilige Zahl? Gibt's nicht in der natur ein Dreiblatt (Trifolium), welches ein herrliches Hausmittel ist und auch in der künstlichen Arzneikunst gebraucht wird? Können nicht Vater, Mutter und Sohn oder Tochter eine Dreieinigkeit ausmachen, welche die natur begünstigt? – Ich will dich nicht zurück in deinen Holzbündel von Katechismus führen. – Michael, der eine knechtische Furcht vor dem Katechismus hatte, fiel seinem Herrn demütigst ins Wort, um ihn an den Stand der Ehe zu erinnern, wo ein Dritter alles in Unordnung brächte, es wäre künstliche Arznei gebraucht würde; und sei es, dass ihm der Cavalier einfiel, der mit fräulein Sophie von Unbekannt drei Viertelstunden, wiewohl in Gegenwart der Kammerzofe, conversirte, oder dass er durch die überzeugung, die heilige Zahl verliere in der Ehe ihre Heiligkeit, zu Paaren getrieben ward, kurz und gut, der Junker schwieg und Protagoras hatte gesiegt! – Jetzt allererst fiel er auf die Frage: bin ich denn nicht alt genug, mich ohne Heraldicus junior zu behelfen? Wird man nicht Bedenken tragen, mit den Vokalgeheimnissen herauszurücken, wenn Zwei sind, die darnach trachten? – Michael war äusserst verlegen über diese letzte Frage, welche der Junker so laut dachte, dass Michael sie vernahm. natürlich fielen ihm die Nachrichten ein, die er seinem Mäcenas verheissen hatte, und die Wiss- und Neugier gehörten zu seinen Tugenden und Untugenden. – Man sagt, dass diese und einige Tugenden und Untugenden von Einem Vater und zwei Müttern wären. – Freilich kommt's viel auf die Mütter an! – – Die Sache ward der Ritterin referirt, und sie bestätigte die Wünsche ihres Sohnes, und ermahnte den Protagoras, sich des Zutrauens würdig zu machen, das man in ihn auf eine so einleuchtende Weise setzte. Wer hätte sich besser als

§. 87.

Michael

geschickt, den Junker zu begleiten? Michael war so wenig ein Jadiener, als der Junker ein Jaherr. – Der letzte hatte seine Partie genommen, und ich stehe dafür, Michael wird auch die seinige ergreifen. Bei viel Gutmütigkeit, besass er die Gabe, jede Sache von der natürlichen, vielleicht eigentlichen Seite zu nehmen, und sie von aller Kunst zu entkleiden, so dass sie oft nackt und bloss da stand, wie im stand der Unschuld, ohne sich nach einem Feigenblatte umzusehen. – Michael, der freilich das Ankleiden so gut als das Auskleiden verstehen sollte, war überall nur ein schlechter Putzmeister. – Es fehlte ihm an Gewandteit, seine Gegenstände zu zieren. – Er selbst war so ungeschmückt, dass er bei jedem Weltmann anstossen musste. War es Wunder, da er bei viel Mutterwitz und Vaterurteil keine Erziehung gehabt? – Er gehörte indess auf keine Weise zu der berühmten Schildknappensippschaft komischen Andenkens, bekannt seit und durch ihren Ahnherrn Sancho Pansa, weiland berühmten Stallmeister des weiland berühmteren Junkers Don Quixote von Mancha. So wie Philosoph Terrasson, so oft er Blössen gibt, uns ein angenehmes Seine ungeputzte Seele vernachlässigte ihren kurz und dickleibigen Freund, den Körper, ohne ihn zu verwahrlosen. Wenn er seines Gleichen an Verstand und Willen übertraf und seinem Herrn Kopfdienste leistete, so sah es doch zuweilen mit den Handdiensten nur sehr dürftig aus; und wenn andere seines Gelichters sich durch ausserordentlichen Putz so auszeichnen, dass sie eben dieses Putzes halber ihre Herren berechtigen oder zwingen, schlecht und recht einher zu gehen, so liess doch Michael dem Junker hier den weitesten Spielraum, von dem dieser indess, wie alle Schwärmer, die auf inneres Licht und innere Kleidung ausgehen, wenig Gebrauch machte. Es fehlte Michaeln immer etwas an seinem Anzuge. – Seine Rockund Westenknöpfe waren nie vollzählig,