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richtig abgeschlossen, und kein Deficit quälte seine scheidende Seele. – Will man sagen, er war tugendhaft, weil er keine gelegenheit hatte lasterhaft zu sein, fügte die Nachbarin hinzu, so irrt man: er war reich. – Der Nachbar bemerkte: seine leichten Ideenspiele berührten ihn noch sanfter, als Schmetterlingsflügelund auch niemanden von seinen Freunden und Freundinnen fielen sie schwerer. Die ABC-Töchter weinten, ich weiss nicht, ob um ihren Herzen Luft zu machen, oder ob dem ABC-Junker zu Liebe. Heraldicus junior schloss mit dem Dank an den Leichenconduct: "Wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. Der Unvergessliche" (das Legat begeisterte seine Zunge) "hat eine gewisse Feierlichkeit naturalisirt; und die Rosentalsche romantische Gegend schien diese Neigung zu begünstigen! – Was an äusserer Feierlichkeit abging, Verewigter! das ersetzten unsere Herzen." – – Ohne Zweifel wird man auch mir erlauben, mich in diese Nachreden zu mischen. Schwärmer geniessen alles voraus, Philosophen alles hinterher. Geht da! den Grund von dem runzellosen gesicht der Schwärmer im Leben und im tod, und von den Furchen in den Gesichtern der Philosophen, die sich in ihren Hoffnungen so oft betrogen finden! – Gott tröste sie!

Dass ich übrigens die veralteten und verjährten deutschen Wörter unseres Ritters nicht beibehalten, sondern nur selten davon ein Pröbchen gegeben habe, wird meine Leserwelt hoffentlich mit Dank erkennen. – Hiermit

§. 82.

Ruhe wohl,

edler Ritter! Deine Werke folgen dir nach! – Nie werde deine Asche durch den Fuss eines Drachen von Türken entweihet, und wenn eine Schlange von Mamelucken diese Strasse zieht, und lästern will, falle ihm von dieser heiligen Asche so viel in die unrechte Kehle, dass er sich bekehre und lebe! – Ruhe wohl! – Der Tod ist ein ächter Ritter, gewiss mehr fröhlicher als trauriger Gestalt. – Er überwindet die Drachen des Lebens, lässt den Körper das heilige Grab erobern und einnehmen, während der Geist zum himmlischen Jerusalem eingehet. Nach diesem Elend ist ihm bereitet Eldorado der Ewigkeit! – Du starbst ritterlich. Wohl dem, der es vollbracht hat! – Dich suchten ein fälliger Wechsel, ein weiser Vetter, eine Consistorial-Commission und so manches andere heim, ohne an deine Mütze zu denken. – – – Und was drängt und drückt mich, ohne dass ich eine Mütze tragen darf, und mit einem abgelaufenen Wechsel von einem Emsigen bedrohet werde? Staatsgeschäfte, an denen man den Undank im Original kennen lernen kann! Ach! ein Jerusalem anderer Art, das da tödtet die Propheten, und kein Schlafstübchen der Frau Pontius Pilatus vorhanden ist, um des Tages Last und Hitze zu verträumen! – Und wenn ich als Schriftsteller mich erholen willwer sucht mich heim? Wahrlich kein reisender Vetter, keine Consistorial-Commissiondie, sobald sie weinwarm war, mit sich handeln liess. Da wollen Prophetenknaben zu Rittern an mir werden! Eben heute (den 26 Oktober 1792) les' ich eine Recension, in der man den Prophetenknaben an seinem Vivatund Pereatgeschrei, und an seinem Fensterwurf mit Händen greifen kann. Lieber Gott! diess Knäblein vergreift sich an einer Schrift, bloss weil sie in seinen ästetischen Heften sich unter keine Rubrik bringen lassen will! Mit den lieben Heften! Immerhin! ich will keinen Bären aussenden, der diesen Knaben in seinem Spiele störe, um ihm seinen Freitisch nicht zu verderben, und den Groschen zu entziehen, den ihm der Verleger zahlt! – Oder wie? ist esselbst? Nun, wahrlich, dieser Schwächling wird nie die Kinderschuhe ausziehen und über seine Hefte kommen. – Guter Ritter, verzeihe mir diese Nutzanwendung, die mir an deiner Gruft so w o h l t h u t ! Sie fiel deinem Leichenredner nicht ins Wort, noch der Kritik über seine Rednergaben, die wahrlich anderer Art war, als die, womit ein Knabe an Geist oder Leib, oder an beiden, sich an mir vergriff. Guter, seliger Ritter, wenn dein Vokalsohn den Bau nicht vollenden sollte, den du so herrlich auf dem Papiere angefangen hast, wird doch diese Stätte heilig sein dem Consistoriali und dem Laien, und jedem der wert ist, dich zu kennenheilig! bis jeder mit Simeon sagt: Herr! nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren!

Zweiter teil.

§. 83.

Die Betrübniss

des Sohns über den väterlichen Verlust war so herzlich, als sie nur je bei einem S o h n gewesen ist und sein kann; indess konnte' er sich nicht entbrechen, während der Leichenrede über Michael und seine Engel, an den Engel zu denken, der ihm in Gestalt eines Bräutigams der Enkelin von fräulein Cousine erschienen, und an seinen Diener Michael, der ihm von seinem Vater, im letzten Willen, als dienstbarer Begleiter zugewiesen war. Da eben dreimal drei Wochen abliefen, und ihm nach dreimal drei Stunden, von Präsentation des letzten Briefes an gerechnet, die Pflicht der Antwort oblagwer kann es ihm verdenken, dass er während des Streits zwischen Michael und dem Drachen auf die Ausführung eines Reiseplans dachte, welcher schon längst, vor der Abreise seines Vaters nach dem himmlischen Jerusalem, vorgetragen und bewilligt war. Er sollte drei Jahre abwesend sein. Jetzt kam es nur auf die Frage an: ob, und auf wie lange, die veränderten Umstände diese Reise aufschieben würden? Wenn gleich sein einundzwanzigstes Lebensjahr abgelaufen war