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, Seele und Leib befinden; s o l l e n : da er trotz dem Simeon vom Glauben zum Schauen sich sehnte. – Die

§. 79.

Vigilien

vor dem Begräbnisse des Ritters? In der Tat erbaulich. – Die Begleiter der Leiche Alexanders des Grossen, die wegen ihrer Reden bekannt sind, hätten hier lernen können. Wohl dem, der am Ziele ist! (Ach freilich wohl! und wär' es auch nur ein Buchziel!) – Er hat überwunden; wir streiten noch. – Heil dem, der aus dem streitenden Jerusalem in das triumphirende einging! – Dreimal Heil dem, der, wie er, als ein gebetener Gast eilte, um beim Mittagsmahle der Herrlichkeit nicht zu verspäten, wozu er eingeladen war! – Der Tod ist eine Genesung von einer langen Krankheit. Wer weiss, wann er einschläft! Eben so wenig wird man wissen, wann man stirbt. Lasset uns Gutes tun und nicht müde werden; wir ernten ohne Aufhören. – Wenn das Feuer auszugehen schien, ging man zum Castro doloris, welches dem Ritter bereitet war. Hier brannten so viel grosse Wachslichte, als er Jahre zurückgelegt hatte. – zwölf Gemeinbeältesten hielten die Ehrenwache. – Die zwölf hatten ihre Haare, ich weiss nicht warum, in einen Zopf gezwungen. Nichts kann so entstellen und schmücken, wie das Hauptaar. Hier ist die Residenz der Affectation und der nicht nehmen. – Die Haare unserer Zwölfe hatten das Schicksal ungesalbter Dichter, denen Worte und Gedanken sich widersetzen, wenn sie beides in einen Zopf zwingen wollen. Oder ist diess Gleichniss nicht erhaben genug? Es ging den Zwölfen wie einem freien staat, dessen fliegendes Haar in eine Monarchie verwandelt wird! – Da jeder von diesen Nationalgardisten dieser Feierlichkeit halber zum Andenken ein Communionskleid erhalten hatte, das, wie alle neuen Kleider, nicht sonderlich sass, so hatten sie auch von dieser Seite kein geistlich-militärisches Ansehen. – Schmerz über den Verlust eines braven Herrn, und Freude über das erhaltene Ehrenkleid durchkreuzten ihr Gemüt noch überdiess, und man konnte sich bei warmen Tränen des Lächelns nicht entalten, diese ehrlichen Gemeindeältesten in pontificalibus zu sehen. Den folgenden Sonntag gingen alle zwölf ad Sacra, obgleich ihre Zeit respective noch 3, 5 bis 7 Wochen lief. – Auf dem Sarge lag die ganze Rüstung und der Degen, alles ins Kreuz. Das

§. 80.

Abendessen

vor dem Begräbnisstage war sehr einfach, und sah einem Liebesmahl, einer Agape, ähnlich. Unser Ritter hatte keine Nacht bei den Waffen in irgend einer Kapelle gebetet, auch nicht nach Ritterweise eine Ritteroder Waffenwache gehalten. Diese Vigilien übertrafen an Feierlichkeit eine Ritter- oder Waffenwache bei weitem.

§. 81.

Das Begräbniss

gab der Einfachheit des Liebesmahls nichts nach. Gern hätte die Ritterin sich unterrichten lassen, wie die Exequien für einen Johanniterritter eigentlich einzurichten wären; indess fand sich niemand, der die Art des Begräbnisses näher angeben konnte. Da Heraldicus junior beim Castro doloris Flickarbeit geleistet hatte, so ward ihm dieses Ehrenwerk zutrauensvoll ganz besonders übertragen; doch konnte er keinen Fingerzeig in seiner heraldischen Rüstkammer finden, und in dieser Grabesfinsterniss der Unkenntniss keine wendigkeit ausgesetzt, sich über folgende Solennitäten einzuverstehen.

Zuerst ging ein s c h w a r z g e k l e i d e t e r

J ü n g l i n g , der ein weisses Kreuz und eine ausgelöschte umgekehrte Fackel in beiden Händen trug, und von Zeit zu Zeit in die Worte ausbrach: G e h e t ! w i r g e h e n h i n a u f g e n J e r u s a l e m . Sodann ward ein P a r a d e p f e r d von einem Stallknecht geführt, welchem dieser Feierlichkeit halber der Charakter als Stallmeister ohne Chargenausgaben beigelegt ward. Der Anblick des Pferdes brachte die Zuschauer zu den lautesten Klagen: E r i s t n i c h t m e h r ! – Man hatte sich nie vorgestellt, was für wirkung ein dergleichen Paradepferd ohne Reiter zu machen im stand wäre. Ein Pferd dieser Art tut nicht anders, als hätt' es seinen Reiter eingebüsst; und ist das nicht ein rührender Anblick? – Wenigstens ein weit rührenderer, als wenn der Reiter das Pferd verliert. Unser Pferd hätte gewiss noch mehr wirkung getan, wenn der Ritter, der seit länger als drei Jahren seiner Hauptflüsse wegen kein Pferd bestiegen hatte, dieses leidtragende Paradepferd in seinem Leben geritten hätte. Doch zog man, um diese Illusionsstörung zu schwächen, in weise Erwägung, dass der Ritter es hätte reiten können! Freilich! Jetzt wurden d r e i H u n d e an schwarzen Stricken geleitet. Dass der l i e b e G r e i f unter diesen dreien nicht war, versteht sich von selbst. – Man wollte bemerken, dass Hunde und Paradepferd Tränen in den Augen gehabt hätten. – Wer weiss, ob und warum? – Nun gingen D i e n e r e i und S t a l l l e u t e paarweise. P r o t a g o r a s folgte mit dem Kammerdiener im ersten Paare, ohne dass die andern älteren, und selbst der S i l b e r d i e n e r und T a f e l d e c k e r , ihm den Rang streitig machten: – alle in ihren Feierkleidern