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Fingerlein, und noch ewige Alltagsaugen konnten ganz und gar nichts sehen. – Auch gab es S o n n t a g s r i e c h e r , die, wenn die Erscheinung vorbei war, einen Sternanisgeruch verspürten, wogegen Unsonntagsnasen, bei aller Anstrengung der Geruchsnerven, nichts entdecken konnten. Diese gesicht und Gerüche brachten so manche andere Ereignisse voriger Zeit zum Vorschein; und da erinnerten sich alte Leute an Unglücksstellen, wo kein Sonntagspferd hinginge, wenn man ihm auf der Stelle das Leben nähme. – Es gibt Pferde wie Menschen, ward behauptet: Pferde, die alles sehen, Riesen und Fingerlein, und andere, die nichts sehen. Wie es Pferde halten, weiss ich nicht; dass es aber Fälle gibt, wo Menschen nicht sehen und doch glaubenist das zu bezweifeln? Pferde, die sich ohne Ursache bäumen, nennt man scheu; gibt es nicht auch dergleichen scheue Menschen? – Doch warum Abschweifungen? – Es ward über die weisse und schwarze Frau, über den weissen und schwarzen Mann weiss und schwarz commentirt. Die Altenweiberbeiträge liefen alle auf Blut hinaus; in den Altenmännergeschichten kamen rasselnde Ketten, Nasenstüber, auch wohl streitende Heere am Himmel vor, doch ohne dass diese Heere Blut vergossen. Hundert Erzählungen, die eben verjähren wollten, wurden aufgefrischt und ihre Präscription gehemmt. Der Junker, der wenigstens neunmal mehr als andere Jünglinge zum Wunderbaren geneigt war, obgleich die Liebe zum Wunderbaren der Jugend und dem Alter eigen ist, glaubte über kurz oder lang zum nähern Aufschlusse so mancher Dinge zu gelangen, deren Grund und Ungrund vergebens von den Philosophen nachgespürt worden. Der Anfang war durch den Orden der Verschwiegenheit und durch die Vocalgeschicklichkeit gemacht, vermittelst welcher letzteren er auf ein Haar zu bestimmen im stand gewesen war, dass der Ritter früher als seine Gemahlin sterben würde, was man freilich auch ohne Vocal durch die Mütze ziemlich deutlich hätte herausbringen können. – Dass unser Ritter im Stufenjahre starb, versteht sich von selbst. Ausser dem erzählten Traume fielen noch

§. 78.

Anzeigen

und andere Träume vor, die ich um vieles nicht mit Stillschweigen übergehen könnte; als da sind: drei Tage vor der letzten Krankheit des Ritters verlor die Ritterin sein Bild in Miniatur von ihrem Armbande; ein Geschenk ihres Vielgeliebten am Hochzeitstage. – Ohne dass sie es gemerkt hatte, war es ihr entfallen; und obgleich dem Finder von drei Kanzeln ein stattliches Findegeld zugesichert ward und der Pastor loci nicht nur bei dieser Kanzelaufforderung, sondern auch beim Suchen selbst sich viele rühmliche Mühe gab, so hat dieses Bild sich doch nie wiedergefundennie!

drei Tage nach dem Anfange der letzten Krankheit des Ritters fiel der blick der Ritterin ganz von ungefähr in den Spiegel im Zimmer, wo der Ritter auf einem Sopha, ich weiss nicht ob lag oder sass, während ihm sein Krankenbett gemacht ward. – Schrecklich! Er erschien ihr in Todesblässe im Spiegel, und beim Schauder, der ihr durch die Seele ging, war es, als

Auch hatte die Ritterin einen F e n s t e r g a r t e n , den man zu dieser Frist jardin portatif nennen würde. Dieser Garten, der aus dreimal drei Töpfen bestand, verdorrte in einer Nacht. Die Ritterin mochte diese Töpfe weiter nicht sehen, indem sie dadurch zu lebhaft an den Verlust ihres Gemahls erinnert worden wäre.

Ich fing mit einem Traum an und will mit einem enden. Warum auch nicht?

In der Nacht vor dem tod des Ritters sah sie (im Traum) auf den Mauern Jerusalems den Schatten jenes W e h e r u f e r s . Ueberwunden! rief er; überwunden! und zum drittenmal: überwunden! Jetzt verschwand der Schattendie Mauern stürzten ein und kein Stein blieb auf dem andern.

Unser A B C gab sich viele Mühe, als ihn seine Mutter nach dem Hintritt des Ritters mit diesen Anzeigen und Träumen bekannt gemacht hatte, gleichfalls Postscripte von dergleichen besonderen Vorfällen zu erfahren, um eines Teils in Träumen niemanden, und wäre es auch seine leibliche Mutter, etwas nachzugeben; andern Teils aber, um über dergleichen wichtige Gegenstände dem Werbehauptmann in der nächsten Epistel berichten und sich Verhaltungsbefehle erbitten zu dürfen. Indess schlief er zu fest um zu träumen, sah im Spiegel nur sich undda er kein Armband trug, so war es unmöglich, eins zu verlieren. – Ein jardin portatif würde freilich am leichtesten zum Verdorren zu bringen gewesen sein, wenn er ihn nicht begossen hätte; allein die Aufgabe war: dreimal drei Blumentöpfe sollten bei hinreichendem wasser verdorren, und diese Aufgabe war unerreichbar. Pastor loci fand im verlornen Portrait ein unerklärliches Rätsel; der Junker in der Zahl drei. – drei Tage vor seiner Krankheit, sagte A B C. – Vielleicht ein ungefähr, erwiderte der Pastor. – Warum nicht gar! versetzte der Junker; dann wäre das verlorne Portrait ein noch grösseres ungefähr. Warum gab es eben sieben Weisen in Griechenland? warum nicht mehr oder weniger? – Der Pastor war vermittelst der sieben Weisen völlig überzeugt. – So kann in Glaubenssachen ein Senfkornumstand viel beitragen! – Mit der heiligen Zahl D r e i hätte denn doch unser Pastor auch bekannter sehen k ö n n e n und sein s o l l e n ; k ö n n e n : da jedes Ding von Wichtigkeit seine drei Worte im Vermögen hat, und in allem, was wert ist zu sein, sich Geist