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r n ! Wahrlich, die natur hilft mir sterben: sie ist immer bis auf die Mütze sehr gütig gegen mich gewesen; auch hab' ich ihr mit Wissen und Willen nichts in den Weg gelegt. Ich sterbe auf ihren Namen. – Meine Krankheit hat mich vom Leben nie mehr abgezogen als meine Grundsätze, die alle es dazu anlegten, ritterlich zu leben und ritterlich zu sterben. – Ich sass nie, wie es von Malesicanten heisst, auf den Tod; – ich war so wenig ein Knecht des Todes, als ich je Knecht irgend eines Menschen gewesen bin. Ich lebte bis ich sterbe; ich sterbe, weil meine Stunde schlägt; ich gehe zu Bette, weil ich schläfrig bin. Eine leichte Todesart! E s i s t g e n u g , s o nimm nun, Herr, meine Seele, bin i c h b e s s e r a l s m e i n e V ä t e r ! ist meine Losung. Mir fehlt nichts als dass ich sterbe. So sind meine letzten Stunden selbst ein herrliches Geschenk der Vorsehung, da ich in ihnen die schöne natur bis zum allerletzten Augenblicke zu sehen und ihre Gaben, wenn gleich in kleinerem Masse zu geniessen hoffen darf. – Ich war sehr für den Genuss des gegenwärtigen Augenblicks. – Besser Zeichnungen auf dem Papier für etwas Wirkliches ansehen als den heutigen Tag fliehen, ihn vernachlässigen, wie ein galanter Geck von Ehemann sein Weib vernachlässigt, weil er mit ihr copulirt ist. Die Zeit tödten, heisst den gegenwärtigen Augenblick verstossen und es mit der Vergangenheit und der Zukunft halten. Alles hat seine Zeit: die Zeit und bald hätt' ich gesagt auch die Ewigkeit. Mit Gottes hülfe will ich keinen Augenblick vom Leben verlierenund allem Vermuten nach werde' ich hier noch das Frühstück halten und in der andern Welt nicht zu spät zum Mittagsmahl kommen, wo Manna und Nektartrank und Speise sind. Wünscht mir eine gesegnete Mahlzeit! und ich? herzlich wünsch' ich euch eine fröhliche Nachfolge. – Was der Mensch säet, wird er ernten. – Mein Gewissen macht mir keinen Vorwurf. Ich halte mit allen Menschen, sogar mit den Türken Frieden, und über meiner Seele schwebt der Friede Gottes, welcher höher ist als alles, was die Welt besitzt und geben kann. – Meine unglücklich-glückliche Wechselsache und der Subhastationsrechtsstreit machten mich processscheu; ich kaufte mir Processe gleich bei ihrer Entstehung und ehe sie noch zu Kräften kamen, ab, ich erstickte sie in der Geburt. Ohne allen Zweifel wären sie mir sämmtlich nicht so hoch zu stehen gekommen, wenn ich den breiten Weg der drei Instanzen eingeschlagen hätte. Wer den Reichtum aus einer andern Ursache schätzt, als um sich dadurch Ruhe zu kaufen, verdient nicht reich zu sein und macht der Vorsehung Vorwürfe, dass sie Reichtümer oft an noch unverdientere Menschen spendet als Ehrenstellen. Mein Geist scheint in eben dem Masse an Stärke zuzunehmen als mein Körper ermattet, und diess lässt mich hoffen, dass wenn mein Leib eine Leiche, Erde und zur Erde geworden, mein Geist sich in sein eigentliches Wesen versetzen wird, in welches er an frohen Tagen sich so gern entzückte! Ach, was ich so oft sagte, ist noch im Sterben meine Losung: Eldorado ist nicht hier, unter der Erde ist Eldorado. Diesen Wahlspruch legire ich meinem Einzigen. – In Eldorado ist Friede und Wonne! Doch jetzt, da es zum Sterben geht, möchte ich meine Firma verändern. U n t e r der Erde ist mir zu traurig, und warum nicht eine Wortveränderung, die so klein ist? Die Sache bleibtEldorado ist in der bessern Welt. Wie dünkt es dir am besten? U e b e r der Erde scheint tröstlicher als u n t e r der Erde. Dort oben brennen immer Lichter, unter der Erde ist es finster. Selbst die mit Blumen besäete Wiesekann sie sich gegen den gestirnten Himmel messen? Doch sei es dir überlassen, ob über oder unter, nachdem du Lust und Liebe hast, dir eine Landkarte von der Zukunft zu zeichnen, mit der man nicht so leicht als mit der vom irdischen Jerusalem fertig werden kann. Ueberhaupt ist es übel mit den Worten, kann man sie wohl zum Stehen bringen? – Wenn der Leib untergeht, geht die Seele auf. – Tue Gutes, liebe Sophie, den Kindern und Angehörigen des Küsters, des Nachtwächters und des Hirams. – Ist dem letzten noch zu raten und zu helfen, rate und hilf ihm! Das Gewissen beisst mich nicht wegen dieses Dreiblattes von Leuten: ich gab ihnen nicht Aergerniss, sie nahmen es. Dem Hofmeister Heraldicus junior genannt, verehre ich eine Pension auf Lebenslang von 200 Talern. – Dem Herrn Pastor schenk' ich ein- für allemal 1000 Taler. Eben so viel sollen unter arme an meinem Begräbnisstage verteilt werden. Meine liebe Sophie wird verzeihen, dass ich mich in ihr Departement, dem sie so musterhaft vorsteht, einmische. Dem A n d r e a s K l o z , der mich zu verklagen drohte, geb' ich einen Freiheitsbrief und 100 Reichstaler, und seiner Tochter, die ihn dazu aufhetzte, gerade so viel zum Brautschatze. Ich bin so furchtlos, dass ich nie in meinem Leben freier geredet habe und mehr meiner selbst Meister gewesen bin als jetzt! Mir braust keine Meereswoge, – es blitzt nicht um mich her