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die andere, womit die Grammatiker vorzüglich die schönen Stellen im Homer bezeichneten; allein er liess ihn keine dieser bezeichneten Stellen l e s e n , nur die Zeichen erlaubte er ihm zu s e h e n . Die Hand von der Tafel! Der Orden, fing er an, dess ich lebe, dess ich sterbe, und dess ich mit Leib und Seele bin, öffnet seinen Angehörigen Schatzkammern von Geheimnissen; um acht sich einfinden, wenn man um s i e b e n ihrer wartet. Den Hauptumstand bei einer verwickelten Sache treffen und den wahren Zeitpunkt ergreifen, ist ein Eigentum besserer Köpfe, das sie durch keinen Unterricht veräussern können. Es ist ein Radikalvorzug, eine Realwürde; indess fallen Späne, wo Holz gehauen wird, und besonders scheint unser hoher Orden sehr spänreich zu sein. Desto besser. Auch das heiligste Feuer wirft Funken aus. Alles, mein Freund, was den denkenden Menschen am meisten interessirt, ist ihm verschleiert. Diesen Schleier kann er nicht ziehen; vielleicht aber gibt es Mittel, dem Allerheiligsten sich ohne eine dreiste Hand zu nähern. Das aut, aut, das Entweder Oder; wenn nicht ein Bund mit dem Obersten der Seraphe, so mit dem Beelzebub; wenn nicht Cäsar, so Nichts, mag sein Für habenmeine Losung ist: Alle gute Geister loben Gott den Herrn. Wir wissen nicht, was Gott ist, wir können ihn nicht matematisch beweisen; allein wir glauben i h n und a n i h n , und müssen es, wenn anders diess Leben uns in den Hauptstellen verständlich sein soll. Wir werden nicht aufhören; wir werden nicht sterben, sondern leben. Ist es nicht eine Erfindung der Furcht, das Ende des diesseitigen Lebens T o d zu nennen? Diess Leben mit seinen Drangsalen, wo der Fels des Sisyphus uns zu erschlagen drohet, wo immer ein Gewitter über unserm haupt steht und Blitze in Kreuz und Quer uns ängstigen; das ist Tod; – der sogenannte Tod ist Leben. – Wir sollten zum Sterbenden nicht: G u t e N a c h t , sondern: G u t e n M o r g e n , sprechen. Die Herrlichkeit indess, die nach dieser Zeit Leiden unser wartet, ist uns verborgen. Wir müssen alle aufhörenMenschen zu sein; wenn aber diess Stündlein schlägt, wer weiss es? Die ärzte? Behüte! Wie oft überlebte der, dem sie das Leben absprachen, seinen Scharfrichter von Leibarzt; und wie oft stirbt, ehe wir es uns versehen, der, dem die Facultät Brief und Siegel zu Metusalems Alter behändigte! – Der stirbt, weil er ass; der, weil er trank; der, weil er sich an den Fuss stiess; der, weil er seinem Freunde die Hand gab; der, weil er am Kaminfeuer stand; der, weil er zu viel, der, weil er zu wenig genoss; der, weil er den Tod verachtete; der, weil er sich Mühe gab, ihm auszuweichen; der am Examen; der am zu viel, der am zu wenig wissen; der an Fischen, der an Fleisch; der an einem Kern von einer Weinbeere, der am Pfirsichstein; der in der Kirche, der auf dem Ball; der am Schlagfluss, der an Hektik; der, weil er ein Hagestolz war; der, weil er in der Ehe lebte; der am Mut, der an der Furcht, der auf dem Bette der Ehren, der auf der Ottomane der Schande; der an Alexander dem Grossen, der an Alexander dem Kleinen. Nur dann geniessen wir die folgende Stunde, wenn wir ihre Vorgängerin als die letzte ansahen; nur alsdann ist sie uns ein Geschenk, wenn wie keine Rechnung darauf machten. Warum auch ein weites Ziel, da Blüten abfallen und kleine und grosse Früchte, weit eher als der Baum geschüttelt wird! Maurer lieben nicht Diastematiker, Wortzieher und Dehner, Trillerschläger und Coloraturenmacher, wohl aber Männer, die mit Sachen ökonomisiren. – Jedes Ding hat seine Jahrszeit! Schnell will ich dir einen Vorhang ziehen. Es gibt Umstände, wo man durchaus wissen muss, wer in der Ehe der zurückbleibende teil sein wird. – Hier ist der Schlüssel. Zähle, mein Freund, die Vokale in den Vornamen, so ist das Rätsel gelöset. Wie heisst dein Vater? – Fabian Sebastian. – Die Mutter? – Sophie. – Dein Vater stirbt vor deiner Mutter. – Man nahm Namen von längst verstorbenen Personen, und die probe war richtig. So entzückt war kein Schüler des St. Germain und des Cagliostro, wie unser Held. Schnell wollte er seinen Vornamen mit dem der Erschienenen zusammenstellen, und die Vokale, wie die Offiziere, den Buchstaben vortreten lassen; indess vertraten ihm zwei kleine Umstände den Weg. Der erste: seine Vornamen waren eine förmliche Sammlung, und ohne die Beihülfe des Kirchenbuches würde er nicht bestanden sein in der Wahrheit. Der zweite Umstand machte auf gleiche Erheblichkeit Anspruch. Er wusste nicht, ob die Undekannte einen Geschlechts-, vielweniger einen Vornamen hätte. Wenn es meine Leser und Leserinnen interessirtdie Enkelin des Fräuleins Cousine überlebt den Werbehauptmann. Der

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Dank

für diesen Unterricht ging über allen Ausdruck. Dankvoll bis zum Entzücken sein, heisst nicht danken können. Diess war der Fall unseres Helden. Könnt' ich doch, sagte er, nachdem er sich von der Dankverstummung