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verstärken und befestigen und seine Fehler mindestens nicht durch Reden vervielfältigen. Sagt Ja zu seiner Aufnahme.

"Brüder und Schwestern, Schwestern und Brüder! gebt mir den ersten Buchstaben."

Sie sagen I, und sie A. Jetzt e i n e S t i l l e .

Hierauf fragt die Grossmeisterin: Brüder und Schwestern, Schwestern und Brüder! Ist es euer Wille?

Alle sagen ein volles Ja.

Sie schliesst mit Amen, und der Candidat wird ihr drei Schritte näher geführt. Sie redet ihn an:

"Der Areopagus, in welchem die wichtigsten Sachen gerichtlich entschieden wurden, war kein pompreicher Tempel, sondern eine Strohhütte; – Weisheit und Verschwiegenheit zeichnen ihn aus. Bei Nacht hielt man Gericht, und keiner Partei, keinem Anwalt war es erlaubt, durch Eingänge und Blendwerk, durch Tropen und Figuren, durch Licht und Schatten seinen Vortrag zu verschönern, und durch Wendung und Witz den Richter zu bestechen. – Durch Worte gibt man sich oft so aus, dass man bettelarm ist; durch Schweigen verfährt man so ökonomisch, dass man nicht nur für sich selbst spart, sondern auch noch einen Ehren- und einen Armenpfennig behält; diesen, zu geben dem Dürftigen, jenen, um mit Anstand Feste zu feiern, wenn es Festumstände verlangen. Wer viel spricht, kann nicht allein nicht immer gut sprechen: nein! Unwahrheiten und Dichterlicenzen haben eine solche Gemeinschaft mit den Worten, dass sie nicht von einander lassen. Wollt Ihr behutsam und bedächtig in Euren Reden sein?"

Der Candidat antwortet: Ich will es.

"Kaiser Augustus hatte einen Freund, Fulvius, dem er sein Leid klagte. Ich armer, verlassener Vater! fing er an; mein Postumus ist verwiesen; ohne Stütze, ohne Erben jammere ich; und weisst du, was ich zu meinem Troste tun will? (Worte sind leidige Tröster; Handlungen nur können trösten und aufrichten.) Den Postumus nach Rom berufen und ihm die Regierung anvertrauen. – Fulvius entdeckte den Entschluss des Kaisers seiner Gattin; diese offenbarte ihn der Kaiserin Livia, ihr, die dem Stiefsohn Augusts das Regiment abwenden wollte! – Armer Kaiser! und noch ärmerer Fulvius, dem August seine Freundschaft aufkündigte, und dem nichts weiter übrig blieb, als sich verzweiflungsvoll das Leben zu nehmen! Seine Gattin kam ihm zuvor, und beide starben an diesem verratenen geheimnis den wohlverdienten Tod wegen b e l e i d i g t e r F r e u n d s c h a f t . – Mein Sohn, wollt Ihr jedes anvertraute geheimnis heilig bewahren, und es nie verraten noch verkaufen, weder durch Worte noch durch Zeichen?"

Ich versprech' es.

"Werdet Ihr Euch aber auch durch nichts, weder durch Verheissung noch Drohung, durch Liebe oder Leib, durch Freundschaft oder Feindschaft in Euren Entschlüssen wankend machen lassen?"

Durch nichts.

"Zu gewisser Zeit versammelte sich der Rat in Rom einige Tage nach einander auf eine ungewöhnliche Art. Die Gattin eines Senators beschwor ihren Gemahl, ihr den Schlüssel zu diesen Beratschlagungen zu behändigen, den sie heilig zu bewahren gelobte. Um sie zu befriedigen, gab der Senator vor: eine übernatürliche Lerche sei nach der Anzeige des hochehrwürdigen Consistoriums über die Stadt geflogen, und nun stehe man in Sorgen, ob dieser Flug Segen oder Fluch bedeute. So schnell konnte die Lerche nicht fliegen als diese Nachricht. Sie kam zeitiger zu rataus, als ihr Erfinder; und wie wohl war ihm, seiner Gattin nichts von den ratäuslichen Deliberationen entdeckt zu haben! – Werdet Ihr den Durst Eurer Geliebten nach Eurem Geheimnissenicht durch eine Unwahrheit löschen, keine Lerche über die Stadt fliegen lassen, sondern Mut genug haben, Nein zu sagen, wo Ihr Gewissens halber nicht Ja sagen könnt?"

Ich werde.

"Wohlan es sei! Leeret diesen Becher mit Wein gefüllt und erinnert Euch, dass Wein und Weiber oft den Weisen verleiteten!"

(Er trinkt den Becher aus.)

"Jetzt leeret den Becher mit wasser, der Euch an den Fluss Lete erinnere! Ein guter Egel schlage Euch mit Vergessenheit, wenn Ihr an den Rand der Verräterei kommen solltet, wovor Euch Pflicht und Neigung, Kopf und Herz bewahren wollen!"

"Jetzt öffne man ihm die Augen!"

Der Candidat sieht Brüder und Schwestern, Schwestern und Brüder (damit kein Geschlecht dem andern vorgreife, wurden Brüder und Schwestern nie anders ausgesprochen) gekleidet wie die vorbereitende Schwester und seine Mutter als Grossmeisterin. – Jetzt ward er in das Lichtzimmer gebracht und ihm das Ordenskleid angelegt. Bei seiner Zurückführung in den Areopag sagt ihm die Grossmeisterin: "Ihr seid nun wie unser Einer. Wir fordern keinen Eid, keinen Handschlag. Warum? Diese Vermutung, dass Ihr Euer Wort minder halten werdet, als Schwur und Handschlaghätten wir die, wahrlich Ihr wäret so weit nicht gekommen!" – Die Grossmeisterin nimmt ihn bei der Hand und führt ihn auf ein anscheinendes Kanapee, weiss beschlagen, wo indess nur von beiden Seiten Sessel sind. – Die Mitte ist leer. "Setzt Euch!" sagt sie; und indem er sich setzen will, fällt er auf die Erde –! –

Unser Held war, als er fiel, in eben dem Grade verlegen, wie es Schwestern und Brüder und Brüder und Schwestern waren, mit dem Unterschiede, der Neuaufgenommene aus Aerger, die Aufnehmer und Aufnehmerinnen, die Aufnehmerinnen und Aufnehmerum nicht laut zu lachen