bei ihrem Schutzheiligen auszuwirken – wenn er ihr gelobte – (hier glaubt man wohl, es werde ihre Tochter gelten; vielleicht glaubte es unser Held selbst. – Mit nichten; so eigennützig ist der Orden der Verschwiegenheit nicht) – wenn er ihr gelobte, seinem Ich zu widerstehen bis in den Tod. – Wenn's nicht m e h r ist! dachte der Candidat, und versprach es von Herzen. – Jetzt sollte ihr Gemahl sich zum Recipiendus verfügen, ihm wegen seines unzeitigen Ichs die Absolution überbringen, und über die Verschwiegenheit eine stattliche Rede halten. Er fing patetisch an: "Die Verschwiegenheit" – Allein die Helle des Zimmers, die Feierlichkeit des Candidaten, ein paar Gläser über Gebühr, und vielleicht auch die Ungewohnheit, Reden zu halten, benahmen ihm jedes Wort; und nachdem er dreimal die Worte: d i e V e r s c h w i e g e n h e i t , stotternd wiederholt hatte, ging er so verschwiegen davon, dass der Candidat sich überredete, ein dergleichen Verstummen gehöre zur Ceremonie der Handlung. – Der stecken oder kurz gebliebene Redner hätte seine Rolle nicht besser machen können, wenn er Pytagoras oder Roscius – find die Herren weit auseinander? – in hoher person gewesen wäre! – Der Nachbar ward von den Ordensschwestern wohlverdient ausgelacht, erhielt indess, da man keinen bessern Acteur hatte, den Auftrag, dem Candidaten die Augen zu verbinden – und ihn in ein finsteres Zimmer zu führen, wo die Nachbarin seiner wartete. Als nach einer kleinen Weile der Candidat in die Frage ausbrechen wollte: bin ich hier allein? zog ihn sein Genius von dem rand des Verderbens, und er verbesserte seine I c h - F r a g e . Ist jemand hier? fing er, und zwar in eben der Minute an, da die Nachbarin mit ihrer Wiederholung: wer ist da? zum Vorschein kam, und ihm ins Wort fiel. – Wer fragt mich? war seine Antwort. – Eine Abgeordnete, erwiderte sie, die es lieber gesehen hätte, wenn Sie ihre Frage abgewartet hätten. Neugierde und Schwatzhaftigkeit sind, wo nicht wirklich verwandt, so doch verschwägert oder in nachbarlicher Verbindung. – Sie hiess ihm die Augen aufbinden, und es war ihm nicht anders, als sei er zu den Fingerlein unter die Erde geraten; so gut er auch jedes Zimmer im Rosentalschen schloss kannte, wo er geboren, notgetauft und erzogen worden war. Er hielt sich still, um sich nicht neuen Weisungen auszusetzen, worauf es die schlaue Nachbarin anlegen mochte. Da er schwieg, so musste sie anfangen. – Was denken Sie? – da, von seinem Ich zu sprechen, oft verzeihlicher sein kann, als an dieses allerliebste Ich unablässig zu denken. Was denken Sie? – An den Vorzug der Sprache und an die Schande der Menschheit, auf Mittel denken zu müssen, sich Zaum und Gebiss anzulegen. – Dieser Seitensprung brachte die Nachbarin aus ihrer Rolle; ihre Gemeinsprüche passten nicht, und sie fand sich, trotz dem Herrn Gemahl, in Verlegenheit. – D a S i e s o s c h ö n denken, so verbinden Sie sich wied e r d i e A u g e n . – Der Stock steht im Winkel, also wird es regnen. – Unser Held fand in dieser inconsequenten Rede doch einen Sinn, und übersetzte sich die letzten Worte: s o s t ö r e n S i e s i c h durch kein Sinnenspiel auf der olympischen Gedankenbahn, die z u m K l e i n o d f ü h r t . – Wie Feierlichkeit ansteckt! Alles deutet sie feierlich. – Mit verbundenen Augen ward der Candidat in das Heiligtum, und zwar rücklings, eingeführt. – Nun musste er dreimal einen Cirkel machen. Diess brachte ihn aus aller Connexion mit dem Zimmer, in welchem er war, und er musste glauben, in einem bezauberten schloss zu sein.
Nach dieser Kopfverdrehung blieb er ganz allein stehen; und nach einer Viertelstunde fing sich folgende Unterredung an.
Verschwiegene Grossmeisterin, wir sind nicht allein! (Die Grossmeisterin machte die Ritterin.)
"Wer ist, antwortete sie, der Ungeweihete, der es wagt, in unserem Areopag zu erscheinen?"
Ein Jüngling, der sich der Verschwiegenheit heiligen will.
"Ein Jüngling, sagt Ihr? – Wohlan! Lasst ihn Mann werden, und dann führt ihn wieder zu uns! – Lasst ihn die Welt kennen lernen, aus Erfahrung klug werden, und dann erst melde er sich zu seiner Aufnahme!"
Wohlgesprochen, verschwiegene Grossmeisterin! Wohlgesprochen in der Regel; allein war je eine ohne Ausnahme? Wird je eine ohne Ausnahme sein?
"Hat die Tugend Ausnahmen? liebt sie Begünstigungen?"
D i e T u g e n d n i c h t . Wo ist aber eine diesseits des Grabes, die r e i n w ä r e , die nicht hätte einen Flecken oder Runzel oder dess etwas? – Unsere Sache ist, unsere Tugenden zu waschen, zu heiligen und zu reinigen – damit sie nicht unter dem Scheine der Tugend gar Untugend, und schöne wohlgebildete Sünde werden.
"Glaubt Ihr, durch diese Klagen Eurem Antrage näher zu kommen?"
Ich glaube' es, verschwiegene Grossmeisterin; denn, obgleich die Tugend eine Regel ohne Ausnahme ist, so gibt es doch Gemüter, welche der schlüpfrigen Bahnen der Selbsterfahrung