nun fing die Nachbarin den Roman an, den ich indess nach den Regeln der Kunst noch nicht erzählen kann. – Unserm Helden fiel der Mut so sehr, dass, nachdem er (wiewohl etwas spät) vom Befinden der Frau Nachbarin Erkundigung eingezogen, heimkehren wollte. Warum nicht gar! Er musste bleiben – Er schützte Undässlichkeit vor: eine Entschuldigung, die immer bei der Hand ist; und in Wahrheit, unser Held befand sich nicht wohl. Er musste bleiben. – Er versprach in kurzem wieder zu kommen. Er musste bleiben. – Das nachbarliche Haus beschloss, der Gastfreiheit zu Ehren, dem gast mit den A B C-fräulein das Geleite zu geben, und in Rosental die jüngst abgebrochenen Tage reichlich einzuholen. Er musste bleiben, und blieb am Ende gern, da es das einzige Mittel war, noch mehr von der Erschienenen zu erfahren. – Noch mehr? Wusste er nicht schon genug? oder war es nicht hinlänglich, dass die Erschienene eine Schwester einer Maurer-Adoptionsloge war und, ob sie gleich über diese Geheimnisse ein pytagorisches Stillschweigen behauptet, doch einen Orden im nachbarlichen haus zurückgelassen hatte? – Einen Orden? – Allerdings einen Orden. fräulein Amalia und ihre Mutter kannten sicher unsern Helden von dieser Seite nicht. Sie machten einen ganz falschen Angriff. – Schade! – oder nicht Schade! – Doch wie? soll ich mein Buch etwa schon mit §. 62 schliessen? – Unser Held brannte, wenn gleich die gute Dame ihm durch diese Schwesterschaft Amalien sicherer zuzuführen dachte. Adoptionsloge war ihm Funke zum Pulver. – Der guten Dame ging es nicht viel besser, als jenem französischen General im weltbekannten s i e b e n j ä h r i g e n Kriege, der recognosciren ritt und einen Transport mit Proviant für einen feindlichen Haufen hielt. Der Held hätte vierbis fünftausend Portionen Brod bei einem Haare getödtet, so dass nicht eine einzige mit dem Leben davon gekommen wäre, wenn nicht der Lieferant und die hungrigen Magen seines Corps Gnade für diese Feinde gebeten, und sie durch Capitulation mit dem Speisemeister erlangt hätten. – Was mehr war, als ich meinem Helden zutraute, war die Kunst, den Brand zu verstecken. – Es brannte bei ihm innerlich. Die fräulein A B C Ordensschwestern! Oel ins Feuer, das aber bloss für die Erschienene brannte. Hier und da flog ein Funke zum Dach hinaus, den die fräulein A B C auffingen, als käme er ihnen zu! – Es war der O r d e n d e r V e r s c h w i e g e n h e i t , den die Erschienene als einen Segen zurückgelassen hatte! Amalia glaubte, sich wenigstens in den vorigen Stand bei unserm Helden zu setzen, wenn er je eher, je lieber ihr Bruder würde. – Dergleichen platonische Liebe pflegt bald sich auch auf die Sinne zu ergiessen, dachte die Mutter – und billigte die Schnelligkeit bei der Aufnahme. – Vom verschwiegenen Bruder zum Liebhaber, ein kleiner Schritt! – Wir wollen sehen! – Unser Held ward in den
§. 63.
Orden der Verschwiegenheit
in Rosental aufgenommen. So sehr auch dieser Orden in seinen Augen durch den Umstand verlor, dass die Erschienene nicht selbst die Grossmeisterin machte, so genügte ihm doch die idee: es kam von ihr! Ein Orden! Ob es der Mühe lohnen wird, dass wir der Aufnahme unseres Helden (Mutter und Vater waren schon ohne förmliche Aufnahme in der Stille eingeweiht worden) als Gäste beiwohnen? – Der Junker ward zuerst in ein herrlich erleuchtetes Zimmer geführt, und drei Viertelstunden allein gelassen. Jetzt genden Haaren, Ordensband und Stern – und einer grossen Serviette, die vorgesteckt war wie eine Schürze, mit der Frage herein: Wer ist da? – Ich, erwiderte der Held zu seinem Unglück. – In diesem vorschnellen Ich, versetzte die weisse Dame, liegt mehr, als Sie denken: Ihre Unwürde zum Orden liegt darin. Wer rückt mit seinem I c h so zeitig heraus? Wer macht sich eher bekannt, als er d i e kennen gelernt hat, die ihn umgeben? ich will nicht sagen: fahen wollen; und doch ist diess der Welt Lauf. – Wer seinem Ich ausweicht, ohne es höher anzuschlagen, als im Marktpreise, befleissigt sich der Weisheit, und verdient den Namen eines Weisen, ist es in der Tat, wenn andere bloss so heissen. Entging Sokrates dem Giftbecher? und hat der Neid nicht Giftbecher verschiedener Art, womit er die Weisen, ach! und auch ihre Plane, hinrichtet, wenn sie mit ihrem Zweck und den Mitteln, diesen zu erreichen, undehutsam umgehen? – Die Schüler u n s e r e s S c h u t z h e i l i g e n mussten drei Jahre schweigen lernen, ehe sie sprachen. Wohlan! nehmen Sie sich diese Zeit und diesen Raum zur Busse, um Ihr Ich zu kreuzigen sammt den Lüsten und Begierden!
Unser Held war von dieser Rede äusserst durchdrungen. Es schien ihm ein Extemporalstück zu sein, indem er sehr leicht dem Ich hätte ausweichen können; – und eben weil es ein Extemporalstück war, rührte es ihn desto mehr. Da er indess nicht Lust hatte, noch drei Jahre zu warten, so bat er die abgeordnete Pytagoräerin, ihm sein Ich, das selbst vermessener schiene, als es wäre, zu verzeihen. – Sie versprach, ihm Aussöhnung