– Der Ritter fand in den herrlichsten Stellen auf dem Angesichte dieses erschienenen Engels, und besonders in d e r rings um den Mund, eine grosse Aehnlichkeit mit seinem vortrefflichen weib; und gewiss sind alle Grazien einander ähnlich. – Die Ritterin verehrte diesen Engel dieser Aehnlichkeit halber; und der Ritter wusste nicht, wie er seine Mütze kehren und wenden sollte, bis er sie endlich, trotz der Furcht vor Kopfflüssen, völlig ablegte. – Es war eingelenkt, dass unser Held bei seiner Heldin sitzen sollte. – Man wollte zu Tische gehen, und siehe da! die
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die leidenschaft
eckig, d e m ist die Stirn, und d e m das Auge, d e m die Hand, und d e m der Fuss der Sitz der Schönheit. Und woher aller dieser Unterschied? Weil die Schönheit ihren Sitz in der Seele hat, und weil nun diese sich bald hier, bald da durch den Körper spiegelt. Die Seele, die den Fuss zum Spiegel erwählte, hat meinen Beifall nicht; wenn sie den ganzen Körper bewohnt, o! dann ist es lieblich anzuschauen. Ein solcher Mensch scheint ein Engel. Wer Leib und Seele trennt, der tödtet. – Wenn du liebst – vergiss nicht, dass der Mensch aus zwei Teilen besteht, und dass, wenn diese nicht gepaart sind, alles andere Paaren nicht viel vermag. – So wie die Ehen zwischen Seele und Körper der Liebenden geknüpft, und, wie es heisst, nicht bloss auf Erden, sondern auch im Himmel (oder dem Geistersitze) geschlossen werden, so ist die geistliche ohne die leibliche Eheverbindung, und diese ohne jene, nicht zureichend. Der Mensch ist ein Engel und ein Tier; Seele und Leib sind seine Bestandteile.
Diese patetische Rede beantwortete unser Held mit einem Seufzer – und mit der Bitte, die Gastfreiheit des nachbarlichen Hauses stehenden Fusses auf die probe setzen zu dürfen. – Noch nie war dem ganzen haus ein Besuch so langweilig und lästig geworden, wie der von den übrigen Gästen, die es verhinderten, dass der folgende Paragraph
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nicht
zeitiger vorfallen konnte. – drei Tage und drei Nächte blieb er ungeboren – und rang und sehnte sich, das Licht der Welt zu sehen. – Vater, Mutter und Sohn wurden in Einer Minute entbunden, und nun machten sich alle drei die bittersten Vorwürfe, warum man sich nicht zeitiger nach dem Befinden der krank gewordenen Nachbarin erkundigt hätte! "Die ungezogenen Gäste!" sagten alle drei, ohne dass einer dem andern sein ganzes Herz ausschüttete, obgleich alle drei wussten, was im inwendigen Menschen vorging. – Die ungezogenen Gäste! Nicht doch, liebes Dreiblatt! die ziehende Liebe ist Schuld an allem. Die
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Reise
unsres Helden war mehr ein Flug, als ein Ritt. Keine einzige von allen Bedenklichkeiten erhielt Audienz. – Aber? – Kein Aber! – und wenn? – Kein Wenn! – Das Ross schien den Ritter zu verstehen: es war, als zög' es auch nach Liebe aus – und eh' es sich beide Sprung ins Haus des Nachbars waren Eins. – Die Genesene empfing unsern Helden, und er vergass zu fragen, wie sie sich befände, und zu versichern, dass er bloss dieser Frage halben den Ritt unternommen hätte. Sein Späherblick flog umher. fräulein A m a l i a , die älteste Tochter des Nachbars und der Nachbarin, die es auf unsern Helden angelegt, und gegen die er noch am wenigsten seine Kälte geäussert hatte, kam ihm in den Wurf. Suchst du mich? sprach ihr freundlicher blick; – der seinige antwortete laut und deutlich: mit nichten. fräulein B ä r b c h e n s Auge sprach: Herr, bin ichs? – das seinige: ist das eine Frage? – Da g r i f f fräulein C ä c i l i a mit der A u g e n f r a g e e i n : etwa ich? – Gott behüte! erwiderte sein blick. – Wenn mehr als dieses A B C und bis X Y Z unserm Alphabetelden entgegen gekommen wären; so würde auf ein sanftes Ich? ein ungestümes: N e i n ! die Antwort gewesen sein. – Die kluge Mutter hatte es bis jetzt sich selbst verborgen, dass die Erschienene unserm Helden nicht übel gefallen. – So krank sie war? – Allerdings! So etwas beobachten die Weiber im Sterben. – War es vielleicht eine Schulkrankheit, um unsern Helden fräulein Amalien zu sichern? – Nein; sie war wirklich sterbenskrank. Jetzt gab ihr das Augenstreben ihres vermeintlichen künftigen Schwiegersohns eine gelegenheit zum Scherz. – Zum Scherz? Die Liebe pflegt nicht Scherz zu verstehen. – Spass nicht; Scherz wohl – je nachdem er fällt; oder besser, je nachdem er angelegt und angebracht wird. – Angelegt? – Freilich gibt es Fälle, wo gegen Verliebte Scherz a n g e l e g t werden kann. – – – Wer bestellt den Gruss von der E r s c h i e n e n e n ? fing sie an. Weder A, noch B, noch C bewegte die Lippe. Man verneigte sich, als der Sucher heftiger vordrang: "Ist sie nicht mehr?" – Sie ist noch, erwiderte die Nachbarin; nur. nicht h i e r ; – sie ist auf ihrer Rückreise! – Und