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. – Warum sollt' ich meinem Helden indess nicht volle Gerechtigkeit erweisen? Ich will es. Der Mensch ist sich ein Rätsel; unser A B C wollt' es lösen. – Lösen? Wie ich sage: lösen; und wer will es nicht? Auch der, welcher vollkommen überzeugt ist, er könne es nicht, wird es wollen, und wenn er es nicht will, ist er entweder ein stolzer Tor oder ein Kaltblütiger. – Der Wunsch ist verzeihlich; auf la manière avec laquelle kommt es an. Mehr von meinem Helden zu verraten, hiesse sich übereilen. Er war jung, und hatte sich nicht durch Ausschweifungen geschwächt, um Wunderessenzen zu bedürfen; er war reich, und also nicht in der Verlegenheit, auf den S t e i n d e r T h o r e n auszugehen. Auch schien Ehrgeiz sein Fehler nicht zu sein, um sich durch Ordenswege ein Amt zu erschleichen. – Doch wer kann für ihn stehen! Ich nicht.

Der Ritter merkte übrigens oft die Kämpfe auf Tod und Leben, die in seinem Sohne vorgingen; indess war er sehr weit davon entfernt, gegen dessen Phantasie das Schwert der Vernunft in Anwendung zu bringen, Licht in diese Wüste zu tragen, Bilder, die ihm vorgaukelten, in die Flucht zu treiben und ihren Reiz auch nur zu ermässigen; vielmehr trat er mit diesen moralischen Türken in einen Bund, goss Oel ins Feuer, und glaubte, wie wir wissen, gegen seinen Sohn nicht väterlicher handeln zu können, als wenn er das heilige Feuer seiner Phantasie ohne Unterlass unterhielte und ihm Nahrung gäbe. Sie äusserte sich bei unserem Helden auf mehr als e i n e Weise. – Die Gestalten des Proteus sind eine Kleinigkeit gegen die Garderobe der Einbildungskraft. Muntere Pferde schnauben im Schlafe, schwitzen aus Kraftanstrengung, geben sich selbst den Sporn und setzen das olympische Rennen fort, das sie im Wachen anfingen; sind ihre Reiter nicht mehr als sie? – Im Wachen und Schlafen, im Singen und Beten, im Essen und Trinken, im lachen und Weinen g i n g unser Held nicht, er l i e f . Dass ich seinem olympischen Beispiele nicht nachjage und ihn laufen lasse, ohne ihm nachzulaufen, bedarf meiner Versicherung nicht; doch hoff' ich mit ihm zum Ende zu kommen. – Im väterlichen haus herrschte eine Gastfreiheit, die edel war. Man sandte nicht an die Strassen und Zäune, und nötigte nicht, ohne und mit hochzeitlichen Kleidern der denke- und Handlungsart hereinzukommen; doch war das Haus des Ritters jedermann offender Tisch so eingerichtet, dass nicht bloss Pilger, sondern auch Menschen von von allerlei Leckerzungen und allerlei Gaben des Ausdrucks oder Sprachen, wie der Ritter diese Spruchstelle zuweilen deutete, Dach und Fach, Tisch und Bett fanden, und mit herzlichen Benedicite und Gratias kamen und gingen. Selbst die Nachbarschaft wartete nicht immer auf Einladungen; vielmehr überliess sie sich oft der undeschreiblichen Wollust des Ungefährs, die so viele Wunder tut an uns und allen Enden.

Ein Ungefährbesuch dieser Art, veranlasst durch ein fräuleindas, wie es hiess, aus fremden, weiten Ländern zum Nachbargekommen war, blieb unserm Helden nicht

§. 59.

gleichgültig.

Ist der Trunk eine kurze Wut, so ist die Schönheit, nach dem Ausspruche des weisen Sokrates, eine kurze Tyranneidie tiefste und höchste Vernunft kann sich nicht halten; – Schönheit erobert d i e s e Festung. Unser Held, der jetzt einundzwanzig Jahr alt war, hatte sich noch nicht Zeit genommen, zu lieben. Ueberall, sagte Heraldicus junior, hätte er sich Flügel der Einbildungskraft angelegt; nur hier nicht. Nie hatte ein Stück aus der gewiss nicht kleinen Bildergallerie, die in Rosental so oft gastfreundlich aufgestellt war, ihn länger gerührt, als sie da zu Markte stand. Vielleicht war die Ursache in der Zudringlichkeit zu suchen, mit der diese Schönen ihn durch ihre Augen fahen wollten. Jetzt war es mit ihm geschehen. – Sie kam, sah und siegte. – Wer denn? – Wenn ich es selbst nur wüsste! Es war gewiss seine erste Liebe. Seine Herz schien ihm den Schwur abzunehmen: auch die letzte. – Ihre Bildung, ihr Wuchs, ihr Verstand, ihr Herz! – Keine genauere Beschreibung! jede wäre ein Verlust für sie. Sie würde das Mädchen vielleicht zum allerliebsten, zum schönsten Mädchen machen; – doch war sie meinem Helden eine Gotteit. Genug, es hoch anrechneer war so ganz Adam. Mit einer Herzlichkeit und Offenheit, wovon man seit dem v e r l o r n e n P a r a d i e s e , nicht dem M i l t o n s c h e n , sondern dem wirklichen, kaum ein Beispiel hatte, nahte er sich ihr, und sie erwiderte sein Ave Marianicht mit einem feinen Amen, das heisst: Ja, ja, es soll also geschehen, sondern mit einem bescheidenen Willkommen! – Wahre Schönheiten zieren sich nicht, so wie grosse Menschen nicht stolz sind. – Ihr keuscher Busen bedurfte nicht der Gardine ihres fliegenden Haares; die Unschuld schlug laut in ihm. – Hohe Schönheit, hohe Tugend, hoher Verstandwo diese drei Eins sind, da braucht es keiner elenden Schildwache von Ziererei! Unter dem Schutze der Unschuld und der allgemeinen Sitten ist ein Mädchen am sichersten. Die Grazien verstatten keine ungezogene Zudringlichkeit.