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Teodor Gottlieb von Hippel

Kreuz- und Querzüge des Ritters

A. bis Z.

Erster teil.

§. 1.

Der Name

meines Helden ist kurz und gut: A.B.C. bis X.Y.Z., des h e i l i g e n Römischen Reiches Freiherr von, in, auf, nach, durch und zu Rosental, Ritter vieler Orden trauriger und fröhlicher Gestalt, von der Ceder auf Libanon bis zum Ysop, der aus der Wand w ä c h s t . Da er das goldene A.B.C. bei der heiligen Taufe zu seinen Vornamen empfangen hatte, so ward er A.B.C. F r e i h e r r v o n u n d z u R o s e n t h a l , zuweilen auch, wer weiss ob beliebter Kürze oder der Euphonie wegen, A l p h a - u n d O m e g a - R i t t e r genannt. Seine

§. 2.

Familie

ist eine der urururältesten auf Gottes ergiebigem Erdboden, so dass sie das Wort n e u selbst bei den heiligsten und unschuldigsten Dingen so leicht nicht ertragen mochte. Ob sie das A l t e Testament für den Ableger hielt, blieb ein Familiengeheimniss, so wie wir noch mehr auf dergleichen stossen werden. Ausser Zweifel schien es, dass sie das N e u e bloss als die Fortsetzung des A l t e n aus christlicher Liebe gelten liess. War vom n e u e n B u n d e die Rede, so wollten die Rosentaler vom a l t e n B u n d e sein, ob man gleich zur Steuer der Wahrheit nicht unangezeigt lassen kann, dass sie das Sacrament der heiligen Taufe dem Sacramente der heiligen Beschneidung rühmlichst vorzogen und überhaupt nicht in Abrede stellen wollten und konnten, recht altgläubige, zur evangelisch-luterischen Kirchenordnung gehörige Christen zu sein. Als ein junger Zweig des von Rosentalschen Geschlechtes mit gewichsten Stiefeln von Universitäten zurückkehrte, ward im väterlichen haus ein Büss- und Bettag angeordnet; und wer nicht aufhören konnte, über die wächsernen Nasen zu seufzen, die man aus Gottes Wort und aus den Rechten in dieser letzten betrübten Zeit machte war die Frau Grossmama, deren wackelnder Kopf bei dieser Leichenpredigt sich rühmliche Mühe gab, dem entzahnten mund schrecklich und erwecklich nachzuhelfen. Die alten Damen dieses Ehrengeschlechtes waren Todfeindinnen jeder neuen Mode; und wenn diese auch den ältesten Trachten auf den Familiengemälden wie Ein Ei dem andern glich, so machten sie es sich doch zur Pflicht, bei einem gotischen Geschmacke Verschwenderinnen zu sein. Dessen ungeachtet circulirte von allem Neuen eine getreue Controle in der Familie, wiewohl nur als Präservativ, um über diese Gräuel ein desto gründlicheres A c h und W e h ausrufen zu können. Die jüngern Damen traten diesen Gesinnungen nicht völlig bei; indess söhnten sie sich mit ihren Gotinnen durch eine gemeinschaftliche Sitte aus, nach welcher weder Damen noch Herren respective neue Schuhe und Stiefel trugen, sondern sie erst durch andere austreten liessen. Der Missbrauch einer bekannten Spruchstelle, wodurch man noch zu dieser Frist das Inconsequente lächerlich zu machen sucht: Gleich wie der Löwe ein grimmiges Tier ist, also sollen wir auch in einem heiligen Leben wandeln, schreibt sich aus dieser Familie her. Wegen der apokalyptischen Worte: S i e h e , i c h m a c h e a l l e s n e u ! waren sie mit den Herren Geistlichen in ewigem Zwist, und die altfränkischen Wörter, bei denen in den Wörterbüchern Warnungstafeln zu stehen pflegen, hielten sie für die ersten und besten. Es war erbaulich, ihre Briefe zu lesen! wenigstens hundert Jahre konnte man sie zurück datiren. Ob ich nun gleich bei der Stange zu bleiben und mich auf meinen Helden einzuschränken entschlossen bin (mit dem ich gewiss alle hände voll zu tun haben werde, wobei ich indess vielleicht den Kopf zu schonen hoffen darf), so will es doch der Zusammenhang, dass ich auch ein paar Kreuz- und Querzüge von seinen Ahnherren in beliebter Kürze und Einfalt bestehe; und da muss ich Schande halber das Wort

§. 3.

Stammbaum

zuerst beherzigen.

Der Stammbaum dieser AltenbundesFamilie hatte, wie E u r o p a , die Gestalt einer sitzenden Jungfer; nicht als ob Europa schon das weiteste Ziel wäre, das dieses ausgebreitete Geschlecht sich zum Territorio vorgezeichnet hatte; nicht als ob die Jungfer hier etwa ein Bild der Fruchtbarkeit vorstellte (denn die Familie wusste so gut wie ein anderer und irgend jemand, dass Jungfrauen nicht, wie Aecker, durch Fruchtbarkeit im Anschlage steigen), sondern weil Europa der Sitz des wahren Grossen und alles Erhabenen und Schönen ist; und zunächst, um die Makellosigkeit, Pracht, kurz, die reine Jungfrauschaft der Rosentalschen Familie anzudeuten. Der Stammbaum lag bei dem Seniori Familiae, um die Ehrerbietung für das Alter auszudrücken, was auch die Zahl bezeichnen sollte, die mit der Welt lief und jährlich am Charfreitage abgeändert ward; wohl zu merken, zum Christi stand, und mit dem die Familie (obgleich nur vermittelst eines Streifschusses, wie sie Hochselbst im Scherz es zu nennen pflegte) verwandt zu sein nicht undeutlich zu verstehen gab. In dem jetzt laufenden Jahre hat die Stammtafel nach Seti Calvisii Rechnung die Nummer 5741. Diess Ehrenwerk war übrigens auf holländische Leinwand geklebt, um teils den Reichtum der Familie, und teils auch, in Rücksicht