1792_Knigge_063_9.txt

fahren wird."

Der junge Herr: "Mich soll wundern, wie man mich in Braunschweig behandeln wird; Ich finde viel Bekannte daUnd ob ich den Herzog verändert findeDer Kaiser wird es kaum glauben, wenn ich ihm bei meiner Rückkunft sage, wie weit man noch in Hannover zurück ist. (Unsere Freunde machten grosse Augen) Sind Sie ein Liebhaber von Music, Herr Pastor?"

Pastor: "Ich habe ehemals ein wenig Harfe gespielt und gesungen; aber die Amtsgeschäfte lassen mir jetzt wenig Musse zum blossen Zeitvertreibe übrig."

Der junge Herr: "Zeitvertreib? Ich bitte Sie! Kann etwas edler sein, als die Tonkunst? Was würkt mehr auf Herz und Empfindungen? Kann ein Mensch ein gutes Gemüt haben und kein Freund von Music, und kann ein grosser Musiker wohl je ein Bösewicht sein? An dem Vortrage eines einzigen Adagio will ich hören, ob ein Virtuose edler Gefühle fähig ist oder nicht."

Pastor: "Erlauben Sie, mein Herr! Ich habe das ehemals auch wohl gedacht, habe mich aber nachher überzeugt, dass das alles nur ein Werk mechanischer Übung ist. Weich macht die Music, das ist gewiss; aber nicht jede sanfte, wollüstige Empfindung ist darum Empfindung edler Art. Die Music hat keine bestimmte Sprache; sie regt luxuriöse Gefühle auf, ohne ihnen eine geordnete Richtung zu geben. Das Herz wird dadurch empfänglich, hier zum Wohlwollen, zur Freundschaft, dort zur Sinnlichkeit und zu grober Wollust. Die Menschen sind sehr geneigt, verschiedne Begriffe zu verwechseln, die man mit denselben Worten ausdrückt. Wir sagen von einem sanguinischen Weichlinge, der über Roman-Helden Tränen vergiesst: er habe Gefühl, und dasselbe sagen wir von dem mann, dessen Herz sich für grosse Gegenstände warm und tätig interessirt; allein vergessen wir nicht, dass Jener darum doch ein Erz-Schurke sein könne; der wahrhaftig tugendhafte, zu erhabnen Taten und grossmütigen Aufopferungen fähige Mann hingegen sich durch die Gewalt seiner Vernunft über die Leidenschaften auszeichnen müsse. Kurz! die Tugend besteht nicht in dunkeln Gefühlen, wie ich dies in einer Predigt, die bald im Drucke erscheinen wird, weitläuftig auseinander gesetzt habe. Was ich eben behauptete, wird ja auch durch die Erfahrung bestättigt. Findet man nicht die verworfensten, schlechtesten Leute und die kaum Menschensinn haben unter den geschicktesten Virtuosen?"

(Hier stand der junge Herr einen Augenblick auf und ging hinaus)

Der Amtmann: (zu dem wichtigen mann) "Um Vergebung! kennen Dieselben den Herrn, der da von Music sprach und der, wie es scheint, mit fürstlichen Personen in genauen Verhältnissen stehen muss?"

Der wichtige Mann: "Ob ich den Schuft kenne? Wie wollte ich nicht! Das ist ein reisender Flötenspieler; Ein lüderlicher Hund, der, als ich in herrschaftlichen Angelegenheiten in Wetzlar war, dort ein ehrliches Bürgers-Mädchen verführte und mit ihr durchging. Hernach ist er einmal Comödiant gewesen; Jetzt steht er in Wien bei der Capelle eines Fürsten. Sie haben Recht gehabt, dass Sie ihm die Wahrheit gesagt haben, Herr Pastor! aber das muss man gestehn, der Kerl spielt, wie ein Engel. Solche Pfeifer und Geiger glauben, dass sie die wichtigsten Leute im staat sind, und dass sie uns eine Gnade erzeigen, wenn sie uns die Taler aus dem Beutel dudeln. Aber auf unser voriges Gespräch zurück zu kommen, Herr Amtmann! Sie schüttelten den Kopf, als ich von Verteilung der Amts-Ländereien sprach.-"

Der Amtmann: "Ich bekenne, dass ich nicht davor bin. Sie werden vielleicht glauben, mein hochgeehrtester Herr!, dass ich aus Eigennutz rede; aber das ist gewiss nicht der Fall. Sie belieben zu sagen, die Beamten würden reich bei den grossen Pachtungen; allein das hängt davon ab, wie der Contract gemacht ist. Und wäre das auch! Was würde aus unsern Staaten werden, wenn es keine reiche Leute darin gäbe? Wer sollte in zeiten der Teurung und des Mangels den Armen Brod und Arbeit geben, ihnen Vorschüsse tun? Der Bauer sammelt nicht; Kommen nun Misjahre, so ist die Not allgemein. Der wohlhabende Beamte hingegen ist in solchen Calamitäten der allgemeine Cassirer. Sie sagen, wenn die Ländereien verteilt würden, lebten mehrere Familien davon. Allein ziehen denn nicht von dem reichen mann eben so viel Familien ihren Unterhalt? Dem Wucher der Capitalisten und der übermässigen Bereicherung aber kann ja die Landes-Regierung Einhalt tun."

Unser Herr Amtmann wollte seine cameralistische Abhandlung eben fortsetzen, als dem wichtigen mann gemeldet wurde, dass der Wagen, in welchem er mit zwei von den stummen Personen abreisen sollte, fertig vor der Tür stünde. Er ging also von dannen; und kaum hatte er die Tür hinter sich zugezogen, als der Virtuose in ein lautes Gelächter ausbrach: "Nun bei meiner Seele!" rief er, "das nenn' ich einen Windbeutel! Tut der Kerl nicht so dick, als wenn er ein Minister wäre! Aber wir kennen uns; Ich habe ihn gesehen, als er in Wetzlar, zur Zeit der Visitation, Bedienter bei den ***schen Gesandten war. Er hat mir und dem Cammerrichter manches Glas Wein eingeschenkt, wenn wir bei dem Gesandten speisten. Jetzt ist er Scribent bei der Cammer in ***."

Den Herrn Amtmann reuete nun seine übergrosse Höflichkeit und seine ländlichen gefährten machten in der Stille ihre Bemerkungen über die Wahrheit des Satzes, dass in