hatte daher Besitz von dem untersten jener Alcoven-Zimmer genommen; dem Amtmanne und seinem Sohne hingegen war das im obersten Stockwerke angewiesen worden. Wir haben erzählt, dass die Gesellschaft aus Biesterberg Abends früher als die Priester der Talia zu Bette gingen. Herr Stenge liebte, wie das zuweilen der Fall bei solchen Künstlern ist, die starken, begeisternden Getränke, und da sein Schutz-Patron, sanctus Apollo, ihm keinen Nectar lieferte, pflegte er sich bescheiden mit Kümmel-Aquavit oder dergleichen zu behelfen. Des Amtmanns alter Franzwein hatte seinen Durst vermehrt; Er liess sich also noch Brandtewein vom Wirte geben, schickte seine Frau zu Bette, nahm seine Rolle als Kaiser Ernst in Agnes Bernauer vor sich, fing an trinkend zu studieren und studierend zu trinken; Nach und nach wurde sein kaiserliches Haupt schwerer; Ein kleines Geschäft, dem sich Monarchen und Bauern zu gewissen zeiten nicht entziehn können, rief ihn in den Hof; Er taumelte irrend herum, geriet endlich in einen leer stehenden Pferdestall, stolperte, fiel auf das Stroh hin – der Genius des Hauses Bayern wachte über ihn; er schlief sanft ein, sanfter, als sonst wohl Kaiser und Könige schlafen. – Moral: Man kann wohl je zuweilen auf Stroh sanfter, wie auf Eider-Daunen ruhn.
Unterdessen hatten die Zauberkräfte der ungewöhnten Stadt-Küche eine sonderbare Umwälzung (Revolution) in den Verdauungs-Werkzeugen des Musjö Valentin Waumann bewürkt; Er konnte nicht einschlafen vor Kneipen und Reissen – Wie, wenn der Professor Aloisius Hoffmann in Wien nach unweisem Genusse der gewürzten speisen der Aufklärung, seinen, an wasser-Suppen, Fastenspeisen und Klosterkost gewöhnten Magen in dem unsaubern heimlichen Gemache der Wiener Zeitschrift zu entladen sucht, so sehnte sich unser liebenswürdiger Jüngling nach einer ähnlichen Anstalt für seine Bedürfnisse. Er schlich weg von der Seite seines fest schlafenden Erzeugers, irrte im haus umher, fand endlich das quasi hoffmannsche Institut, und kehrte, doch nicht verachtet und verspottet wie der Professor, nach seiner Schlafstelle zurück. Allein unglücklicherweise geriet er in das untre Zimmer, und weil dies vollkommen wie das obre eingerichtet war, wurde ihm sein Irrtum nicht merklich, sondern er ging dem Alcoven zu, legte sich behende neben – Madam Stenge hin, und schlief ein.
Also schlief er; die Dame schlief; der Herr Amtmann schlief; der Teater-Fürst schlief; folglich wurde bis zu der Morgenstunde niemand der Verwechselung gewahr. Dann aber waren die Dünste des gestrigen Rausches bei dem Herrn Stenge verflogen; Er erhob sich von seinem Lager, erstieg sein Zimmer und fand – was wir wissen.
Als der Amtmann den Schauplatz der Gewalttätigkeit erreichte, hatte eben der Principal den einzigen waumannschen Erben mit einer Hand an der Gurgel ergriffen, indem er ihm mit der andern ein TaschenPistol auf die Brust hielt und dabei fürchterlich declamirte: "Räuber, Ehrenschänder!" rief er aus, "Du sollst mir den Frevel teuer bezahlen. Und Du, unkeusches Weib! die Du mein Ehebette befleckest; hast Du vergessen, dass Dein Leben mein Werk ist, dass ich Dir alles aufopferte, dass ich hasse, wie ich liebe?1 Was hindert mich, dass ich jeden Eurer Otemzüge in banges Seufzen, Euer verliebtes Girren in Heulen und Zähnklappern verwandle." "Hat sich was zu klappern", rief der Förster, der indess, wie alles, was sonst noch im haus lebte und webte, herbeigekommen war. "Hat sich was zu klappern! das alte Mensch hat ja keinen Zahn mehr im Rachen. Und nun sage mir gleich, Du vermaledeiter Pritschmeister! was Dir der junge Mensch da getan hat! Oder ist das wieder einer von Deinen Commödien-Spässen, wobei ehrliche Leute Schläge kriegen? Ich rate Dir's, bleib uns mit Deinem Hocuspocus vom leib, oder Du sollst sehen, dass der Förster Dornbusch auch Commödie spielen kann."
Weit entfernt, sich durch diese Drohungen schrekken zu lassen, erhob vielmehr Herr Stenge nur noch lauter seine Principal-stimme. Von der andern Seite trat seine Eheliebste mit den heiligsten Beteurungen ihrer Unschuld hervor. – Ein Gegenstand, den sie in dreissig Jahren nicht gelegenheit zu verteidigen gefunden hatte! Sie schwor bei den Lichtern des Firmaments, sie habe fest geschlafen und gar nicht geahndet, dass ein Verführer den Platz ihres Mannes bei ihr eingenommen hätte. "Wodurch, schändlicher Bösewicht", schrie sie, "habe ich Deine Frechheit ermuntert, dass Du einen so höllischen Anschlag auf meine Tugend wagen durftest?" – "Darum also", fiel ihr wieder Herr Stenge in die Rede, "habt ihr mich mit Euren betäubenden Getränken in einen Zustand versetzt, in welchem ich meiner Sinne nicht mächtig war?" – Kurz! Beide spielten ihre Rollen so gut und der dicke Herr war ein zu alter Practicus, als dass er nicht auf den ersten blick hätte wahrnehmen sollen, was für Vorteil sich aus dieser Verwirrung ziehen liess. Der Amtmann und seine gefährten standen in der Tat wie bezaubert da und wussten nicht, was sie anfangen sollten. Alles sprach gegen Musjö Valentin; das Factum war nicht zu leugnen; das Ehepaar drohete mit gerichtlicher Klage; der Wirt glaubte gleichfalls sein Haus beschimpft. – Welch ein Aufsehn, wenn Herr Stenge die Gesellschaft in Verhaft nehmen liess! Freilich würde sich die Sache vor Gericht aufgeklärt haben; aber der Schimpf. – Und die Kutschen standen schon bespannt vor der Tür; Es war keine Zeit zu verliehren, wenn man des