sich gern seiner Haut wehrt, wenn er kann; so blieben sie unserm armen Dornbusch nichts schuldig. Wenn es aber nach dem vortreflichen alten Spruche, ein Trost ist, gefährten im Unglücke zu haben; so wurde dieser Trost auch dem Förster zu teil; denn als die Kriegsknechte glaubten, der Grünrock gehöre mit zu der Partei Derer, welche sie anzugreifen befehligt waren, und er die Sache so ernstlich behandelte; meinten sie auch ein Recht zu haben, sich wegen der empfangnen Hiebe an den Übrigen zu rächen. In Kurzem war daher die ganze Gesellschaft in zwei Parteien geteilt: hier tummelten sich zwei auf der Erde herum; dort hatte sich ein Paar in die Haare gefasst; Agnes Bernauer vergass die Ohnmacht, die in ihrer Rolle stand und schrie laut; ihr Gatte, der Principal, versuchte es, die Kämpfer aus einander zu reissen, indess der Pastor, der Amtmann und sein Sohn kläglich und ängstlich um hülfe riefen. Endlich hörte Herr Lauenstein, der Wirt, dass der Lerm grösser war, als zu einer blossen probe unumgänglich nötig schien. Er kam also mit seinen übrigen Hausgenossen herbei. Es wurde ein Waffen-Stillstand gemacht; dann kam es zu Erläuterungen; der Principal versicherte: er freue sich, bei dieser gelegenheit die Bekanntschaft des Herrn Försters Dornbusch und seiner gefährten gemacht zu haben, und Dieser schloss mit der Sentenz: "Der Teufel hole solche Commödien!"
Indessen versäumte Herr Stenge nichts, sobald die übrigen Schauspieler, die nicht in demselben haus wohnten, fort waren, die gute Meinung der Männer aus Biesterberg vor sich zu gewinnen. Er konnte gar nicht aufhören, seine Betrübniss über das unangenehme Misverständniss zu erkennen zu geben; Er kramte dabei so viel herrliche, aus Dramen und Trauerspielen zusammengeflickte Grundsätze aus, sprach so eifrig von den Anstalten, die er getroffen hätte, um unter den Mitgliedern seiner Gesellschaft die strengste Sittlichkeit zu erhalten, und von seinen Beeiferungen, durch gute Auswahl der aufzuführenden Stücke, Wärme für Tugend und Religion zu verbreiten, dass selbst Ehren Schottenius sich geneigt fühlte, den Herrn Stenge und die Frau gemahlin für sehr vortrefliche Personen zu halten. An der Abend-Tafel, bei welcher der Herr Amtmann Waumann unter andern ein Paar mitgenommne Flaschen voll alten Franzweins producirte, der im vorigen Jahre in Bremen war componirt worden, öfneten sich nun vollends die Gemüter; und als unsre Reisenden, nicht gewöhnt, länger als bis zehn Uhr ausser Bette zu bleiben, in die ihnen angewiesenen Zimmer gingen, indess Herr Stenge noch unten blieb, schieden sie Alle mit Händeschütteln und viel verbindlichen Äusserungen aus einander.
Drittes Capitel
Der zweite Tag fängt mit einem neuen Sturme an.
Fortsetzung der Reise bis Peina.
Es war vier Uhr des Morgens, und noch lag in der bischöflichen Residenz alles, Mann, Weib und Kind, in tiefer Stille versunken; die gnädigen und hochwürdigen Domherrn ruheten aus in den Armen – des Schlafs von erhabnen Meditationen und sammelten neue Stärke zu – ihrem Leben, voll frommer Aufopferung; Mönch und Nonne, versteht sich, jede einzeln, weideten ihren, aus dem ertödteten Fleische zum Himmel emporstrebenden Geist in den seligen Gefilden des Paradieses, und der ehrliche Bürgersmann schlief sanft, um Kräfte zu sammeln, zu seinen, nicht so einträglichen, aber doch nicht minder nützlichen Geschäften. – Da quälte den Amtmann Waumann ein fürchterlicher Traum, wie er noch keinen je geträumt hatte. Wir, der Autor, könnten diesen Traum des Breitern hier erzählen und füglich einen halben Bogen damit anfüllen – sind doch schon manche Bände in allen Formaten geschrieben, die nichts als Träume entalten! – allein diesmal wollen wir uns begnügen zu sagen, dass dieses Traums Haupt-Gegenstand der einzige Waumannsche Leibes-Erbe, unser liebenswürdiger Valentin war, und zwar in dem Augenblicke der grössten Gefahr, darin eine fromme ChristenSeele nur schweben kann, nämlich in den Klauen des leidigen Satanas und seiner Grossmutter. Es dünkte den Amtmann, das Winseln seines Eingebohrnen abwechselnd mit dem Gebrülle des höllischen Schwefelpfuhl-Principals zu vernehmen. Geschworen hätte er darauf, dass es kein blosser Traum wäre, der vor seiner Phantasie schwebte – und nichts glich seinem Schrekken, als er sich nun wirklich gänzlich erwacht fühlte, den geliebten Sohn nicht mehr neben sich im Bette sah, wo er doch des Abends zuvor seinen Platz genommen hatte, sondern als die valentinschen Klagetöne in einiger Entfernung vernehmlich und unverkennbar zu seinen Ohren drangen: "Papa! Papa! ach! sie knebeln mich; sie tun mir den Tod an." Der Amtmann sprang sogleich von seinem Lager auf, fuhr schnell in seine Beinkleider, ergriff den zweischneidigen Hirschfänger und riss die Tür auf, durch welche seines Erben Geschrei gedrungen war.
Um die Leser, deren Ungeduld, wie wir, der Autor, das gar nicht anders vermuten dürfen, auf's höchste gespannt sein wird, nicht länger aufzuhalten, wollen wir den ganzen traurigen Vorgang erzählen, der diese Scene des Schreckens veranlasste. In des hochgeehrten Herrn Lauenstein Gastofe kommt man, vermittelst einer kleinen Treppe, die, vermutlich aus Mangel des gehörigen Lichts, ein wenig dunkel ist, zu einem, mit einem Alcoven versehenen Zimmer. Über demselben ist ein Appartement von ähnlicher Art, zu welchem man vermöge der Fortsetzung jener Treppe gelangt. Die übrigen Fremden-Zimmer liegen nach andern Seiten des Hauses hin, und in diese entlegne Wohnungen hatte man den Prediger und den Förster einquartiert. Der Teater-Principal war nebst gattin, wie bekannt, früher angekommen und