Bravo."
Musjö Valentin: (leise)"Papa! die Menschen sind toll; Lassen Sie uns machen, dass wir fortkommen!"
Der Amtmann: (leise) "Herr Pastor! was bedeutet das?"
Der Pastor: (leise zum Amtmanne) "Ich glaube, es sind Mimi, Histriones, Commödianten-Volk."
Der Andre: "Entschliesset Euch!".
Die Frau: "Ich bin ja entschlossen; hab's Euch ja oft gesagt, hab nie gewankt."
Der dicke Herr: "Nun kommt der neunte Auftritt."
Ein Dritter: (tritt hervor) "Es ist Zeit!"
Der Andre: "Hört Ihr's?"
Die Frau: "Gott, was soll mir geschehn? – Wo ist Zenger? – o Albrecht!"
Der Dritte: "Soll ich!"
Der Andre: "Ja!"
Ein Vierter: (kommt hinter dem Ofen hervor) "Herr Canzler! wisst Ihr, wie Schurken und Verrätern mitgefahren wird?"
Valentin: (leise) "Papa! Sie schimpfen."
Der Andre: "Wozu diese Frage?"
Der Vierte: "Weil Ihr's an Euch selbst bald erfahren sollt. Folgt mir, gnädige Frau!"
Der Amtmann: (leise) "Es ist Eine von der Noblesse."
Der dicke Herr: (rüttelt den auf dem Schenktische stehenden Messer-Korb und trommelt auf dem Tische) "Das war das Waffengetöse und Trommeln; Nun spricht Tuchsenhauser."
Der Andre: "Verwegner! Agnes soll da bleiben, auf des Herzogs Befehl."
Der Amtmann: "Excusiren Sie; hier hat niemand zu befehlen, als der Fürst Bischoff."
Der Vierte: (zieht ein Messer hervor) "Verräter! das gilt mehr, als Dein Herzog." (Will die Frau fortreissen)
Der dicke Herr: "Bravo!" (Er gibt ein Zeichen, durch klopfen an der Tür; Mit einmal stürzen der Hausknecht, ein Taglöhner und noch einige Andre, mit Knütteln bewafnet herein. Es kommt zum Kampfe)
Der Förster: (der, als ein reitender Förster, nie anders, als mit Stiefeln und Sporen und bewafnet mit einer Peitsche erschien) "Nein! das ist zu arg. Willst loslassen, Du Sackermenter! Ist das erlaubt, über ein Weibsmensch herzufallen."
Und nun fuhr der Förster hinter dem Tische hervor und – Freilich konnte der gute Mann, der in seinem Leben kein ordentliches Schauspiel gesehen hatte, nicht wohl wissen, dass, was er da hörte, eine Stelle aus dem grossen Original-Trauerspiele Agnes Bernauer (oder unteutsch zu reden: Bernauerinn) war. Der reisende Schauspiel-Director, Herr Stenge, war nämlich mit seiner zusammengeraften Gesellschaft Tages zuvor in Hildesheim angekommen, woselbst er die erlaubnis erhalten hatte, zum Besten der Moralität und zur Beförderung des guten Geschmacks, so lange Vorstellungen von unsern National-Meisterstücken zu geben, bis die ehrlichen Bürger und Handwerksleute nichts mehr zu versetzen haben würden, um vierzehn Vagabonden zu füttern. Bessere Schauspieler-Gesellschaften hatten ihr Auskommen in Hildesheim nicht gefunden; und so war denn doch zu hoffen, dass Mädchen und Jünglinge in romanhafter, schwärmerischer Stimmung und den Künsten der edlen Buhlerei wenigstens nicht ganz hinter der Jugend andrer Städte zurückbleiben würden. Des Herrn Stenge sogenannte Schauspieler-Gesellschaft hatte übrigens noch das eigne Verdienst, dass sie eine wahre Mustercharte von allen deutschen Provinzial-Dialecten war; doch führten die mehrsten Mitglieder die sanfte bayerische Mundart. Da das Brauhaus, worinn der Schauplatz errichtet werden sollte, noch nicht in Ordnung war, und man am Montage das eben genannte Trauerspiel mit allem Pomp geben wollte, hatte der Directeur, welcher mit seiner leider! schon ein wenig bejahrten Frau Liebsten in dem Gastofe des Herrn Lauenstein sein Quartier genommen hatte, einen teil seiner Gesellschaft zu sich bestellt, um einige Scenen aus dem vierten Acte zu probiren. Es war nicht möglich, alles so vollkommen und täuschend darzustellen, als es am Montage auf der Bühne erscheinen sollte; denn da waren die edle Schuster- und die Schneider-Zunft und einige Perückenmacher eingeladen worden, die Personen des Magistrats von Straubingen, der Fürsten und Ritter auf dem Turniere, der Richter, Knechte, Wachen u.d.gl. vorzustellen, welche Rollen sonst in Berlin und andern Städten wohl mit Musketiers besetzt zu werden pflegen. Heute hatte man den Hausknecht und ein Paar andre Lümmel, die grade im haus waren, abgerichtet, auf ein zu gebendes Zeichen in das Zimmer zu stürzen, wenn Tore mit den Kriegsknechten erscheinen musste. Dem Förster war das Ding zu bunt; Er verstand es nicht, worüber der Streit herkam; als man aber über die ältliche Dame, welche Agnes vorstellte, herfiel, hielt er's für Pflicht, der schwächern Partei beizustehn. – Also fuhr er, wie wir schon gesagt haben, hinter dem Tische hervor und arbeitete mit seiner Peitsche auf die Kriegsknechte los. Der dicke Herr Stenge hielt den Mann im grünen Rocke, für einen Spassvogel, der den Kampf täuschender darzustellen suchte, und rief einmal über das andre aus: "bravo! bravo!" Aber nicht also der Hausknecht und Consorten. Man hatte ihnen, als man sie zu dieser Vorstellung instruirte, nicht gesagt, dass sie ernstlich Schläge bekommen sollten. Da die Sache nun diese Wendung nahm, gefiel ihnen das sehr übel; und weil doch Jeder