gewaltsame Trennung von dem einzigen geliebten gegenstand, da sie nun unter fremden Leuten herumirren muss, fern von allem, was ihr teuer und wert ist, rennt jetzt leichtsinnig mit einer zweideutigen Unbekannten in das Getümmel vermummter Freuden-Kinder; Ein Frauenzimmer, das so viel Bücher über Menschenkenntniss gelesen und aus Romanen gelernt hat, sich entführen zu lassen, ahndet nicht, dass sie einer verdächtigen Ratgeberinn in die hände gefallen ist, da sie doch gewiss zwanzigmal in ihren Büchern die traurigen Folgen ähnlicher leichtsinniger Schritte geschildert gefunden? Sollen wir hier lauter gegen die schädlichen Würkungen einer übel gewählten Lectüre, oder gegen die Inconsequenzen des schönen Geschlechts declamiren? Es gibt strenge Moralisten, welche behaupten, die Ursache, warum auch die feinste Menschenkunde oft bei Beobachtung des weiblichen Characters scheitre, liege darin, dass die Frauenzimmer eigentlich gar keinen charakter hätten, sondern unaufhörlich von unzusammenhängenden Launen und Grillen regiert würden. Es sei eben so wenig möglich, vorauszusagen, auf welche Weise ein Weib sich in der folgenden Viertelstunde bei diesem oder jenem Vorfalle betragen mögte, wie es, selbst dem geschicktesten Tanzmeister möglich sei, zu bestimmen, was für Schritte ein herumspringender wilder Indianer machen würde. – Wir halten das für baare Verläumdung und glauben vielmehr, es liege die Schuld nur daran, dass teils dies Geschlecht die feinern Übergänge ihrer Leidenschaften, wodurch ihre Handlungen motivirt werden, sorgfältiger verborgen hielte, teils das Spiel dieser Übergänge in ihnen schneller als in uns vorginge. Aber wo geraten wir hin? Bleiben wir bei der Klinge!
Die beiden Frauenzimmer vermummten sich also, en Chauve-fouris, schlichen nach dem Opernsaale hin und mischten sich unter den Haufen der Masken. Sie hatten sich kaum einmal von dem Eingange bis zum Ende des Teaters gedrängt, als ein männlicher Domino sogleich die schwarzäugichte Cammerjungfer erkannte, auf sie zueilte, ihr die Hand drückte und ausrief: "Ei, Susannchen! wie kömmst Du hierher?" "Um Gotteswillen!" sagte Margareta, "wer ist das?" – Es war ein Vetter. Aber bald kamen der Vettern so Viele und unter Diesen Manche, die nicht die bescheidenste Sprache führten. "Wie führt dich der Teufel wieder nach Braunschweig, Du Wettermädchen?" sprach der Eine. "Bei meiner Seele! da ist unsre kleine runde Hexe", sprach der Andre und lachte laut auf. "Und wen hast Du denn da bei Dir?" erschallte die dritte stimme. "Das ist gewiss neue Waare vom land!"
Nun erst fing unsre arme Meta an, zu argwöhnen, dass sie einen übereilten Schritt getan hätte, dass sie nicht in die beste Gesellschaft geraten wäre und nun wurde ihr Herzchen schwer und traurig. Indess hatte sich der Cirkel der alten Bekannten um Susannen und ihre Begleiterinn vermehrt; man fing an, sich allerlei freie Reden gegen sie zu erlauben und zwei junge Herrn drangen mit Ungestüm darauf, dass sie mit ihnen in eine von den Logen gehen sollten.
Margareta geriet in die äusserste Verlegenheit und war im Begriff laut zu schreien, als ein Mann in einem schwarzen Tabareau, der schon eine Zeitlang beide Mädchen beobachtet und hauptsächlich seine Aufmerksamkeit auf Margaretens Schuhschnallen (oder waren es Bandschleufen?) geheftet hatte, die ihm bekannt vorkamen, begleitet von einer andern person, sich mit Gewalt durch den Haufen drängte – "Bei Gott! sie ist es", rief er aus und schloss Meta in seine arme. – Raten Sie nicht länger, hochgeehrteste Leser! Es war kein Andrer, wie der Hauptmann Previllier; und wie der hierherkam, das sollen Sie bald erfahren. Lassen Sie mich nur erst Otem schöpfen!
Vierzehntes Capitel
Auf der Mascarade in Braunschweig führt der
Himmel die Seinigen wunderlich zusammen.
Wir haben die Gesellschaft in Steinbrüggen in dem Augenblicke verlassen, als der alte Dornbusch seinen Bruder, den Förster, nach einer so langjährigen Entfernung, wieder umarmte, die Freude der beiden Brüder aber sowohl, als die des Pastors Schottenius und des Hauptmanns Previllier durch die Flucht des lieben jungen Frauenzimmers sehr gemindert wurde. Ich habe mich bei Schilderung dieser Zusammenkunft nicht lange verweilt; in allen Romanen und Schauspielen können Sie dergleichen Wiederfindungs-Scenen beschrieben finden. Zudem konnte man sich nicht dabei aufhalten; es war keine Zeit zu verliehren, um, wo möglich, Margareten wiederaufzufinden. Die offenstehende Hintertür des Gartens, in welchem sie spatzieren gegangen war, liess keinen Zweifel übrig, dass sie da hinaus entflohen wäre; unsre vier Reisenden liefen desfalls von dort aus nach verschiedenen Richtungen in das weite Feld hinein, blickten um sich her, so weit sie konnten, und fragten jeden Bauer, der ihnen auf diesen Wegen aufstiess, ob ihm kein Frauenzimmer begegnet wäre! Der Förster, als ein guter Waidmann, nahm noch andre Merkzeichen zu hülfe; Er bemühete sich nämlich, die Fährte von den hohen weiblichen Absätzen aufzuspüren und dies gelang ihm. Sobald er auf der Spur war, pfiff er auf der Hand und versammelte dadurch seine Gesellschafter wieder um sich. Nun gingen Alle den Fusstritten nach und kamen dann an den vorhin beschriebenen Kreutzweg – aber fort war hier die Spur.
Indessen werden die Leser sich noch eines sichern Bettlers erinnern, der auf dem Reise-Koffer des Fräuleins von Brumbei Platz genommen. Er hatte sich die erlaubnis dazu von dem Fuhrmanne durch Bitten und einem kleinen Rest Rauchtabac erkauft, zu welchem er, ich weiss nicht wie? gekommen war. Als aber durch Margareta Dornbusch die Gesellschaft im Wagen und folglich die Last der drei magern Pferde vermehrt