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sich solchen Personen in die hände liefern und Denen tausend gute Eigenschaften zutrauen, welche ihren Leidenschaften schmeicheln. Der Autor jenes Werks hatte dies gar artig auseinandergesetzt; ich kann aber das Buch jetzt nicht wieder auffinden, sonst schriebe ich die Stelle ganz ab; Doch vielleicht nehmen die Leserinnen gelegenheit, aus der geschichte unserer Freundinn selbst, sich die nötigen Lehren herauszuziehn; wir fahren also in unsrer Erzählung fort.

Am Montage ging die Reise weiter und unsre Damen erreichten vor Mittag noch die Stadt Braunschweig. Susanna hatte indess beim Ankleiden ihrer herrschaft gelegenheit gefunden, derselben die neue Freundinn so warm zu empfehlen, dass jetzt schon nicht mehr die Rede davon war, sich eher von Margareten zu trennen, bis diese von ihrem vorgeblichen Vetter würde abgeholt werden.

Das fräulein von Brumbei hatte sich, auf Empfehlung ihrer Zofe, die ihr ganzes Zutraun besass, ein Paar kleine Zimmer in dem haus des Schusters Wöllner, unfern dem Opernhause, für die Zeit ihres Aufentalts in Braunschweig gemietet. Dieser Schuster war ein andächtiger Heuchler, der sehr viel von der reinen Lehre und dem inneren Lichte redete, seines Amtsbruders Jacob Böhms Schriften las, Betstunden für Personen beiderlei Geschlechts in seinem haus hielt, übrigens aber ein Erz-Schurke war und auf Pfänder liehe. – Ich bitte die geneigten Leserinnen nun nochmals zu überlegen, welche schreckliche Folgen die erste Übereilung der Jungfer Dornbusch für sie hätte haben können, da wir sie jetzt von solchen Menschen umgeben sehen müssen.

Sobald die Gesellschaft Besitz von ihrer wohnung genommen hatte, setzte sich Meta hin und schrieb dem Freunde ihrer Seele einen zärtlichen Brief. Sie urteilte nicht ohne Wahrscheinlichkeit, es werde der Hauptmann, sobald er in Peina im Postause erfahren hätte, wohin der Förster mit ihr gereist sei, auch seinen Weg nach Gosslar genommen haben, wohin er, als Werbe-Officier, ohnehin in wenig Tagen zurückkehren musste. In jedem Falle also schien es ihr am sichersten, dahin ihren Brief mit der Post zu schicken. Hätte sie das früher überlegt; so hätte sie in der Tat nicht nötig gehabt, zu entlaufen, denn sie konnte sich doch leicht einbilden, dass Previllier nicht lange säumen würde, ihr nachzureisen und dann war, an der Seite dieses braven Kriegsmannes, von der Gewalt des Oheims nicht viel zu fürchten. Allein die idee der Flucht war romanhafter, und folglich wurde sie vorgezogen.

Der Brief war nun fort, und da sie, bis Antwort oder der Liebhaber selbst kommen würde, sicher und unentdeckt in Braunschweig bleiben konnte; fing sie an sich zu erheitern und an dem ungewöhnten Anblikke der volkes-Menge, die zur Messzeit die Strassen von Braunschweig anfüllt, ihre Augen zu weiden. Susanne aber nützte diese muntre Stimmung, stand neben ihr am Fenster und machte ihr reizende Schilderungen von den Annehmlichkeiten dieser grossen Stadt.

So kam der Abend herbeiein schöner, heitrer Sommer-Abend. Die alte Dame hatte, aus Freude über ihre glückliche Ankunft, ihrer gewöhnlichen Portion Herzstärkung ein Paar Gläser Ratafia hinzugefügt; Das pflegt denn den Schlaf zu befördern; und so war sie schon um acht Uhr zu Bette gegangen. "Es wäre Sünde", sagte Susanne zu ihrer neuen Freundinn, "wenn man sich bei dem herrlichen Wetter im Zimmer einsperren wollte. Wenigstens sollten wir doch vor der Haustür ein wenig auf- und abgehn." Margareta Dornbusch liess sich den Vorschlag gefallen; sie schlenderten Arm in Arm längst dem Opernhause und auf dem benachbarten Kirchhofe hin und her. Nun wurde, wie die Leser wissen, an diesem Montage Mascarade im Opernhause gegeben; Susanne wusste das, denn sie hatte schon, während unsre Freundinn schrieb, allerlei Besuche gehabt, Leute verschickt und Verabredungen genommen.

Jetzt fing sie an, Margareten, die dergleichen Festen nie beigewohnt hatte, eine reizende Schilderung von dem Vergnügen zu machen, das man auf einem solchen Balle schmeckte. "Ich habe einen guten Einfall, meine Liebe!" setzte sie hinzu, "Wir könnten uns leicht, als Fledermäuse maskirt, auf eine Stunde hinschleichen. Niemand kennt uns; Wir gehen da miteinander durch das Gewühl von verkleideten Menschen umher, Arm in Arm, wie wir hier gehen. Es wird Sie aufheitern, da Sie doch noch nie keine Mascarade gesehen haben; meine Alte erfährt nichts davon; unsre Wirtsleute sind gute Menschen, und ehe es Bettgehn-Zeit ist, sind wir wieder zu haus."

Margareten wollte Anfangs dieser Plan nicht gefallen; er kam ihr zu kühn vor; allein die Sache schien ja so unschuldig; sie war in einer so ruhigen Stimmung, worauf die angenehme Abend-Luft, das Gefühl einer nie genossenen Freiheit, der Anblick der schönen, lebhaften Strassen und die hoffnung, vielleicht morgen schon den Freund ihres Herzens in ihre arme eilen zu sehen, vorteilhaft würkten; ihre Neugier, ein ihr so fremdes Schauspiel kennen zu lernen, wurde immer auf's Neue gereitzt, so oft sie, in Kutschen, Porte-Chaisen und zu fuss einen frischen Transport von verkleideten Personen beiderlei Geschlechts in das nahgelegene Opernhaus eintreten sahund kurz! sie gab dem Vorschlage Gehör und entschloss sich, den Spass in der Nähe anzusehn.

Hier mein Herr! liegen zwei Louisd'or; nehmen Sie dies Geld und lassen mir dafür mit dem Postwagen einen Philosophen kommen, der mir auf bescheidnere Art diesen und ähnliche Wiedersprüche im weiblichen charakter erkläre! Ein züchtiges, junges Mädchen, das noch vor vier und zwanzig Stunden voll Verzweiflung war, über die