1792_Knigge_063_4.txt

eines dikken Pfannekuchens. Indess nun zu diesem letzteren Anstalt gemacht wurde, worüber wohl eine Stunde verstrich, weil die Pfanne nicht sogleich zu finden war, indem der Knecht dieselbe gebraucht hatte, um darin einen warmen Umschlag für eines der Pferde zu bereiten, entstand in der Schlafkammer des Wirts ein fürchterlicher Lerm und Zank. Der Herr Pastor glaubte Beruf zu haben, zu versuchen, ob er hier nicht das Amt eines Friedensstifters übernehmen könnte, und ging in das Zimmer. Er fand den Hausherrn äusserst ergrimmt über sein Eheweib, welches, um das geräucherte Rindfleisch, das den angekommenen Gästen vorgesetzt werden sollte, warm zu halten, ihres Mannes ledernes Beinkleid darüber gedeckt hatte. Er hatte es eben anziehn wollen und nun fand er es ausgespannt und rauchend.

Man kann sich leicht vorstellen, dass alle diese Zubereitungen zu dem bestellten Gastmahle unsern Reisenden nicht viel Apetit erweckten. Sobald daher die Rosse gefüttert waren, liess man wieder anspannen, und die Gesellschaft fuhr fort nach Hildesheim, wo sie in dem berühmten Gastofe des Herrn Lauenstein abtrat, den sie im Schlafrocke, eine Pfeife in der Hand und eine graue Mütze auf dem haupt, im Vorplatze spazierend antrafen. Da man noch zeitig genug zu dem auf folgenden Nachmittag angekündigten grossen aerostatischen Schauspiele in Braunschweig sein konnte, wenn man Sonntags früh aus Hildesheim fuhr, und das Mittags-Essen in Peina einnahm; so beschloss man, bis zum andern Morgen in jener merkwürdigen Stadt zu verziehn; Die Pferde wurden zurückgeschickt, weil sie in der Erndte nötig waren, und man bestellte sich Postpferde.

Ein teutscher Original-Roman und ein teutsches Original-Schauspiel sind sehr geschmacklos, wenn nicht darin von Mahlzeiten die Rede ist, und je weniger oft der Autor selbst zu verzehren hat, desto herrlicher lässt er die Personen seiner Schöpfung speisen und tränken. Ich hoffe daher, meine Leser werden mir's nicht ungnädig aufnehmen, dass ich mit unter sehr viel von den Magen-Angelegenheiten meiner Reisenden rede. Wir wollen ihnen nun noch in Hildesheim etwas Gebacknes zum Caffee reichen lassen, um sie für die schlechte Mittags-Tafel zu entschädigen, und dann mögen sie es aushalten, bis zum Abende, und sich unterdessen ein wenig in der Stadt umsehn. wirklich taten sie das, gingen in den Dom, und von da in andere Kirchen und Klöster, begafften die Häuser, die ihrer Meinung nach schön gebauet waren, deuteten mit den Fingern auf alles, was ihnen merkwürdig vorkam, zogen vor jedem wohl gekleideten mann die Hüte ab, und blieben voll Verwunderung stehen und sahen hinterdrein, wenn ihnen ein schmutziger Capuziner oder ein andrer Mönch begegnete.

Ermüdet von dem ungewohnten städtischen Steinpflaster, kehrten sie zurück in das Wirtshaus, und traten in das allgemeine Gastzimmer, dessen Fenster nach dem hof hinausgehen. Der Herr Amtmann forderte eine Bouteille Bier und Pfeifen; aber kaum hatten sie die Tür geöfnet, als ihnen ein so fürchterlicher Lerm entgegen tobte, dass sie zurückprallten, und gar nicht den Mut gehabt haben würden, einzutreten, wenn ihnen nicht ein Mann mit einer Bassstimme zugerufen hätte: "Nur näher Messiöss! es ist halt eine kleine probe; Wenn Sie beiwohnen wollen, viel Ehre! Sie mögen unser Publicum vorstellen; Setzen Sie Sich da hinter den Tisch!" Der Mann war ein kleiner, dikker Knirps von etwa funfzig Jahren, dunkelbraunen Angesichts, mit rollenden, etwas rot gefütterten Augen und ganz dünnen schwarzen Haaren. Er trug einen hellgrünen Rock, jetzt zum Frack eingerichtet, doch also, dass man noch an den verschiednen Nuancen der Farbe sehen konnte, wie er sich schon oft nach den Launen der Mode hatte hudeln lassen müssen, und wie er zuweilen mit langen, zuweilen mit kurzen Schössen, dann mit grossen, und dann wieder mit kleinen Aufschlägen war versehn worden. Jetzt war er mit etwas geziert, das man einst am hof des Herzogs von Würtenberg und nachher, so oft es auf andern Kleidern gesessen, eine aufgeheftete Stickerei, tour appliquée genannt hatte. Unsre Gäste waren durch das Geräusch, welches in dem Zimmer herrschte, worinn sich, ausser dem kleinen Herrn, noch viel Personen beiderlei Geschlechts befanden, und durch einen fremden Anblick so betäubt, dass sie sich nur gleich auf die, ihnen angewiesenen Plätze hinsetzten, da dann der Dialog unter allen gegenwärtigen Menschen folgendermassen fortging.

Ein ziemlich altes Frauenzimmer: "Ein Verbrechen! und mein Gewissen schweigt? und befiehlt mir zu beharren? Was ist ein Staatsverbrechen?"

Der alte Herr: "Wenn Du 'mein Gewissen' sagst, musst Du den Zeigefinger auf die Herzgrube legen, aber nicht zu tief, sonst zeigt es den Magen an. Ich weiss nicht, Ihr Leute habt noch immer keinen Begriff von ächter Gesticulation. Nun wird geläutet; Wer läutet?"

Ein junger Mensch: "Ich!" (Er nimt ein Bierglas vom Tische und schlägt mit der Tobacspfeife daran)

Ein Andrer: "Was läutet man?"

Die Frau: "Es ist Mittag."

Der Förster: (vor sich) "Es mag den Teufel sein! Es ist meiner Six! bald sieben Uhr."

Der Andre: "Diese Glocke läutet Euch kein gutes Zeichen."

Die Frau: (ängstlich) "Ich ahnde es; ich weiss es; mir wird so bangeAlbrecht."

Der dicke Herr: "Lauter, lauter!"

Die Frau: (brüllt) "Albrecht! und Du verliessest mich!"

Der dicke Herr: "