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grossen Anspruch auf Raum für ihre Beine machte, ziemlich bequem zu sitzen.

Jetzt halte ich es für meine Pflicht, die Leser genauer mit den Personen bekannt zu machen, unter welche wir die Jungfer Dornbusch geführt haben, und dann soll uns nichts abhalten, sie ihre Reise fortsetzen zu lassen. Das fräulein von Brumbei5 war Stiftsdame in ***. Da die natur, bei Entwerfung des Plans zu ihrer sterblichen Hülle, sich ein wenig verzeichnet und ihre gnädigen Eltern kein baares Vermögen hinterlassen hatten; so ergriff sie die Partei, die Lüste dieser Welt und die zeitlichen Güter zu verachten und sich nach den himlischen zu sehnen, auf welche sie sich durch fleissiges Beten und Singen ein Recht zu erwerben trachtete. Je älter sie wurde, desto wärmer eiferte sie für Keuschheit und Tugend und Margareta hatte den Schutz, den sie ihr angedeien liess, grösstenteils der Versicherung zu danken, dass sie dem Ehestande aus dem Wege gelaufen wäre. Weil aber der Geist des schwachen Menschen nur gar zu oft vom Fleische niedergedrückt wird; hatte sich das fräulein nach und nach gewöhnt, jenem durch den Genuss eines reinen abgezogenen Kirschwassers einen höhern Schwung zu geben und wirklich duftete unsrer Meta, als sie zu ihr in den Wagen stieg, der süsse Geruch dieser Panacäe entgegen. Nun aber hatte es sich begeben, dass Beelzebub, welcher den Frommen immerdar auflaurt, einst den Augenblick genützt, als das fräulein von Brumbei von der besagten Kirsch-Essenz fast viel genossen und dadurch das Fleisch so getödtet hatte, dass alle Achtsamkeit auf den Gebrauch ihrer irdischen Gliedmassen dahin war. – Es hatte sich begeben, sage ich, dass in einer solchen Stunde Beelzebub sie verleitete, die kleine Treppe in ihren Keller hinabzusteigen; ihr Fuss war ausgeglitten, sie war hinabgestürzt und hatte sich die linke Hüfte verrenkt. Der Stifts-Chirurgus wendete alle Kräfte seiner Kunst an, den Schaden zu heilen, nachdem die warmen Umschläge, welche das schwarzäugichte Cammermädchen ohne Unterlass auflegen musste, nicht helfen wolltenalles vergebens! Dann nahm sie ihre Zuflucht zu dem Scharfrichter in Gosslar, aber mit keinem glücklichern Erfolge. Sie hatte auch einen ganzen Sommer hindurch das Bad bei Verden gebraucht, ohne Besserung zu spüren; worauf sie sich endlich entschloss, nach Braunschweig zu reisen und sich einem Wundarzte anzuvertraun, von dessen Geschicklichkeit bei allerlei Vorfällen ihr ein junger Cavallerie-Officier viel Gutes gesagt hatte. – Auf dieser Reise war sie jetzt begriffen.

Sobald Margareta Platz im Wagen genommen hatte und der Fuhrmann die Pferde antrieb, weiter zu schleichen, fing zuerst das alte fräulein an, mit ihren Augen das junge Frauenzimmer zu mustern, wobei sie aus einer kleinen silbernen Tabacs-Dose eine Prise nahm. Dann liess sie ihrer Neugier den Zügel schiessen und setzte Meta durch eine Menge fragen in einige Verlegenheit; doch half sich Diese mit aller weiblichen Kunst heraus. Hierauf kam die Reihe an die nützliche Moral, welche sich aus solchen begebenheiten ziehen lässt und da hatte sie nun ein weites Feld, gegen die Falschheit der Männer, gegen den Leichtsinn der heutigen Jugend und zum Lobe der Sittsamkeit und Keuschheit zu eifern. – Der Canarien-Vogel oben im Bauer pfiff zwischendurch sein Liedchen und machte ein wahres Melodrama aus dieser Declamation. – Endlich fing sie an, über Magenschmerzen zu klagen und holte aus der Kutschen-tasche ein Fläschgen voll Kirschengeist hervor; und als sie sich damit gelabt hatte, wurden die Gesangbücher wieder aufgeschlagen und Meta musste sich's gefallen lassen, die noch übrigen Strophen des Abendliedes mitzusingen.

Der Tag neigte sich nun wirklich zum Endees war, wie wir wissen, der Sonntag, an welchem Blanchard in Braunschweig aufstieg. Diese Stadt zu erreichen war heute nicht möglich; Es hatte aber das fräulein von Brumbei, in einem seitwärts von der Strasse gelegenen dorf, einen alten Bekannten, den Pastor Reimers, bei welchem sie sich ein Nachtlager erbeten hatte und der sie nebst ihrem Gefolge gastfreundschaftlich aufnahm. Da Dieser nur zwei Betten liefern konnte, musste Meta das eine derselben mit der Cammerjungfer teilen. Susanna war ein muntres Mädchen; Sie hatte vormals in Braunschweig gedient und dort allerlei kleine liebes-Abenteuer bestanden. Die böse Welt pflegt solche unschuldige Verirrungen zuweilen lieblos zu beurteilen; das war auch Susannen begegnet; arge Lästerzungen hatten ihren Ruf zweideutig zu machen gesucht; sie war von der Dame, bei welcher sie gedient hatte, nicht auf die ehrenvollste Weise verabschiedet worden und hierauf aus Verzweiflung auf's Land gegangen, da sie dann endlich gelegenheit gefunden hatte, durch den vorhin erwähnten Cavallerie-Officier dem alten fräulein empfohlen zu werden. Ihr Verlangen, das liebe Braunschweig wiederzusehn, gab ihr kräftige Gründe ein, ihre herrschaft in dem Vorsatze, nach dieser Stadt zu reisen, zu bestärken, und niemand war froher wie sie, als diese Reise zu stand kam.

Nichts ist leichter gestiftet und leichter getrennt, als die Freundschaft und Vertraulichkeit unter jungen Mädchen. Kaum war Susanna mit der Jungfer Dornbusch allein in ihrem Cämmerlein (die alte Dame pflegte sich, mit schwerem haupt, früh zu Bette zu legen) als sie zuerst begann, ihrem Spotte über das fromme fräulein freien Lauf zu lassen; dann entlockte sie Margareten das Geheimnis ihrer Herzens-Angelegenheit und gewann bald, durch die Teilnahme, welche sie ihr bezeugte, ihr ganzes Zutraun. Wir haben einmal in einem hübschen buch gelesen, dass junge Frauenzimmer vor allen Andern Ursache haben in der Wahl ihrer Vertraueten vorsichtig zu sein; dass so Manche bloss dadurch fallen, dass sie