1792_Knigge_063_38.txt

Margareta Dornbusch begiebt sich in den

Schutz einer alten christlichen Dame und setzt sich

neuen Gefährlichkeiten aus.

Ja! nicht etwa auf ofner, freier Heerstrasse nur, nein! was noch ärger ist, in einem hohlen Wege haben wir unser Frauenzimmer gelassen. Wie mancherlei Gefahren konnte nicht das wehrlose, schwache geschöpf hier ausgesetzt sein; Uns treten die Tränen in die Augen, wenn wir alles erwägen, was dem armen Mädchen da hätte begegnen können. "O!" würde hier ein Schriftsteller ausrufen, dem es um die moralische Besserung seiner Leserinnen zu tun wäre. – Darauf aber haben wir, im Vorbeigehn zu sagen, es gar nicht angelegt, sondern nur auf Belustigung und Honorarium. – "O!" würde er sagen, "Ihr leichtsinnigen Kinderchen! wohin kann nicht eine einzige Übereilung führen! Da spiegelt euch nun an dem Beispiele der Jungfer Margareta Dornbusch, die Ihr jetzt wie eine Landläuferinn an Hecken und büsche und in hohlen Wegen herumirren sehet, und lasset mir das vermaledeiete Roman-Lesen unterwegens, wodurch Ihr Euch nur Torheiten in den Kopf setzt!"

Doch wir wollen uns bei den Ausrufungen nicht aufhalten, sondern schlecht weg erzählen, was unsrer Schönen begegnete. Sie mogte ungefehr ein Paar hundert Schritte in besagtem hohlen Wege ängstlich eilig fortgerennt sein, als sie auf eine andere Strasse stiess, welche dies Defilé durchkreuzte, zugleich auf derselben eine Kutsche erblickte, die, von drei Pferden gezogen, langsam daher wackelte, und ihr schon ziemlich nahe war. Der Kasten dieses Fuhrwerks sah für sein Alter noch ganz reputirlich aus, war ein wenig gross und der Unterteil bauchartig ausgeschweift. Mit gelben Nägeln sah man an den beiden Türen die Buchstaben v.B. angebracht; Ein kleiner, mit Seehundfell überzogener Koffer war hinten aufgebunden und ein Bettler, der gern mit gelegenheit reisen wollte, hatte sich diesen zum Sitze gewählt. Ausserdem befanden sich noch zwei Körbe und eine Schachtel an dem Bock mit Stricken befestigt; der Fuhrmann aber, in einem so genannten Futterhemde, mit einer kleinen Tabacs-Pfeife im mund, ging neben den drei Gäulen her, die der Autor als ein wenig zu mager schildern müsste, wenn er nicht aus gewissen Ursachen, die Partei magerer Geschöpfe nähme. Der Zug ging langsam und bedächtlich und unsre Demoiselle hatte volle Musse, sich auf den Schritt vorzubereiten, den sie zu tun Willens war, ehe die Kutsche den Platz erreichte, wo die Strasse den hohlen Weg durchschnitt.

Ein nicht ganz lieblicher und nicht sehr harmonischer, zweistimmiger weiblicher Gesang, von einem grämlichen Alt und einem durchdringenden Nasen-Sopran in Octaven vorgetragen, schallte aus der Kutsche heraus, deren disseitiges Fenster geöfnet war. Der Fuhrmann brummte, so oft er die Pfeife aus dem mund nahm, um auszuspucken, im Basse die letzte Note nach; übrigens war es die Melodie des Abendliedes: Nun sich der Tag geendet hat.

"Ich bitte Sie um Gotteswillen, meine wertesten Frauenzimmer!" rief Margareta und unterbrach dadurch das andächtige Lallen, "Ich bitte Sie, gönnen Sie mir einen Sitz in Ihrer Kutsche! Wo Sie auch hinreisen; Ich verlange nichts als Ihren Schutz bis zur nächsten Stadt. Ich will Ihnen auf keine Weise beschwerlich sein. Nur einen sichern Platz gönnen Sie mir bis dahin!" – "Halt still, Nicolaus!" sprach bedächtlich, doch laut, eine alte Dame, indem sie ihre Brille von der Nase nahm, ein probe-Flickchen von braunem Camelot als ein Zeichen in das Gesangbuch legte, welches sie zuschlug, dann das kupfrigte Gesicht zum Schlage hinausstreckte und ziemlich unfreundlich fragte: "Was will Sie, Jungfer?" Meta wiederholte ihre Bitte und erzählte ihre geschichte. – Allein man merke wohl, ihre geschichte war es; doch nicht die, welche ihr begegnet war, sondern die sie erfunden hatte; Es war ein Mixtum compositum von Wahrheit und Notlüge. Von grausamen Verwandten und einer verhassten Heirat, wozu man sie arme Wayse zwingen wollte, kam etwas darin vor; nur der Officier, von welchem sie Rettung erwartete, sobald sie an ihn schreiben würde, wurde aus einem Liebhaber, in einen würdigen Vetter umgeschaffen. Ich hoffe, diese geringe Abweichung von der Wahrheit soll unser junges Frauenzimmer in den Augen der Leser nicht herabsetzen; wenigstens werde ich die Leserinnen, die jüngern nämlich, auf meiner Seite haben.

Die alte Dame schüttelte während dieser Erzählung bedächtlich ihr Köpfchen und sagte dann: "Nun! Sie darf einsteigen. Ich reise, so Gott will, nach Braunschweig. Dahin mag Sie mitfahren. Aber dort muss Sie sehen, wie Sie unterkömmt, denn ich kann mich nicht mit fremden Leuten behängen." Der Wagen wurde geöfnet und Meta übersah jetzt die ganze Gesellschaft, in welche sie eingeführt werden sollte; denn der untere teil der Kutsche verbarg noch, gleich dem Bauche des trojanischen Pferdes, mehr lebendige Wesen, als von Aussen sichtbar waren. Der alten Dame gegenüber sass ein junges, schwarzäugichtes Cammermädchen, mit einer Hauben-Schachtel auf dem Schosse; An der Seite ihrer Gebieterinn hatte ein garstiger grauer Kater Platz genommen; Ein bejahrter, engebrüstiger Mops lag zu den Füssen und neben ihm ein kleiner weiss und braun gefleckter so genannter Spion-Hund; unter dem Himmel der Kutsche aber war, zwischen einigen in Tüchern aufgehängten Hauben, auch ein kleines Vogelbauer befestigt, in welchem ein CanarienMännlein sein Wesen trieb. Es fand sich grade neben dem Cammermädchen noch Platz genug für Margareta Dornbusch, um, wenn sie keinen