entalten können, über diese Greueltat laut zu reden, und das hatte der Obrist wiedererfahren. Jetzt war die gelegenheit da, mich seinen Hass fühlen zu lassen, und diese gelegenheit liess er nicht entwischen. Die ganze Sache wurde so verdreht und die Art der Untersuchung so unregelmässig vorgenommen, dass ich, ohne ordentliches Verhör, zu einem Festungs-Arreste auf ein halbes Jahr verurteilt wurde.
Was war zu tun? ich musste der Gewalt nachgeben. Da mir's indessen erlaubt war, aus meiner Gefangenschaft Briefe fortzuschicken, so schrieb ich nicht nur an meinen würdigen alten Obristen, um ihn um Verzeihung zu bitten, sondern meldete auch meinem guten Consul den Vorfall und meinen Entschluss, gleich nach meiner Befreiung den ***schen Dienst zu verlassen und anderswo mein Glück zu suchen.
Der bayrische Successions-Krieg, welcher grade in dieser Zeit ausbrach, gab mir einen ehrenvollen Vorwand, meinen Abschied zu fordern, indem ich den Herzog bat, mich zu entlassen, damit ich bei der österreichschen Armee ein Paar Feldzüge mitmachen und die militairischen Kenntnisse, welche ich in seinem Dienste zu erlangen das Glück gehabt hatte, practisch ausüben lernen könnte. Der Abschied wurde mir nicht versagt; Wieder die Gewohnheit junger Officiers hatte ich mir von den Geschenken meines Wohltäters eine Casse von einem Paar hundert Talern gesammelt; Der Consul vermehrte diese Summe auf die grossmütigste Weise und schickte mir zugleich Empfehlungsschreiben an zwei österreichsche Generals; und so war ich denn im stand, meine Reise zur kaiserlichen Armee anzutreten.
Allein ich hatte vorher noch eine Pflicht zu erfüllen; ich musste dem würdigen Obristen meine Dankbarkeit darbringen und mich bei ihm rechtfertigen, wenn auch ihm meine Aufführung vielleicht aus einem falschen Gesichtspuncte war vorgestellt worden. Beides glaubte ich am besten schriftlich tun zu können; doch schonte ich dabei, so viel sichs irgend tun liess, seines Sohns.
Ich konnte die Antwort nicht abwarten, habe auch seit der Zeit nie wieder eine Zeile von dem edlen mann gelesen, denn er starb wenig Monate nachher am Schlagflusse.
Da ich vorher an den grossen, guten Kaiser Joseph geschrieben und von ihm die Zusicherung erhalten hatte, als kapitän bei einem der neu errichteten FreiCorps angesetzt zu werden, in so fern ich eine gewisse Anzahl Recruten lieferte; so machte ich dazu Anstalt, brachte bald in den Rheingegenden einen teil dieser Mannschaft zusammen, bezahlte für die Fehlenden eine bestimmte Summe, und ging dann zur Armee.
Die kräftigen Empfehlungsbriefe des Consuls und ein Paar glückliche Vorfälle, die mir gelegenheit gaben, Diensteifer und einigen Mut zu zeigen, erwarben mir die achtung meiner Cameraden und die Zufriedenheit meiner Vorgesetzten. Der Krieg dauerte zum Glücke der Völker nicht lange; die Freicorps gingen dann auseinander; allein ich erhielt die Versprechung, in ein regulaires Regiment eingesetzt zu werden. Um diese Sache nun tätiger betreiben zu können, ging ich gleich nach dem Frieden nach Wien. Dort brachte ich beinahe ein halbes Jahr sehr vergnügt zu und machte manche recht interessante Bekanntschaft. Wichtiger wie alles Übrige war mir das Glück, den liebenswürdigen Fürsten in der Nähe bewundern zu können, der ohne Prunk, aus wahrer Wärme für das Gute, so tätig war, Glück und Wahrheit zu verbreiten; der gegen so unendliche Schwierigkeiten, die ihm Dummheit und Bosheit in den Weg legten, mutig ankämpfte, kein Gift, keinen Dolch und keine spitzige Feder fürchtete, weil er wusste, dass die Vorsehung wahre Grösse schützt, und dass man nur dann Ursache hat, sich zu fürchten und das Licht zu scheuen, wenn man sich selber nicht trauen, sich selber nicht respectiren darf; und der, wenn er eben so glücklich gewesen wäre, als er gut und eifrig war, von der späten Nachwelt noch mit Bewundrung angestaunt werden würde.
Meine hoffnung, wieder in Tätigkeit zu kommen, wurde bald erfüllt; man setzte mich in meinem vorigen Range im ***schen Regimente an und bald nachher bekam ich den Befehl, nach Gosslar auf Werbung zu gehen.
Sie wissen, bester Vater!, dass ich dort die Bekanntschaft Ihrer liebenswürdigen Tochter machte und was weiter vorgefallen ist; Mögten wir nun nur den Zweck erreichen, sie bald wieder einzuholen! Dann ist es in Ihren Händen, mein Glück, dessen erster Schöpfer Sie gewesen sind, vollkommen zu machen."
Während der Hauptmann Previllier diese seine geschichte erzählte, blickten sie Beide oft zum Wagen hinaus, um zu entdecken, ob sich nicht ein Fuhrwerk vor ihnen sehen liesse. Sie fragten Jeden, der ihnen begegnete und erfuhren endlich, dass die bewusste halbe Kutsche ungefehr eine Stunde früher denselben Weg genommen hatte. Diese Nachricht erhielten sie kurz vor Steinbrüggen und als sie dahin kamen, sahen sie den Wagen in einem hof stehen. Ihre Freude war unbeschreiblich; sie sprangen aus der Callesche – aber alles im wirtshaus lief durch einander – diese Verwirrung prophezeiete ihnen nichts Gutes. Der Förster rennte wie unsinnig herum und fluchte wie ein Hesse. Sein Bruder fiel ihm um den Hals – er wusste nicht, wie ihm geschahe – "Bruder! lieber, teurer Bruder! Aber wo ist sie? Wo ist meine Margareta?" – "Wo sie ist? der Teufel hat sie geholt, das Wettermädchen! Aber finden muss ich sie und sollte ich die halbe Welt durchrennen."
So standen die Sachen in Steinbrüggen – Allein es ist Zeit, dass wir wieder zu der Demoiselle zurückkehren, die wir auf freier Heerstrasse allein gelassen haben. Wir sind zu galant, um ihr nicht bald zu hülfe zu eilen.
Dreizehntes Capitel
Jungfer