abgeneigt war; alle Andre liebten mich, und mein Wohltäter zeigte mir täglich mehr väterliche Zuneigung, obgleich der Fähndrich keine gelegenheit versäumte, mich bei ihm anzuschwärzen.
Oft war ich in Versuchung, dem Obristen die Betrügereien seines Sohns zu entdecken; Dankbarkeit schien mich dazu aufzurufen; aber Vorsichtigkeit hielt mich zurück. Indessen begegnete ich dem Bösewichte, selbst in des Vaters Gegenwart, mit der Verachtung, welche er verdiente; und so gerecht war der alte Mann, dass er mir, dieses seines Lieblings wegen, nie sein Wohlwollen entzog.
Ich war beinahe noch ein Knabe, als der Obrist mich dem Herzoge, seinem Herrn, zum Fähndrich vorschlug und, als mein Patent ausgefertigt war, mir eine grössere Summe Geldes schenkte, wie ich zu meiner Equipirung bedurfte. Allein die Glückseligkeit, die ich an der Seite eines so guten Cheffs und edlen Wohltäters genoss, dauerte nicht lange; Der alte Herzog, dessen Jugend-Freund er war, starb und der neue Herr warf, wie es zu geschehn pflegt, alles über den Haufen, was sein Vater eingerichtet hatte. Er war ein harter, gefühlloser, hochmütiger, unwissender und misstrauischer Mensch. Mit dem Militair wurde eine grosse Veränderung vorgenommen; die Officiers wurden aus einem Regimente in das andre versetzt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie Wenige von diesen schlecht bezahlten Leuten im stand waren, die Unkosten einer solchen Veränderung zu bestreiten; ja! es war ihm Ursache genug, jemand an einen andern Ort hin zu verpflanzen, wenn er merkte, dass Dieser gern da geblieben wäre, wo er war.
Mein redlicher Obrist erhielt ein anders Regiment; sein Sohn aber und ich blieben in der bisherigen Garnison und bekamen einen andern Cheff. Dieser war ganz ein Mann nach des Herzogs Wunsche; strenge, pedantisch, ein Camaschen-Held, der von unten auf gedient hatte und seine Untergebnen wie Sclaven behandelte. Ich hätte nun von meiner geringen Gage leben müssen, wenn mein grossmütiger Beschützer mir nicht von Zeit zu Zeit ansehnliche Zuschüsse geschickt hätte; allein meine Lage war darum nicht weniger unangenehm, denn mein neuer Obrist konnte mich nicht leiden, hatte immer etwas an mir auszusetzen und neckte mich unaufhörlich.
In der Stadt wohnte eine verwitwete Ritmeisterinn von Seebach nebst ihrer Tochter, einem liebenswürdigen, sanften und tugendhaften Mädchen. Ich hatte Umgang in dem haus, wurde von Mutter und Tochter gern gesehen und würde, wäre ich nicht so arm gewesen, gewiss Plan auf ihren Besitz gemacht haben; so aber lehrten mich Vernunft und Pflicht, mich in den grenzen der Hochachtung und Freundschaft halten und jede andre Neigung unterdrücken. Der Fähndrich aber, mein geschworner Feind, hatte ein Auge auf das fräulein, so wenig sie ihn auch leiden konnte; und da alle seine Anträge verworfen wurden, glaubte er, ich stünde seinem Glücke im Wege. Eines Abends, als ich grade bei der Frau von Seebach war, kam er betrunken herein und betrug sich so ungezogen, dass ich endlich die Geduld verlohr und ihm Stillschweigen auflegte. Dem jungen Herrn schwoll der Kamm, er stiess Beleidigungen gegen mich aus; die Hitze überwältigte mich; ich warf ihn zur Tür hinaus, und er ging drohend weg. Nachdem ich den Damen meine Entschuldigungen gemacht hatte, blieb ich noch eine Stunde lang bei ihnen und wollte dann nach haus, wo ich eine Ausforderung von meinem Feinde erwartete. Es war in der Dämmerung eines Herbst-Abends; Ich mogte ungefehr zwölf Häuser vorbei gegangen sein und wollte nun in eine enge Gasse einbeugen, als ich von dem Bösewichte und einem andern eben so schlechten Menschen, die sich an der Ecke versteckt gehalten hatten, meuchelmörderischerweise angegriffen wurde. Sie stürmten mit blossem Degen auf mich ein und ich hatte kaum Zeit, den meinigen zu ziehen, mich an eine Wand zu stellen, um den rücken frei zu haben und mich in Verteidigungsstand zu setzen. Bei dem ersten Anfalle hatte Einer von den Schurken nach mir gestossen, mich aber nur leicht in den linken Arm verwundet. Jetzt drangen sie Beide ungestüm auf mich ein. Anfangs verteidigte ich mich nur; da ich aber voraussah, dass ich auf diese Weise leicht ihr Opfer werden könnte, suchte ich wenigstens mir Einen vom Halse zu schaffen. Ich fiel also unerwartet aus, als mir der Fähndrich grade Blösse gab und wollte ihn etwa durch einen Stich in den Arm wehrlos machen; allein ich traf in den Leib; Er stürzte und der Andre entfloh.
Es fiel gleich nach der Tat zentnerschwer auf mein Herz, dass mein unglückliches Verhängniss mich gezwungen hatte, an dem Sohne meines Wohltäters vielleicht zum Mörder zu werden; Ich eilte ihm zu hülfe; Er war nur ohnmächtig, erholte sich bald wieder und war noch stark genug, sich von mir nach seinem Quartiere führen zu lassen. Dort verschaffte ich ihm einen Wundarzt, welcher gleich nach der ersten Untersuchung versicherte, dass gar kein edler teil verletzt und durchaus keine Lebensgefahr da sei.
Ich würde also über die Folgen, welche dieser Vorfall für mich, der ich nur Notwehr geübt hatte, haben konnte, sehr ruhig gewesen sein, wenn ich weniger die schändliche denkart meines Gegners und seines Beschützers, des Obristen, gekannt hätte. Dieser Letztere war jetzt mehr als jemals mein Feind. Er hatte kürzlich einen Unterofficier, bloss deswegen, weil er ihn in der neuen Mondirung angetroffen hatte, die er eigentlich nur auf der Parade tragen sollte, so gefuchtelt, dass der arme Mann davon gestorben war.4 Ich hatte mich nicht