er den redlichen Handwerker am höchsten, höher wie die Menschen aus andern Classen. Gelehrte konnte er gar nicht ausstehn. Sie hätten, behauptete er, fast sämtlich ihre grade, gesunde Vernunft wegstudiert; Alles sei bei ihnen auswendig gelernter Kram; Ihre ganze Weisheit sei an einen langen gekauften Bindfaden (Er zielte damit auf den Systemsgeist) gereiht. Rührte man nun das eine Ende an, sagte er, so polterte einem immer der ganze Plunder über den Leib und immer derselbe Plunder, man mögte das vorderste oder das hinterste Ende ergreifen. Strenge waren seine Begriffe von Gerechtigkeit und deswegen verzieh er nicht leicht vorsetzliche Beleidigungen, wenn er nicht ungeheuchelte Reue wahrnahm; besonders da, wo nicht sowohl seine person, als die Tugend selbst war gekränkt worden. Nicht ärger konnte er entrüstet werden, als wenn er darauf zu reden kam, dass gewisse Stände andre nützlichere MenschenClassen geringschätzten. Einem Sattler, der lange für ihn gearbeitet hatte, entzog er seine Kundschaft, so bald er erfuhr, dass er seinen Sohn kein Handwerk lernen lassen, sondern ihn auf Universitäten schicken wollte.
So war der Mann beschaffen, von dem ich mein künftiges Glück erwarten sollte. Als ich bei ihm angemeldet wurde, liess er mir zuerst meinen Brief abfordern, und nachdem er ihn gelesen hatte, musste ich zu ihm hinaufkommen. Er nickte wiederholt freundlich mit dem kopf, ohne ein Wort zu reden, als ich mich ihm näherte; dann stand er auf, ergriff mich bei den Schultern und drehete mich dreimal herum. Als er nun den kleinen Haarbeutel gewahrwurde, den ich, um mich recht herauszuputzen, eingebunden hatte, fing er laut an zu lachen und rief aus: 'hah! ein junk französch Marquis! kann niks teutsch parlier; tüh – – – hü.' Dieser seltsame Empfang verblüffte mich so, dass mir die Tränen in die Augen traten; Das tat dem guten mann weh; Er streichelte mir daher die Backen und sagte liebevoll: 'Nur getrost, mein Jüngelchen! Ich will Dich bei mir behalten und einen rechtlichen Kerl aus Dir machen, und der Haarbeutel soll verauctionirt werden; tüh – – – hü.' Noch an demselben Tage wurde dann der RegimentsSchneider geholt, um mir das Maass zu nehmen; und sechs und dreissig Stunden nachher stand ich als wohl bestallter Fahnenjunker da. 'So lasse ich's gelten; tüh – – – hü!' sang der Obrist und behandelte mich von nun an wie sein eigenes Kind. Ich bekam ein Zimmerchen angewiesen, speiste an seinem Tische, lernte das Exerciren, bekam Unterricht im Rechnen und Schreiben, dann auch in den matematischen Wissenschaften; im Französischen, im Reiten und Fechten und noch obendrein gab mir der grossmütige Mann Taschengeld, und erst nachher habe ich erfahren, dass er von dem Consul keine Entschädigung dafür annahm. Aller dieser Wohltaten ungeachtet redete er selten ein einziges Wort mit mir; aber auf seinem gesicht konnte ich es lesen, ob er von meinem Fleisse und meiner Aufführung mehr oder weniger zufrieden war.
Der Haushalt meines Obristen bestand, ausser ihm und seinem Sohne, dem Fähndrich, einem Erz-Taugenichts, der ihm viel heimlichen Kummer machte, aus einem alten tauben Koche, einer einäugichten Soldaten-Witwe, welche die Betten bereiten und das Haus rein halten musste, einer dicken plumpen KüchenMagd, zwei Bedienten, die zugleich Soldaten waren, und einem Reitknechte. Der alte Obrist hatte seine Augen aller Orten und eine grössere Ordnung und Pünctlichkeit, wie in seinem haus herrschte, konnte man sich kaum denken. Das Gesinde liebte und fürchtete ihn, war treu, fleissig, häuslich und einig unter einander. Des Sonntags, wenn der Herr im Clubb war, holte der Koch eine schmutzige Violine vom Hacken herunter, wo sie hieng, fiddelte den Dessauer Marsch, oder einige Tänze, die zu Georg des Andern zeiten in Hannover, wo er seine Kunst gelernt hatte, Mode gewesen waren, und die Bedienten spielten im DamBrette, wozu sie die Steine selbst geschnitzelt hatten. So ging alles, Jahr aus, Jahr ein, seinen ruhigen, friedlichen gang fort. Der Obrist war gastfrei, doch nur gegen die Officiers seines Regiments, ging selten aus, und las, wenn er allein war, alte und neuere historische Bücher.
Ich habe eben gesagt, der Obrist hätte überall in seinem haus die Augen gehabt; Nur über Einen Gegenstand schien er blind, und der war die Aufführung seines Sohns, des Fähndrichs. Das einzige Kind, die Verlassenschaft einer früh verlohrnen, geliebten gattin. – Das war es, was sich zu Rechtfertigung dieser Schwäche sagen liess. Der junge Mensch führte nicht nur ein ausschweifendes Leben, sondern belog und bestahl auch seinen würdigen Vater, der ihm doch keine Bitte versagte; ja! er rühmte sich dessen laut. Sein charakter und sein Wandel waren aber auch auf seinen bleichen, schlaffen Wangen, in seinen matten Augen und aus seinen unsichern, irrenden Blicken zu lesen. Männern war dieser Mensch unerträglich, aber – und leider! habe ich nachher in der Welt oft diese Bemerkung zu wiederholen gelegenheit gehabt, – den mehrsten gewöhnlichen Weibern gefiel der Unverschämte besser, als ein blühender, tugendhafter, bescheidner Jüngling. Ich fühlte mich bei dem ersten Anblicke von ihm zurückgestossen und seine Abneigung gegen mich war nicht geringer, sobald er sah, dass ich mich nicht nach seinem Muster bilden, mit ihm nicht gemeinschaftliche Sache machen wollte. Allein er war der einzige im haus, der mir