sollte eine weisse Nonne vorstellen, ihren Sohn, wie Amor gekleidet, an ihre Hand nehmen und von ihrem Gemahle, in Gestalt des leidigen Satanas, mit Hörnern versehn, geführt werden; Der Amtmann Waumann wurde bewogen, Weiber-Kleider anzulegen und zwar als Göttinn der Nacht aufzutreten, in einem schwarzen Gewande, mit Sternen von Gold-Papier benäht, wovon Musjö Valentin, wie Arlekin gekleidet, ihm den Schlepp nachtragen sollte. Herr Klingelzieher begnügte sich mit einem Zauberers-Gewande und der Student wählte eine Matrosen-Maske. übrigens wurden den leichtgläubigen Leuten ihre Rollen so vorgeschrieben, dass es an den beiden Spassvögeln nicht lag, wenn die Gesellschaft diesen Abend nicht von Knaben und Pöbel preisgemacht wurde.
Indess rückte die Zeit heran, wo man den vierfüssigen Luftschiffer auffliegen sehen sollte; Man ging hin, staunte dies merkwürdige Wunderwerk an und eilte von da in das Schauspiel.
Der junge Herr Waumann, ungewöhnt, anders wie in der Kirche, eine so grosse Versammlung in einem haus auf Bänken und Bühnen sitzend zu erblicken, nahm aus Gewohnheit seinen Hut vor's Gesicht, als wollte er sein Gebet verrichten. Sobald aber nun die edle Musica anhob und der Vorhang in die Höhe gezogen wurde; Potz Fickerment! wie riss er da die Augen auf!
"Aber Papa!" rief er aus, als er sich ein wenig von seiner ersten Überraschung erholt hatte, "tun denn die Leute nichts als singen und sprechen gar nicht? Und man versteht ja nicht Ein Wort davon." "Ja, siehst Du, mein Söhnchen!" erwiderte der Vater, "das nennt man eine italienische Oper. Ich wollte indessen, wir wären gestern darin gewesen; da haben sie teutsch gespielt; aber da war der verdammte Vorfall, dass ich im wasser gelegen hatte."
Das welsche Singewerk fing endlich an, unsern Leuten Langeweile zu machen; und da es ohnehin mit den Vorbereitungen zur Mummerei nicht so schnell gehen konnte, beschloss die ganze Gesellschaft, welche sich im Parterre nahe bei einander gehalten hatte, nach dem wirtshaus zurückzukehren.
"Ich glaube", sagte Herr Klingelzieher, "Sie würden gestern eben so wenig, wie heute, von dem verstanden haben, was auf dem Teater gesprochen wurde; denn, obgleich das, was sie redeten, für teutsch gelten sollte; so waren doch ein Paar Personen darunter, deren oberländischer Provinzial-Dialect immer noch zu raten übrig liess, ob man seine Muttersprache, oder eine fremde Mundart hörte. Besonders zeichnet sich bei dieser Gesellschaft Ein Pärchen aus; Die Frau arbeitet sich im Tragischen herum und Er macht den Buffo in den Singespielen, die aus dem Italienischen übersetzt sind; allein er verwandelt diesen Buffo in einen plumpen deutschen Hanswurst, singt einen Bass, den er aus dem Unterleibe hervorholt und setzt vor jeden Lautbuchstaben noch ein u, zum Beispiel: 'uals uich nuoch uein klueiner Knuabe wuar', statt: als ich noch ein kleiner Knabe war. Von der Dame habe ich mir eine Rede gemerkt, die ich Ihnen doch mitteilen will: 'U ich Unklickliche! Tass mich toch nie tie Sohne peschinnen hätt! Und tu unkeratner Sonn! Kannst tu ketultig zusenn, tass teine Muhter wie eine pissente Sinterinn ta schtehn muss?'"
Herr Klingelzieher declamirte noch viel über die Unverschämheit solcher Leute, die, aus dem niedrigsten Pöbel entsprungen, ohne Menschen–, Welt- und Sprach-Kenntnisse, ohne Sitten, ohne Gefühl, ohne Grundsätze, es wagten, auf die Bühne zu treten, in dem charakter von Personen aufzutreten, mit deren Gleichen sie nie den entferntesten Umgang hätten haben können, und dennoch darauf Anspruch zu machen, auf den Geschmack zu würken, den Ton anzugeben, Moralität zu befördern und für achtungswerte Männer von Wichtigkeit und Bedeutung im staat zu gelten. – Solches Lumpengesindel, setzte er hinzu, das sich's nicht einfallen lassen sollte, dem geringsten Tagelöhner den Rang streitig zu machen!
Ein alter Mann, dem Ansehn nach ein gewesener Officier, welcher bei seiner Flasche Wein in der Ecke sass, nahm nun das Wort: "Mein Herr!" sagte er, "was mich betrifft, so muss ich gestehn, dass ich mich wundre, wenn ich höre, dass wir hie und da in Teutschland noch leidliche Schauspiele haben. Im Ganzen ist die Sache zwar überhaupt eben nicht der Mühe wert, dass man viel davon rede; aber wenn man doch einmal ernstaft über diesen Gegenstand nachdenken will, so mögte ich wohl fragen, wie es unsre Teater-Dichter und Schauspieler anfangen sollten, ihren Geschmack zu veredeln, sich zu bilden, und wer ihnen die Anstrengung lohnen würde? Herrscht wohl auf zehn Meilen Weges in Teutschland einerlei Geschmack und bleibt dieser Geschmack sich wohl zehn Jahre hindurch gleich? Weiss unter hundert Menschen Einer, was er eigentlich von einem guten Schauspiele fordern soll? – Nein! er weiss nur, dass er etwas Neues sehen will, so ein Hin- und Her-Reden und Würken durch einander, bei welchem zuweilen ein unerwarteter Zug ihn überraschen, oder ein lustiger Einfall ihm das Zwergfell erschüttern, oder eine einzelne rührende Situation ihn aus seinem Phlegma aufwecken soll. Um die Haltung des Ganzen bekümmert er sich wenig und wäre diese in einem Stücke meisterhaft und es fehlte dagegen an Verwirrung, an Buntschäckigkeit, oder das Stück wäre nicht neu mehr; so würde ich doch keinem Directeur, dem seine Casse am Herzen läge, raten, dergleichen Stücke oft zu geben