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Das Feld war mit Hecken eingefasst, hinter welche man sich verstecken, oder vielmehr unbemerkt längs denselben fortlaufen konnte, bis man ein Wäldchen erreichte, oder an eine Strasse geriete, welche nach einer andern Richtung hinführte; auch lagen einige Dörfer in der Nähekurz! sie meinte, das Ungefehr werde sie schon einen sichern Weg leiten, ehe man etwas von ihrer Flucht gewahrwürde; also lief sie fort, quer über das Feld hin, den Hecken zu, zwischen welchen sie wirklich einen hohlen Weg fand, welchen sie verfolgte unddas Übrige werden wir einst erfahrenkehren wir in das Wirtshaus zurück!

Eine gute halbe Stunde beschäftigte den Förster das Frühstück, und der Pastor rauchte dabei sein Pfeifchen; als endlich Jener seine Nichte vermisste. "Sie ist vorhin in den Garten gegangen, wie ich gesehen habe", sagte Ehren Schottenius, "aber es wird nun auch wohl Zeit sein, dass wir uns weiter auf den Weg machen. Ich will die Jungfer rufen". – Er ging; aber fort war sie, war nirgends zu finden. Wir lassen die beiden Herrn, die Wirtinn, den Hausknecht und die Magd sie aufsuchen und knüpfen indess einen Faden unsrer geschichte wieder an, den wir lange genug haben liegen lassen.

Eilftes Capitel

Der Herr Amtmann beschliesst, noch einen Tag in

Braunschweig zu verweilen und besucht nebst

seinem Sohne das Schauspiel.

Etwas Dramaturgisches.

Der Herr Amtmann Waumann und sein liebenswürdiger Sohn hatten nun im sanften Schlafe ihre müden Glieder erquickt und ihr erlittenes Ungemach vergessen. "Sei gutes Muts, Valentinchen!" sagte der Amtmann. "Dass wir den Luftschiffer nicht gesehen haben, das ist freilich unangenehm; aber dafür wollen wir heute in die Comödie gehen. Mein kaltes Bad ist mir auch so übel nicht bekommen, und der Diebstahl lässt sich noch verschmerzen. Ich hätte dem Kerl nicht trauen sollen; Alle Musicanten taugen nichts; das lerne Du von mir! Früh oder spät wird man von so einem Vagabonden immer angeführt. Aber wenn mir der Lumpenhund einmal in das Amt Biesterberg kommt, so soll er seinem Galgen nicht entwischen."

Aus dieser Erklärung des Herrn Amtmanns erhellt, dass in Biesterberg die peinliche Halsgerichts-Ordnung der Nürnberger eingeführt war, nach welcher man niemand eher hängen lassen darf, als bis man ihn hat. "Aber Papa!" rief der junge Herr, "Ich kann mich nun nicht sehen lassen; mein grüner Sonntags-Rock ist mit fort." "Tut nichts", erwiderte der Amtmann, "der graue ist gut genug und so bald wir nach haus kommen, soll Dir der Meister Bügelbock ein anders Kleid machen."

Vater und Sohn kleideten sich nun an, gingen nach dem Gastofe zum Prinzen Eugen und fanden dort ihre Freunde schon völlig gerüstet am Fenster stehen, wo sie sich an dem ungewöhnten Anblicke der Vorübergehenden und Fahrenden seit sechs Uhr Morgens ergötzt hatten. "Das hätte ich Dir voraussagen wollen, Bruder Amtmann!" sprach der Licentiat, "dass der Kerl Dich anführen würde." "Ich wollte Du hättest mir's vorausgesagt", erwiderte Herr Waumann, "Doch, lass uns nicht mehr daran denken, sondern uns jetzt ein wenig in der Stadt umsehn!" Und damit begaben sie sich auf den Weg, der Amtmann, sein Sohn, Herr Bocksleder, nebst gattin und Kind und der Kaufmann Pfeffer aus Schöppenstädt. Der Zug ging durch die Hauptstrassen der Stadt, nach dem Messhause zu; Dann besahen sie die Kunstkammer, spatzierten im Schlossgarten umher, sahen die Parade aufziehn und schleppten sich dann ermüdet in den Prinzen Eugen zurück, wo der Licentiat für sie sämtlich das Essen bestellt hatte.

"Aber diesen Abend gehen wir doch Alle, so wie wir hier sind, in die Comödie?" sprach der Amtmann, als bei dem Braten seine Lebensgeister sich wieder ein wenig gesammelt hatten. "Das versteht sich", erwiderte der Licentiat. "Seit meinem zwölften Jahre habe ich dergleichen nicht gesehen. Damals spielte ich selbst mit; Es war in Hildesheim, auf der Schule. Wie stellten Jonas im Wallfische vor und die geschichte von Judit und Holofernes."

Nun begann Herr Bocksleder die Beschreibung dieser geistlichen Schauspiele, womit ich jedoch dem Leser nicht zur Last fallen will. Eine angenehme Nachricht, die der Aufwärter verkündigte, unterbrach dies Gespräch; Er meldete nämlich, dass heute vor dem Schauspiele noch ein Luftball mit einem lebendigen Hunde aufsteigen und nach der Abend-Tafel Mascarade im Opernhause sein würde. Das alles nun wollten unsre Freunde geniessen und es wurde dazu sogleich Anstalt gemacht. Ausser ihnen sassen noch an demselben Tische (denn man speiste in einem allgemeinen Gastzimmer) nebst verschiedenen unbekannten Gästen, der mehrmals erwähnte Student aus Helmstädt und der grosse Dichter Klingelzieher. Diese beiden jungen Herrn hatten ihre Freude daran, unsre Landleute, ohne dass sie es merkten, zum gegenstand ihres Witzes zu machen. Als daher von MascaradenKleidern die Rede war, die ein Jude welcher draussen stand, der Gesellschaft zu liefern versprochen hatte, versicherten die Spassvögel, es sei gar keine Freude dabei, nur im Domino oder Tabareau dort zu erscheinen, sondern je auffallender die Verkleidung sei, um desto weniger werde man merken, dass sie vom land und dass ihnen solche Vergnügungen fremd seien. Nur müssten sie ihre Rollen studieren und sich dem Charakter gemäss betragen, dessen Gewand sie trügen. Der Jude wurde gestimmt, die nötigen Sachen herbeizuschaffen und folgendes Costüm verabredet. Die Frau Licentiatinn Bocksleder