dass man in dieser Welt durchaus Geld haben oder irgend eine nützliche Arbeit verstehn muss, um auszukommen. Indess verlässt der Himmel zwei liebende Seelen nicht, die mit einander Duetten singen können, und in dieser hoffnung heirateten sich unsre guten Leute. Nach der Hochzeit überlegte man dann, wovon man leben wollte und, da man sich sogleich auf nichts besinnen konnte, zog man vorerst zu gastfreien Verwandten, nach Gosslar.
Hätte Herr Deckelschall nicht eine so sehr unleserliche Hand geschrieben, so würde er gewiss sich am liebsten als Copist fortgeholfen haben, weil er gehört hatte, dass Hans Rousseau mit Notenschreiben seinen Unterhalt erworben hätte; allein seine Buchstaben waren von der Art, dass man sie eben so wohl für arabisch, als für teutsch ansehn konnte. Da es nun mit dem Abschreiben nicht gehen wollte, beschloss er, Autor zu werden. Er schrieb einen Roman, und nachher eine Schmähschrift gegen einen Rezensenten, der diesen Roman ein elendes Product genannt hatte. Beide Bücher fanden keinen Abgang, und er konnte keinen Verleger mehr finden. Madam besass wirklich einige nützliche Talente; sie verstand die Kunst, allerlei seidene Zeuge zu färben und russische Talchlichter zu giessen; Aber das schien ihnen Beiden eine kleinliche, elende Art von Erwerb, und so entschlossen sie sich dann, ein Erziehungs-Institut anzulegen. Ein Menschenfreund, der, wie die mehrsten Menschenfreunde, kein guter Wirt war, lieh ihnen eine Summe Geldes; dafür wurden Hausrat und Bücher angeschafft, in welchen das stand, was sie zu lehren versprachen; und damit ging's los – sie hatten in Monats Frist sechs junge Mädchen bei einander.
Die Operation hatte treflichen Fortgang; den Eltern wurden vierteljährlich angenehme Berichte eingeschickt, und die Eltern schickten vierteljährlich angenehme Louisd'ors – was wollte man mehr? Herr Dekkelschall errichtete nebenher eine Lese-Gesellschaft und einen gelehrten Clubb, welchen alle Honoratiores in Gosslar besuchten, um dort eine Pfeife Tabac zu rauchen.
Margareta Dornbusch kam als ein unerfahrnes, aber an Häuslichkeit, Fleiss und Sittsamkeit gewöhntes, hübsches, junges Mädchen in dies Haus. Dabei war ihr natürlich guter Verstand durch den Pastor Schottenius, wie wir gehört haben, ein bischen ausstaffirt worden, wenigstens in so weit, dass sie einigen Geschmack an Büchern und wissenschaftlichen Dingen fand; ja! wir dürfen nicht verschweigen, dass der Herr Pastor ihr Gellerts Schriften zu lesen gegeben, dass er dabei die Unvorsichtigkeit begangen hatte, ihr auch den teil derselben zu schicken, in welchem die geschichte der schwedischen gräfin stand, und dass dadurch in ihr die erste Lust zur Roman-Lectüre war erregt worden. Diese Lust nahm in Gosslar ansehnlich zu. Unter viel andern pädagogischen Gaben, welche dem Erzieher-Paare in Gosslar – fehlten, war auch die, ihre jungen Frauenzimmer in beständiger nützlicher Tätigkeit und einer heitern, ruhigen Gemüts-Stimmung zu erhalten. – Sie haben Recht Madam! ja, ich weiss es, das ist grade das einzige Haupt-geheimnis in der weiblichen Erziehung. – Nun denn! dies einzige Haupt-geheimnis besassen sie nicht. Wir haben aber gehört, dass Herr Deckelschall sich eine Lese-Bibliotek angeschafft hatte – und was für eine Bibliotek? Romanen und Schauspiele, wie des Sandes am Meere, besonders Ritter-Geschichten und dergleichen. Dieser ganze Schatz von Literatur nun war den jungen Frauenzimmern preissgegeben und eben aus diesem Magazine sollten sie die in der Ankündigung versprochne Gabe, die besten classischen Schriften mit Geschmack, Gefühl und Nutzen zu lesen schöpfen.
Jungfer Margarete ging mit Riesenschritten auf dieser Bahn der kultur fort, und schon begann ihr, die nur in der Ideenwelt sich herumtummelte, die Alltagswelt niedrig und ekelhaft zu werden, als ein Gegenstand in derselben sie wieder mit dem wirklich lebenden Menschengeschlechte aussöhnte. Welcher Gegenstand das war, ist leicht zu erraten; es war kein andrer, als unser Freund, der Hauptmann Previllier. Dieser gute Mann stand als österreichschen Officier in Gosslar auf Werbung und war Mitglied des von dem Herrn Deckelschall gestifteten Gelehrten-Clubbs. Dies literarische Institut gab ihm zugleich gelegenheit, genauere Bekanntschaft mit dem Pädagogen zu machen, welche sich denn bald auch auf die weiblichen Zöglinge ausdehnte. Er brachte manche AbendStunde in diesem Cirkel zu.
Der kapitän war kein solcher süsser Geck, der sich selbst und allen hübschen Mädchen weiss macht, er sei verliebt in sie; auch war er kein ausschweifender Jüngling, der, wie ein Wolf um die friedlichen Heerden herum geschlichen wäre, ein Schäfchen zu fangen, das sich sorglos von dem Haufen getrennt hätte; aber er war ein gefühlvoller, junger Mann; Margareta Dornbusch gefiel ihm und wir verdenken es ihm gar nicht.
Indessen hatte der Herr Förster seit langer Zeit den Plan in seinem kopf herumgedreht, seine Nichte an den einzigen Erben des wohlhabenden Herrn Amtmanns Waumann zu verheiraten. Sein Gretchen glücklich an den Mann gebracht zu sehen, das war Tag und Nacht sein einziger Wunsch. Die Haupt-Erfordernisse des Ehestandes waren bei ihm: eine gute Versorgung und ein gesunder Leib; Beides hatte Musjö Valentin aufzuweisen. Von der nötigen Seelen-Sympatie, die, wenigstens in den ersten vier Wochen, so viel Seligkeit in den Ehestand bringt, und von dem Einflusse des Mondenscheins auf dies Wonnegefühl, liess der arme Mann sich gar nichts träumen. "Dat hab' ich mir so ausgedacht", sprach er zum Herrn Amtmann. "Meine Grete kriegt auch mal einen hübschen Taler Geld, wenn ich und meine Frau sterben. Wenn aber der Herr Amtmann was