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Frieden, da er seine jetzige Bedienung antrat, war er des Herumschweifens müde, liebte die Ruhe, kam nur äusserst selten in die benachbarten Städte, und war daher auf alle Weise in einer gewissen Art von kultur sehr zurückgeblieben. Dagegen hatte er einige andre kleine, unbedeutende Tugenden, die in dieser Welt wenig gelten, und wobei auch in der Tat nichts herauskommt. So hielt er zum Beispiel immer strenge und redlich Wort, teilte gern seinen Bissen mit dem Notleidenden, ohne nur einmal zu ahnden, dass dies etwas anders, als gemeine Christenpflicht wäre und nahm sich jedes Gedrückten und Verlassenen an, wenn er dazu im stand war, wie wir denn gesehen haben, dass er sich zu seinem grossen Schaden, in die bayerischen Händel mischte, als Agnese Bernauer sich im Gedränge befand.

Die kleine Grete wuchs unter der mütterlichen Sorgfalt der Frau Försterinn auf, versprach einst ein hübsches, reizendes Frauenzimmer zu werden, und war der Augapfel ihrer Pflegeeltern; Ehren Schottenius aber machte sich's zum Geschäfte, ihren Geist zu bilden, jedoch ohne die Bestimmung ihres Geschlechts und ihres künftigen Standesdenn zu einer braven Landfrau schien sie ihm einst ausersehnaus den Augen zu verliehren. Neben dem Unterrichte in den Wahrheiten der christlichen Religion, in der Form des luterischen Kirchen-Systems, lehrte er sie eine leserliche Hand und einen wohlgesetzten Brief schreiben, erklärte ihr ein wenig die Landcharte und das Firmamentswesen, die vier Species der Rechenkunst und die Bilderchen aus Raffs Naturgeschichte. So erreichte sie das vierzehnte Jahr, da sie dann, in einem neuen schwarzen seidenen Kleide, mit roten Schleufen und einem grossen Blumenstrausse, mit den übrigen Kindern aus dem dorf confirmirt wurde, wobei sämtliche Eltern Tränen vergossen.

In dieser Zeit erweckte der Erzvater der neumodischen Aufklärung, Satanas, der die ganze Welt verführt, den Geist eines pädagogischen Ehepaars, das sich kürzlich in Gosslar niedergelassen hatte, und nun durch die Posaune verschiedner Zeitungsschreiber allen Völkern verkündigen liess:

Es haben Herr und Madam Deckelschall aus der Schweiz gebürtig, sich entschlossen, sowohl zum Besten der Menschheit überhaupt, als insbesondere zur Gemächlichkeit derjenigen Eltern, welche auf dem land wohnten und folglich nicht gelegenheit hatten, ihren Kindern zu haus denjenigen Grad der Bildung zu geben, welchen man jetzt in der feinern Welt fordert, in der Reichsstadt Gosslar am Harze eine Pensions-Anstalt für junge Frauenzimmer zu errichten. Daselbst geben sie für den sehr mässigen Preis von *** jährlich, ihren Zöglingen Kost, wohnung und Unterricht im Französischen und Italienischen, in der Music und allen andern, dem weiblichen Geschlechte nötigen Wissenschaften, Kenntnissen, Künsten, Hand-arbeiten, in feiner Lebensart und der Gabe, die besten classischen Schriftsteller mit Geschmack, Gefühl und Nutzen zu lesen.

Dem guten Förster Dornbusch ging plötzlich ein Licht auf, als er diesen Artikel in der Zeitung las. Es hatte seine Richtigkeit, dass Gretchen von den hier verzeichneten schönen Sachen noch wenig oder gar nichts verstand; Da nun diese Kenntnisse, wie es doch offenbar gedruckt da zu lesen war, einem wohl erzognen Frauenzimmer unentbehrlich waren, Gretchen aber, es koste was es wolle, ein wohl erzognes Frauenzimmer werden sollte, entschloss er sich kurz und gut, seine Nichte nach Gosslar zu bringen; Ehren Schottenius äusserte einige Zweifel, meinete, man müsse sich wohl zuvor genauer nach diesen Leuten erkundigen; allein bei Menschen von des ehrlichen Dornbusch' kultur hat das, was gedruckt ist, ein grosses Gewicht; Sein ganzer Glaube an erhabnere Wahrheiten beruhete auf keinem viel dauerhaftern grund; also blieb es bei dem Vorsatze und die Nichte wurde nach Gosslar gefahren.

Jetzt muss ich die Leser ein wenig genauer mit dem Herrn Deckelschall und seiner Frau gemahlin bekanntmachen. Er war auf Universitäten gewesen, mitin ein Gelehrter; Nur auf solche langweiligen Dinge, die man Brod-Wissenschaften nennt, hatte er nicht Lust gehabt sich zu legen, und da man ohne diese in der bürgerlichen Gesellschaft nicht fortkömmt; war er auf alle Einrichtungen in der jetzigen Welt und auf alle staates-Verfassungen nicht wohl zu sprechen. Nach manchen vereitelten Versuchen, dennoch irgend ein Ämtchen zu erwischen (welches ihn denn ohne Zweifel mit den Regierungen versöhnt haben würde), beschloss er endlich, Hofmeister junger Herrn zu werden. Er brachte ein Paar Grafen-Söhne, die man ihm anvertrauete, so weit, dass der Eine, dem er, wie er es für Pflicht hielt, seinen Ekel gegen allen bürgerlichen Zwang und alle wissenschaftliche Pedanterei mitgeteilt hatte, durchaus keinem Fürsten dienen wollte, sondern, zum grössten Kummer seines nicht so aufgeklärten Vaters, in seinem zwanzigsten Jahre als Musen-Almanachs-Dichter und Music-Liebhaber privatisirte; Der Andre aber, den er, um ihm den Adelstolz aus dem kopf zu bringen, überzeugt hatte, dass aller Unterschied der Stände eine Grille wäre, aus seiner Eltern haus nebst dem Garderoben-Mädchen davonlief und auf einem grossen transportablen National-Teater in den Rollen des Licentiaten Frank und des goldonischen Lügners den Schneidern und Schustern in Speier, Worms und den benachbarten Städten ungemein gefiel.

In einem von diesen Häusern wurde Herr Deckelschall mit seiner jetzigen Ehefrau bekannt. – – Sie war Gesellschafterinn und Vorleserinn der Frau gräfin. Ihre Herzen sympatisirten; Herr Deckelschall spielte ein wenig Clavier; sie sang ein wenig. – Was bedarf es mehr, um vereint mit einander glücklich zu leben? An baarem Vermögen fehlte es freilich Beiden; sie besass jedoch fünfhundert Reichstaler an Schaustücken und Harz-Gulden; Es ist himmelschreiend,