Livres jährlicher Renten in Sicherheit zu bringen. Jetzt habe ich weiter keinen Wunsch mehr in dieser Welt, als den, an meiner Tochter so viel Freude zu erleben, wie mir die vorteilhaften Zeugnisse meines Bruders von ihr zu versprechen scheinen, und sie dann glücklich verheiratet zu sehen. Ich eile nach Biesterberg, um dort diese mir so teuren Menschen zu umarmen. –
Wie? nach Biesterberg? Herr Autor? Ei! nun ja, mein hochgeehrtester Leser! stellen Sie Sich doch nicht so überrascht, gleich als hätten Sie es nicht längst gemerkt, dass der Bruder, welchen unser Fremder sucht, kein andrer, als der Herr Förster Dornbusch, und dass die jetzt von ihrem Herrn onkel wieder nach Gosslar geführte Jungfer Margareta das oft erwähnte Töchterlein ist! Dies Zusammentreffen hat übrigens, so viel ich es einsehe, nichts Unwahrscheinliches, und ich bitte Sie, mir einen deutschen oder andern Roman zu nennen, in welchem nicht viel unglaublichere begebenheiten vorkämen. übrigens muss ich zur Erläuterung dieser ganzen geschichte nur noch einige Worte hinzufügen.
Der österreichsche Officier wusste freilich, dass seine Geliebte Margareta Dornbusch hiess; dass sein Pflegevater denselben Familien-Namen führte, war ihm auch nicht unbekannt; allein da das Frauenzimmer gar nicht ahnden konnte, dass ihr Vater in Ostindien lebte, sondern vielmehr oft erzählt hatte, es sei derselbe längst in Teutschland gestorben, Monsieur de Previllier aber (denn so hiess der Officier) sich's aus den zeiten seiner Kindheit nicht mehr erinnerte, dass sein Pflegevater zuweilen eines Bruders Erwähnung getan hatte, ja! da ihm das Andenken an die jüngere Gefährtinn seiner ersten Jugend beinahe gänzlich aus dem Gedächtnisse gekommen war, konnte er unmöglich wissen, dass seine ehemalige Gespielinn und die jetzige Dame seines Herzens eine und dieselbe person wäre. Jetzt aber (denn der Ostindier teilte ihm wenigstens den Haupt-Inhalt der geschichte, welche dieser Aufsatz entielt, mündlich mit) machte er eine Entdeckung, die ihn mit der lebhaftesten Freude erfüllte. Er nahm sich aber vor, den alten Herrn Dornbusch damit zu überraschen. Sobald sich's daher schicklicherweise tun liess, bat er ihn, mit ihm nach dem Postause zu gehen, wo er ihm in der person seines Reisegefährten zu einer sehr interessanten Bekanntschaft zu verhelfen versprach; Sie gingen hin, sobald der Alte sein Mittags-Essen verzehrt hatte.
"Um Gotteswillen!" rief der Hauptmann Previllier und stürzte in das Zimmer, in welchem er den Ostindier ein Weilchen allein gelassen hatte, um indess die bewusste person zu holen. "Was fange ich an? Sie ist fort, Sie ist fort!" – "Wer ist fort?" – "Wie können Sie fragen? Ihre Tochter, meine Geliebte, meine Braut ist fort. Der Förster Dornbusch hat sie mit Gewalt in den Wagen gehoben und ist mit ihr wieder nach Gosslar gefahren." – "Du bist von Sinnen, Louis! Wie soll meine Tochter, wie soll mein Bruder hierherkommen?" – "O! verliehren wir keine Zeit mit Erzählungen! ich beschwöre Sie. Lassen Sie uns nacheilen! Unterwegens sollen Sie alles erfahren; jetzt nur geschwind angespannt!" – "Aber mein Wagen, meine Päckereien, mein Bedienter; alles ist draussen im wirtshaus." – "Ich will hinschicken; Morgen können wir wieder hier sein; Nur geschwind, dass wir sie noch einholen!"
Der alte Herr sah wohl, das hier nichts zu tun wäre, als dem ungestümen Menschen zu folgen. Sobald daher des Officiers kleine Callesche angespannt war, setzte er sich mit ihm hinein, und fort ging die Reise nach Gosslar.
Zehntes Capitel
Etwas von dem jungen Frauenzimmer. Sie entwischt. Wir haben den Förster, in Gesellschaft des Pastors Ehren Schottenii, mit dem jungen Frauenzimmer eben so eilig aus Peina fortgeschafft, wie jetzt die beiden Herrn, welche ihnen nachreisen, ohne es zu Erläuterungen unter allen diesen Leuten kommen zu lassen. Damit nun unsre Geschichtschreiber-Schulden sich nicht gar zu sehr häufen und wir, wenn endlich alles sich zum Ziele neigt, nicht gar zu viel aus ältern zeiten nachzuholen haben mögen, was der Leser noch nicht weiss, wollen wir, während diese fünf Personen auf der Reise sind, der Herr Amtmann aber und sein Erbe, im süssen Schlafe, der müden natur balsamischen Labsale, sich erquicken, eine kleine Skizze von dem kurzen Lebenslaufe der Jungfer Margareta Dornbusch entwerfen.
Sobald der Förster in Biesterberg das ihm von seinem Bruder anvertrauete kostbare Unterpfand in Besitz genommen hatte, beschloss er, das kleine Mädchen wie seine eigne Tochter zu behandeln. Er selbst hatte mit seiner ehrlichen Hausfrau keine Kinder erzeugt, aber ein ansehnliches Vermögen erheiratet, so dass er an Margaretens Erziehung, wenn er und sie auch nicht mit den nötigen pädagogischen Gaben ausgerüstet waren, doch genug verwenden konnten, um das Kind durch Andre zu einem feinen Frauenzimmer bilden zu lassen.
Der Förster war ein biedrer, aber freilich gänzlich uncultivirter Mann. Sein Handwerk verstand er aus dem grund, in der politischen, literarischen und galanten Welt hingegen war er ein Fremdling. Ausser einigen Andachtsbüchern, in denen er Morgens und Abends seine bestimmte Seitenzahl gewissenhaft las, wie man das an den braunen Flecken unten auf dem rand, wo der geleckte Finger beim Umwenden seinen Stempel hingedruckt hatte, sehen konnte, sodann ausser einer alten Chronic, an welcher die vordersten Blätter fehlten und den Zeitungen, die ihm der Herr Amtmann mitteilte, hatte er sich nie mit Lesen abgegeben, und seit dem