die war, die den Pflegesohn eines armen Zollschreibers erwartet hätte. Ich fing schon an, Deinen Process in Frankreich ganz zu vergessen; die Papiere lagen bestäubt in einem Winkel, als neue Unglücksfälle mich unsanft aus dieser Ruhe aufweckten, um mir die Freude zu bereiten, die ich heute schmekke. Meine würdige gattin starb; Du warst damals zehn Jahre alt und meine Tochter hatte noch nicht den vierten Sommer erlebt. fest entschlossen, nicht wieder zu heiraten, wenn ich auch ein Mädchen gefunden hätte, dass meine Armut mit mir hätte teilen wollen, und dabei überzeugt, dass ein Vater, bei aller Sorgfalt, dennoch nicht im stand ist, der ersten Erziehung eines weiblichen Geschöpfs gehörig vorzustehn, war ich in der Tat sehr verlegen, was ich mit meiner kleinen Margareta anfangen sollte.
Indessen hatte ich, seit dem Frieden, welcher dem siebenjährigen Kriege ein Ende machte, nicht aufgehört, mit meinem Bruder in Briefwechsel zu stehen, obgleich unsre Umstände uns keine persönliche Zusammenkunft erlauben wollten. Er war, wie ich, reducirt worden, hatte aber das Glück gehabt, eine einträgliche Försters-Bedienung und dabei eine reiche Frau zu erhalten. Als ich ihm nun den Tod meines lieben Weibes und die Verlegenheit, darin ich in Ansehung meines Kindes war, meldete, erbot er sich grossmütig, das kleine Mädchen zu sich zu nehmen, da es doch schien, als wenn seine Frau ihn nicht zum Vater machen wollte. Mit dankbarer Freude nahm ich dies an und schickte die Kleine, begleitet von einer treuen alten Magd, auf der Post zu diesem redlichen Bruder. – Nun warst Du, lieber Louis! meine einzige häusliche Gesellschaft, und ich verwendete allen Fleiss auf Deine Bildung, als der Tod des alten Fürsten auf einmal mich um meine kleine Bedienung brachte. Das System des Erbprinzen war, wie es fast immer der Fall ist, das Gegenteil von dem zu tun, was sein Herr Vater getan hatte. Es wurde also auch mit dem Zollwesen eine Umkehrung vorgenommen, manche Besoldungen wurden eingezogen, und unter diesen war auch die meinige.
Mitten aus dieser trüben Aussicht, die mich beinahe zur Verzweiflung gebracht hätte, liess die weise Vorsehung einen neuen Strahl von hoffnung für mich hervorleuchten. Ich hatte während des Krieges in ***, wo ich einige Wochen in Quartier lag, einen Mann kennen gelernt, der sich meine ganze Hochachtung und Liebe erworben hatte. Damals war er schiffes-kapitän, und hatte schon mehrmals die Reise nach Ostindien gemacht. Diese Lebensart pflegt sonst zuweilen dem charakter Rauhigkeit zu geben; und nicht selten sind solche Männer Prahler und verschrobne Köpfe. Eine merkwürdige Ausnahme davon machte Der, von dem ich rede. Er war ein grader, unbestechlicher redlicher Mann, ein gefühlvoller, dienstfertiger, grossmütiger Menschenfreund und dennoch, wo auf ehrliche Weise etwas zu erwerben war, ein achtsamer, speculativer Kaufmann; dabei ein heller und gebildeter Kopf und im Umgange unterhaltend, gefällig und duldend. Der langen Seereisen müde, hatte er in seiner Vaterstadt einen Handel im Grossen angefangen, und war zugleich kaiserlicher Consul.
Grade zu der Zeit, als ich meine Bedienung verlohr, reiste er durch***; er war in einem Bade gewesen, und nun auf dem Rückwege nach haus begriffen. Mein guter Genius liess mich ihm auf einem öffentlichen Spatziergange begegnen, wo ich kummervoll auf und nieder ging; Du, mein Lieber! sprangst munter vor mir her. Vielleicht erinnerst Du Dich noch dieses Tages, denn was uns in dem zarten Alter begegnet, das pflegt sich dem Gedächtnisse, welches dann noch nicht mit so viel Bildern aller Art angefüllt ist, tief einzuprägen.
Es war für ihn und mich eine angenehme Überraschung, uns hier wiederzusehn; Er befragte mich teilnehmend um meine Lage; eine Träne, die in meinem Auge zitterte, sagte ihm einen teil dessen, was ich auf dem Herzen hatte, und da bei ihm Unglück ahnden, und retten wollen immer eins war, ergriff er mich stillschweigend bei der Hand, und führte mich in den Gastof, wo er abgetreten war.
Sobald ich ihm meine geschichte erzählt hatte, war auch sein Plan gemacht. "Den Jungen nehme ich mit mir", sprach er, "das ist ein feiner Knabe, den wir schon durch die Welt bringen wollen. Mein Freund, der Obrist von *** in **schen Diensten, schlägt mir's nicht ab, wenn ich ihn bitte, dass er ihn als Fahnenjunker bei seinem Regimente ansetze. Das er unter guter Aufsicht sei, dafür soll gesorgt werden, und wenn er einmal Officier wird, wollen wir auch schon zu der Equipage und dem Zuschusse Rat schaffen. Ihnen aber, mein Freund! kann ich grade jetzt zu einer Stelle auf einem Schiffe, dass nach dem Cap und von da nach Indien geht, verhelfen. Die Stelle wird Anfangs klein sein, aber ich gebe Ihnen gute Addressen mit, und Sie können, wenn Sie, wie ich nicht zweifle, der Instruction folgen, die ich Ihnen aufschreiben werde, es dort bald zu etwas Höherm bringen."
Mich von Dir zu trennen, mein Lieber! das kam mir freilich hart an; allein, wenn ich dann wieder überlegte, wie wenig ich für Dich tun konnte, der ich arm und verlassen war, wie viel Du bei dem Tausche gewannst, und welchen sichern Händen ich Dich anvertrauete, so tröstete mich das, und was meine person betraf, so war mir jeder Winkel des Erdbodens, wo ich Brod fände,