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diese Plaisirs vermehrt. Allein, wie gesagt, er war ein Mann von Ehre und Rechtschaffenheit. Seiner Sprache war er mächtig. – Ein seltenes Phänomen bei einem Franzosen! – Er hatte sie studiert; folglich schien ihm eine Stelle als Lehrer derselben, die grade bei den Edelknaben in *** erledigt war, die anständigste Art, seinen Unterhalt zu verdienen. Mein würdiger Graf ***, bei welchem er sich desfalls meldete, prüfte ihn und setzte ihn an. Allein der arme Mann war schwächlichSorgen und Kummer hatten so lange an seinem Herzen genagt, bis es endlich brach. Zwei Jahre vor des Grafen tod verliess er die Welt, in welcher er so wenig frohe Stunden erlebt hatte; Seine trostlose Witwe, die selbst kränkelte, sah sich nun nebst dem kleinen vierjährigen Knaben verlassen und blickte vor sich hin in eine traurige Zukunft.

Die hohen Preise aller Lebens-Bedürfnisse in den Städten stehen in gar keinem Verhältnisse mit dem Lohne, den man für gemeine, nützliche weibliche Hand-arbeiten hingiebt, indess Der, welcher für Luxus und Üppigkeit würkt, reichlich bezahlt wird. Ein ehrliches Frauenzimmer, welches sich bloss mit Hemder nähen und Strümpfe stricken beschäftigen will, kann, wenn sie dabei ihren eignen kleinen Haushalt zu bestreiten hat, oder sonst einmal ein Paar Stunden im Tage, oder ein Paar Tage in der Woche ausfallen, wenn es zum Beispiel an Arbeit fehlt, unmöglich mit diesem Erwerbe auskommen. Putzmacherinnen verdienen freilich schweres Geld; allein diese Lebensart schien der edlen Frau niedrig und zweideutig; und so litt sie dann, da sie noch obendrein selten ganz gesund war, Mangel. Das wohltätig ausspähende Auge meines lieben Grafen entdeckte bald ihre Lage und ich bekam Auftrag, zu hülfe zu eilen. Dies geschah auf eine Weise, die ihr Zartgefühl nicht beleidigen konnte und ich hatte die Freude, zu sehen, wie das gute Weib sich nach und nach aufheiterte; mit ihrer Gesundheit wurde es jedoch immer mislicher. Schon hatte sie seit einem Monate das Bette nicht verlassen können, als der Verlust unsers gemeinschaftlichen Wohltäters ihr den Rest gab. Einst schickte sie zu mir und liess mich dringend bitten, sie sogleich zu besuchen. Ich fand sie sehr schwach; alle Anzeigen des nahen Todes waren da. Ihr SohnDu mein Louis! Du sassest weinend auf ihrem Bette; Eine Deiner hände hielt sie zitternd in den ihrigen. Als ich eintrat, bestrebte sie sich, ihre trüben, halb schon gebrochnen Augen freundlich aufzuschlagen; Ein sehnlicher Wunsch, eine dringende Bitte, schien ihr Herz zu pressen; aber die matten Lippen versagten ihr den Dienst, sich durch Worte zu erklären. Sie winkte ihrer Wärterinn und diese brachte mir ein Päckchen mit Briefschaften, begleitet von einem Aufsatze, von ihrer Hand geschrieben, und an mich gerichtet. Sobald sie diese Papiere in meiner Verwahrung sah, schob sie mir Deine Hand, mein lieber Louis! hin, faltete dann die ihrigenes schien als wenn sie dieselben dankbar zum Himmel emporheben wollte. – Dann schloss sie die Augen, fiel in einen Schlummer und erwachte nicht wieder.

Nachdem ich die nötigen Bestellungen wegen der Beerdigung Deiner lieben Mutter gemacht hatte, nahm ich Dich an meine rechte Hand, das Päcklein mit Briefschaften unter den andern Arm; und so verliess ich das Haus und führte Dich in meine wohnung.

"Gott hat uns noch ein Kind beschehrt", sprach ich zu meiner Frau, als sie mir in der Tür entgegen kam, "Gott hat uns noch ein Kind beschehrt und seinen Segen wird er uns auch dazu beschehren; Dieser kleine Kostgänger soll ihn uns in das Haus bringen." Und nun erzählte ich dem guten weib, was vorgegangen war. Sie bückte sich zu Dir nieder, blickte Dir in's Gesicht, streichelte Dir die Backen, gab Dir einen mütterlichen Kuss, nahm Dir Dein Hütchen ab; und von dem Augenblicke an warst Du unser Kind und teiltest unsre Liebe und Sorgfalt mit der kleinen Margareta.

Sobald ich Deine Mutter hatte zur Erde bestatten lassen (die Unkosten davon bestritt ich aus dem Verkaufe ihres wenigen Hausrats) fing ich an, die Briefschaften zu untersuchen, welche sie mir eingehändigt hatte. Es waren Documente, welche Deine gegründeten Ansprüche auf ein beträchtliches Vermögen in Frankreich bewiesen, das man Deinem Vater auf die unrechtmässigste Weise vorentalten hatte. In dem Aufsatze von Deiner Mutter Hand, der bei den Acten lag, beschwor sie mich, als ihren einzigen Freund, Dich nicht zu verlassen, sondern Dich an Kindes Statt anzunehmen, demnächst aber, wenn es meine Umstände irgend erlaubten, selbst, oder durch einen sichern Mann, Deine Rechte in Frankreich auszufechten, welches mir unter der jetzigen Regierung gewiss nicht würde fehlen können. – "Ei nun! und wenn auch nicht", rief ich aus, "denn mit Processen ist es immer eine misliche Sache; so wird die Vorsehung dem Knaben sonst helfen. Wenn er gesund, redlich und fleissig ist; muss sich auch schon in Teutschland ein Stück Brod für ihn finden."

Ich fing nun an, Deinem Unterrichte alle Stunden zu widmen, die mir meine Nahrungs-Geschäfte übrigliessen. Das Schicksal begünstigte meine Beharrlichkeit; Dein heller Kopf und Deine gute Gemütsart unterstützten meine Bemühungen und, gleich als hättest Du neuen Segen in meine Hütte gebracht, schien sich alles unter meinen und meines wackern Weibes Händen zu verdoppeln.

Allein der Allweise hatte mich zu einem Werkzeuge ausersehn, um Dich in eine bessere Lage zu versetzen, wie