1792_Knigge_063_21.txt

unermüdete Tätigkeit, das Gute gewürkt und den Unglücklichen gerettet hatte, dann wusste er das Verdienst der Handlung auf einen Dritten zu schieben, Diesen Dank und Ehre einerndten zu lassen. Glaubte ein Geholfner auf die Spur seines unbekannten Wohltäters gekommen zu sein, kam zu ihm und stammelte Dank; so fuhr ihm der Graf mit solchem Ungestüm an, dass er sich geirrt zu haben glaubte und das gute Wort bereuete, dass er an diesem unfreundlichen mann verschwendet hatte.

Eine grosse Eigenschaft fehlte indessen dem Grafen, eine Eigenschaft, die allen seinen Tugenden hätte die Crone aufsetzen können, nämlich männliche Entschlossenheit und Festigkeit gegen Andreich sage: gegen Andre, denn wie strenge er gegen sich selber war, habe ich vorhin erwähnt. Er, den sein unwürdiges Weib als einen Starrkopf und Tyrannen abschilderte, war das Spielwerk eben dieses Weibes, liess sich von ihr auf alle Weise hintergehn und bei der Nase führen. Machte sie mit ihrem Anhange es ihm gar zu bunt, so tobte er wohl nach seiner Art ein wenig; allein wenn dann die Heuchlerinn die unschuldige Gekränkte, von Gram Niedergebeugte spielte, glaubte er, sich übereilt zu haben und tat und litt alles, sein vermeintliches Unrecht wieder gut zu machen. Der verstellten Reue wiederstand seine Weichherzigkeit nun vollends gar nicht; Derselbe Schelm konnte ihn zehnmal anführen und eine einzige anscheinend herzliche Bitte konnte ihn in den wichtigsten, überdachtesten Vorsätzen wanken machen.

Ich sah bald mit Wehmut und Abscheu, welchen schändlichen Misbrauch die gräfin von dieser zu sanften Gemütsart ihres Gemahls machte. Die ganze Stadt wusste, dass sie auf seinen Namen Schulden machte, und dass sie ein liebes-Verständniss mit einem elenden Comödianten unterhieltdie ganze Stadt wusste das, sah das mit Verachtung; nur der Graf sah nichts, erfuhr nichts. Oft war ich in Versuchung, ihm die Augen zu öfnen; auch erwartete die gräfin, die wohl fühlte, welche Empfindungen mir ihre Aufführung einflösste, nichts anders von mir. Indessen, wenn ich bedachte, wie diese Entdeckung meinem armen Herrn das Herz brechen würde, so verschob ich's von einer Zeit zur andern; Die Vorsehung aber, die nie zugiebt, dass Schandtaten unentdeckt bleiben und die Bosheit triumphiere, brachte diese Händel, ohne meine Mitwürkung an's Licht. Der Graf kam einst unerwartet zu haus, ertappte seine gemahlin an der Seite ihres niederträchtigen Buhlen und nun offenbarte sich das ganze Gewebe ihrer Abscheulichkeiten. – Aber ach! dieser Schlag war zu hart für meinen guten, gefühlvollen Herrn. Der Kummer warf ihn auf das Krankenbette; er litt nicht lange und verschied in meinen Armen.

Für mich war der Verlust dieses einzigen Wohltäters eine erschreckliche Begebenheit. Die gräfin hasste mich, und wäre das auch nicht der Fall gewesen, so hätte sie mir doch kein Brod geben können. Sie selbst hatte die öconomischen Umstände ihres Gemahls in die grösste Verwirrung gebracht. Ihre Schulden überstiegen das baare Vermögen, welches sie erben konnte; die Güter aber waren Lehn und fielen, da der Graf keine Kinder hinterliess, an den Landesherrn zurück. – Die äusserste Armut war nun ihr Erbteil, und in diesem Zustande, den sie sich selbst bereitet hat, schmachtet sie noch, von niemand bedauert und, um so mehr, da sie jetzt hässlich ist, von jedermann verlassen.

Ich war also ohne Brod, denn bereichert hatte ich mich nicht, obgleich es mir nicht an gelegenheit gefehlt hätte, etwas zu gewinnen, wenn ich weniger gewissenhaft gewesen wäre. Es war im Winter, am Ende des Jahres 1769 und meine Frau, die in sieben Jahren keine Kinder gehabt hatte, war eben von einem gesunden kleinen Mädchen entbunden worden. – Die Aussichten Waren trübe; aber Gott half. Meines verstorbenen Herrn Freunde, in denen das Zutraun, welches er mir bezeugt hatte, eine gute Meinung von mir erweckte, verschafften mir eine kleine Stelle bei der fürstlichen Canzellei. – Voll hoffnung und Zuversicht und mit heiterm Gemüte arbeitete ich nun in meinem neuen Berufe, wurde nicht von drückenden Nahrungssorgen gepeinigt, genoss häusliche Freuden und war noch glücklich genug, auch gegen Andre wohltätig handeln zu können, wie Du jetzt hören wirst.

Neuntes Capitel

Fortsetzung dieser geschichte. Sonderbare

Entdeckung. Der Fremde und der Officier finden im

Postause nicht, was sie suchen.

Unter den Hülfsbedürftigen, deren sich mein guter Graf so wohltätig angenommen hatte, befand sich auch eine interessante Familie, welche meiner Sorgfalt anvertrauet war und deren Umgang mir so viel reine Freuden gewährte, dass ich, wenn auch der Beistand, den ich ihr in meines Herrn Namen leisten musste, mich nicht zu ihnen rief, doch manche Stunde nebst meiner Frau bei diesen guten Menschen zubrachte. Er und sie waren in Frankreich geboren und hatten einst glücklichere Tage erlebt, wovon ich die geschichte besonders aufgezeichnet habe und Dir mitteilen will. Durch die schwärzeste Cabale und eine Reihe von Wiederwärtigkeiten aus ihrem vaterland vertrieben, hatte Er kein Mittel unversucht gelassen, was einem mann von Ehre und Erziehung anständig sein kann, um in Teutschland für sich und die Seinigen Brod zu erwerben. Hätte er dem Beispiele so Vieler unter seinen leichtfüssigen Landesleuten folgen und mit erborgten Titeln und gestohlnem Gelde an irgend einem deutschen hof als Chevalier oder Marquis auftreten wollen, so würde er seine Familie nicht nur mit Brod sondern auch mit Pasteten haben speisen können; Er hätte sich dann etwa mit einem Paar tausend Gulden Besoldung zum directeur des plaisirs Seiner Durchlaucht ernennen lassen und Madam, welche jung und hübsch war, hätte