ich ernstlich darauf, sie zu mir kommen zu lassen. Es war im Jahre 1762; die französische Armee hielt sich nur mit Mühe noch in Hessen, und weil ich sie also bei mir nicht sicher glaubte, liess ich sie nach Strassburg bringen, wohin auch ich, gleich nach dem bald darauf erfolgten Frieden, in ihre arme eilte.
Allein der Frieden, welcher Trost und Ruhe in so manches Herz senkte, war für mich eine Quelle peinlicher Sorgen. Ich wurde reducirt; Das Wenige, was ich durch Beute gesammelt hatte, konnte nicht lange vorhalten, einen grossen teil davon hatte meine Frau schon in Einbeck zusetzen müssen; Was für traurige Aussichten hatte ich daher nicht für die Zukunft? Da indessen doch ein Entschluss gefasst werden musste, folgte ich dem Rat eines Freundes, zog nach Worms und legte dort eine kleine Schule an, in welcher wir, mein Weib und ich, Kindern von beiden Geschlechtern Unterricht im Schreiben, Rechnen und in weiblichen arbeiten gaben.
Der Erwerb war kümmerlich, den uns dort unser treuer Fleiss verschaffte. Wer nicht die Gabe hat, durch Schleichwege und Unverschämteit sich hervorzudrängen, der bedarf, um nicht zu verhungern, aller Orten, besonders aber in Reichsstädten, mächtiger Vorsprecher, wenn er fortkommen will, und mich kannte niemand in Worms. Die Häuser der Reichen waren uns verschlossen; nur in den niedern Classen fanden wir Eltern, die uns ihre Kinder anvertraueten, nicht aus Zuversicht zu unsrer Geschicklichkeit, sondern weil wir nicht so viel Geld bezahlt nahmen, wie Andre. Unser Umgang aber schränkte sich auf ein Paar Nachbar-Häuser ein, in welchen nicht weniger Armut wie bei uns herrschte. Ich erinnere mich unter andern, dass uns zuweilen an Sonntagen eine Frau besuchte, deren Mann aus Verzweiflung sich dem Trunk ergeben hatte. Wenn nun das arme Weib zu uns kam, pflegte sie das Wenige, was sie noch an silbernen Löffeln und dergleichen übrig hatte, in die tasche zu stecken, aus Furcht, dass ihr Mann es unterdessen versetzen, und das Geld im wirtshaus verzehren mögte.
drei Jahre hindurch hielten wir es in Worms aus; dann hatte ich das Glück, durch einen sehr rechtschaffnen Kaufmann, einen gewissen Herrn Schuler, Empfehlung an den Grafen *** in *** zu erhalten, der eines Privat-Secretairs bedurfte. Mein Gesuch fand einige Schwierigkeit, weil er lieber einen unverheirateten Mann angenommen hätte; doch erhielt ich die Stelle und erwarb mir bald das Zutraun meines guten Herrn.
Der Graf *** war in der Tat ein sehr edler Mann. Wenn es irgend einen Menschen auf der Welt gibt, der fähig ist, ohne allen Egoismus, ohne Eigennutz und ohne Eitelkeit, das Gute, bloss aus reiner Liebe zum Guten selbst, zu tun, so war er es gewiss. Man hielt ihn für harterzig, rauh und geizig; aber wie wenig kannte man sein Herz! Seine jetzige gemahlin selbst (Er war zum zweitenmal verheiratet) suchte ihn in den Ruf zu bringen, als wenn gar nicht mit ihm auszukommen wäre, als wenn er auch die unschuldigsten Freuden den Personen seiner Familie nicht gönnte, und über die geringsten Kleinigkeiten in Zorn geriete und tobte. Die Wahrheit war, dass sie durch diese Vorwürfe ihn zwingen wollte, zu Schritten zu schweigen, zu welchen kein ehrliebender Mann schweigen darf; dass Alle, die ihn umgaben, seine beispiellose Milde auf die unverantwortlichste Art mit Füssen traten; und wenn sie ihm lange genug das Maass des Verdrusses voll gegeben hatten, ohne dass er murrte, sondern sich nur innerlich grämte, endlich aber, wenn sie noch ein Quentlein in das Gefäss warfen, die Wagschale seiner Geduld in die Höhe schnellte; dann schrie das Weib, dann hiess es: "mein Gott! über eine solche Kleinigkeit fährt der Mann auf; Man kann es ihm nie recht machen." Und wenn alle seine Hausgenossen seine Nachsicht und die uneingeschränkte Freiheit, die er ihnen liess, misbrauchten, und er sich dann betrogen, seine Ehre und seinen guten Namen auf dem Spiele stehen sah; dann gab er wohl etwas strengere Policei-gesetz in seinem haus, aber dann entstand auch allgemeines Murren über seine Härte; dann hiess es: eine solche Behandlung reize erst recht zu verbotnen Handlungen.
Eben so ungerecht wie die Beschuldigung der Härte war die des Geizes, welche man dem Grafen machte. Er hatte aber die Grille, durchaus nicht gestatten zu wollen, dass die Welt seine wohltätigen Handlungen erführe und ihn desfalls lobte. Ich aber, der das Glück hatte, sein Vertraun zu gewinnen, bin Zeuge gewesen von so edlen, grossmütigen Taten, die gewiss damals Keiner ahndete, die erst nach seinem tod, durch seine hinterlassenen Briefe offenbar wurden; von schweren Aufopferungen die ihn manchen herben Kampf kosteten, den er aber in der Stille kämpfte. Ich habe gesehen, mit welcher Verleugnung er es zuweilen ertrug, wenn er gerade da am bittersten getadelt wurde, wo er am grössten gehandelt hatte; wie er heimlich an der Wohlfart Derer arbeitete, die ihn mehr als einmal bübisch geneckt, verfolgt und mit dem schwärzesten Undanke belohnt hatten; wie er nagenden, unverschuldeten Kummer und Leiden aller Art mit Geduld ertrug und nie auf Andre wälzte, immer in sich selbst Trost und und hülfe suchte. Wer ihn um Vorsprache oder hülfe ansprach, den wies er mehrenteils und zuweilen mit Rauhigkeit zurück; mir aber und zwei andern Vertraueten trug er auf, Hülfsbedürftige aufzusuchen; und wenn er dann, durch Geld oder