beliebt macht, er eigentlich nur deswegen sich so wenig herausnimmt, damit er die überwiegende stimme des volkes vor sich gewinne; dass also seine Ruhmsucht sich hinter dieser angenommenen Demut versteckt, oder dass er stolz genug ist, zu glauben, er könne sich nie etwas vergeben durch Herablassung gegen Leute, denen es nicht einfallen dürfte, mit ihm verglichen zu werden; wir würden ferner finden, dass man einen bescheidnen Gelehrten nicht ärger anführen kann, als wenn man ihm nicht lebhaft genug wiederspricht, sobald er von dem geringen Werte seiner Schriften redet; wir würden endlich finden, dass mancher Edelmann nur deswegen der Abschaffung des Adels, womit man in Frankreich den Anfang gemacht hat, das Wort redet, weil er sich bewusst zu sein meint, seine unleugbaren inneren Verdienste würden ihn noch immer über Andre erheben, wenn auch alle äussere Rücksichten von Stand und Geburt wegfielen. Allein wir, der Autor, haben uns nun einmal vorgenommen, die scharfsinnigen Bemerkungen in unserm Büchlein eben nicht zu häufen, sondern dieselben dem geehrten Leser selber zu überlassen, so sehr wir auch ratione honorarii dabei gewinnen könnten. Also fahren wir in der Erzählung dessen fort, was in des Herrn Amtmanns Waumann haus in Biesterberg vorging.
Hier war es nämlich, wo die drei Herrn, welche wir redend eingeführt haben, den 6ten August 1788, Nachmittags, mit einem geselligen Pfeifchen im mund, versammelt sassen und die eben angekommnen Zeitungsblätter durchliefen. Folgender Artickel veranlasste das obige Gespräch:
Braunschweig, den 2ten August, 1788. Den zehnten dieses Monats wird der berühmte Luftschiffer, Herr Blanchard mit einem grossen und schönen Ballon aus unsrer Stadt in die Höhe fahren. Der Zusammenfluss der Fremden, welche dieses bewundernswürdige Schauspiel herbeilockt, wird an diesem Tage ausserordentlich sein, indem schon jetzt in denen, mit Messleuten angefüllten Gastöfen fast kein Zimmer mehr leer ist.
Nachdem der Pastor Schottenius nun deutlich auseinandergesetzt hatte, was für eine Bewandtniss es mit solchen Luft-Fuhrwerken hätte, erschallte aus einer Ecke des Zimmers eine stimme, welche rief: "o Papa! lassen Sie uns doch hinreisen, nach Braunschweig und das Ding mit ansehn!" Diese stimme kam von sonst niemand, als dem jungen Herrn Valentin Waumann, dem eheleiblichen Sohne des Herrn Amtmanns her. Dieser liebenswürdige Jüngling hatte damals sein Alter gebracht auf circa drei und zwanzig Jahre, war ein breitschultriger Junggeselle, in der christlichen Religion auferzogen und nachher der edlen Landwirtschaft zugetan und gewidmet, welcher er sich auch so eifrig ergab, dass sein Herr Vater die Absicht hegte, ihm ein benachbartes Vorwerk, das er mit gepachtet hatte, nebst dem Inventario an Kühen, Schweinen, Pferden, instrumentis rusticis und einer für ihn ausgesuchten gattin, nächstens zu übergeben. Musjö Valentin war nie über die Grenzen des Amts Biesterberg hinausgekommen, obgleich der Amtmann oft versprochen hatte, einmal, bevor der junge Herr sich in den Stand der heiligen Ehe begäbe, mit ihm eine Fahrt von einigen Tagereisen zu machen, um in Hildesheim, Braunschweig, Hannover und andern schönen Städten in der Nachbarschaft, die Welt mit ihren Merkwürdigkeiten zu sehen. Als der junge Herr nun, wie gesagt, in der Ecke sass, wo er sich beschäftigte, neue Kerbhölzer für die Dienstleute zu schnitzeln und er dort von den Zeichen und Wundern hörte, welche in Braunschweig in wenigen Tagen geschehn sollten, erinnerte er seinen Papa an das Versprechen der Reise. Die Frau Amtmanninn deren Liebling dies einzige Söhnchen war, unterstützte sein Gesuch; und so wurde dann kurz und gut beschlossen, am nächstkünftigen Sonnabende, als dem Tage vor der grossen Luft-Begebenheit, die Reise nach Braunschweig, geliebt' es Gott, zu unternehmen.
"Potz Element", rief der Förster aus, "Herr Amtmann! da reise ich mit; ja! so tue ich, und von da fahre ich auf dem Rückwege die Paar Meilen weiter über Gosslar, wo ich doch hin muss, um meine Grete aus der Penschon abzuholen. Sie verstehen mir Herr Amtmann! und darüber wird denn Müsche Valentin auch nicht böse werden, denke ich so, ha, ha! Und unser Herr Pastor muss auch mit, und muss uns seine halbe Schäse tun, denn weil ich sonst mant immer reite; so habe ich keine eigne Carrete, und so aber, so fahren wir in zwei Kutschen; und was der Herr Pastor verzehrt, das bezahle ich, ja! das tue ich."
Ehren Schottenius war leicht zu bereden, diesen Vorschlag anzunehmen; der Candidat Krebs aus Möllental hatte sich ohnehin die erlaubnis erbeten, am nächsten Sonntage in Biesterberg predigen zu dürfen, und ausser dem Vergnügen der Reise gab diese kostenfreie Lustfart dem Pastor noch gelegenheit, einen längst gehegten Vorsatz auszuführen, nämlich den, sich in Braunschweig nach einem Verleger für seine sieben und funfzig Predigten umzusehn. Es kam nur noch auf eine Kleinigkeit an, auf die Einwilligung der Frau Pastorinn; da indessen diese selbst gegenwärtig war und, neben der Frau Amtmanninn sitzend, eben die fünfte Tasse Caffee, auf vielfältiges Bitten, sich hatte wohlschmecken lassen; so liess sich die Sache bald auf's Reine bringen. "Ja! was meinst Du zu dem Vorschlage, mein Schatz;" sprach der Pastor und sah nach den kleinen schwarzen Äuglein seiner Gebieterinn, ob sie zürnten, oder lächelten. "I nun; da Du mit so guter gelegenheit umsonst hinkömmst; warum nicht?" – So war's denn richtig; alles wurde gehörig verabredet, und bald nachher trennte