Crescendo und Diminuendo gut anzubringen weiss, und dass mein Ausdruck wenigstens eben so edel und kraftvoll ist, als der unsrer mehrsten Romanen- und Comödienschreiber.
Der Schmerz kann nur auf einen gewissen Grad steigen, wie wir Philosophen das wissen, und dann bricht die Welle und es erfolgt wenigstens auf einige Zeit ein Stillstand. Nachdem der junge Herr Waumann lange genug getobt und gejammert hatte, fand er in der Vorratscammer seiner Vernunft den Trost, dass doch sein Ungemach nicht ewig dauren könne. Er setzte sich also so bequem, wie sich's tun liess, nieder; seine Augenlieder, vom Weinen müde, sanken – er schlief ein. Was konnte er auch bessers tun? Zwar lagen ihm zur Seite wohl ein Paar Blätter von der frankfurtischen gelehrten Zeitung, die ein Reisender da, nebst einigen Maculatur-Bogen von dem Romane Nettchen Rosenfarb hatte liegen lassen; aber Herr Valentin las nicht gern und wer kann denn auch in einem solchen Zustande mit Aufmerksamkeit lesen? Lassen wir ihn nun noch ein Weilchen schlafen! Es ist hohe Zeit, dass wir uns nach seinem teuren Herrn Vater umsehen. – Der Himmel weiss, wir haben jetzt alle hände voll zu tun; Man kann nicht aller Orten zugleich gegenwärtig sein; indessen ist es doch leichter zu verantworten, einen Menschen auf dem Abtritte eingesperrt, als jemand, der nicht schwimmen kann, im wasser liegen zu lassen. Und schwimmen konnte der Herr Amtmann nicht; Er wurde aber sogleich herausgezogen, und als er am jenseitigen Ufer gehörig abgetröpfelt war, brachte der Ärger über diesen Vorfall und über das laute lachen der zahllosen Zuschauer seine durch die Kälte des Wassers erstarrten Glieder und betäubten Lebensgeister wieder so lebhaft in den gang, dass wir weiter keine schädlichen Folgen für seine Gesundheit zu befürchten brauchen. Er eilte nun nach dem Gastofe zurück, um seinen blauen, mit Golde besetzten Rock auszuziehen und trocknen zu lassen.
Welcher neue Kummer ihn aber hier erwartete, das wissen wir. Indessen fand er seinen geliebten Sohn schon aus der Gefangenschaft erlöst. Er war kurz zuvor erwacht, hatte seine Klagetöne auf's Neue angestimmt und dazu ein so vollstimmiges Accompagnement mit den Fäusten an der Tür gemacht, dass endlich von den Hausgenossen, welche indess heimgekommen waren, Einer ihn gehört und befreiet hatte. Vater und Sohn klagten sich gegenseitig ihr Leid – es war eine herzbrechende Scene. – Zum Glück war der Wert dessen, was Herr Carino mitgenommen hatte, nicht gross; allein lag nicht in der ganzen Verkettung ihrer Unglücksfälle schon Ursache genug zur Traurigkeit? Doch überliessen Beide sich derselben nicht bis zur Verzweiflung; Vielmehr sorgte der Herr Amtmann für seine werte Gesundheit, zog die nassen Kleidungsstücke aus, legte sich zu Bette, bestellte ein gutes Abend-Essen und unter anderm eine erquickende Wein-Suppe; Valentin liess sich's vor seines Vaters Bette wohlschmecken, und ging dann auch schlafen. Wir wünschen ihnen eine angenehme Ruhe.
Achtes Capitel
geschichte des Fremden, der in der Eulenburg vor
Peina abgetreten war.
"So sehen meine Augen Dich endlich wieder, mein teurer, geliebter Louis!" rief der Fremde in der Eulenburg dem österreichschen Officier entgegen, als Dieser zu ihm in das Zimmer trat und in seine arme eilte. – "Mein Wohltäter! mehr als Vater! Wie viel Dank!" – stammelte der Officier. – "O rede nicht von Dank!" "Wie sollte ich nicht?" – "Komm an mein Herz!" Und so ging es noch ein Weilchen fort, in abgebrochnen Worten. – Ein rührender Auftritt! Der Hausknecht, welcher dem Officier die Tür öfnete, hat ihn uns beschrieben, und wenn wir unsern Verleger hätten bewegen können, Kupferstiche zu diesem unserm Romane verfertigen zu lassen; so hätte die Darstellung dieser Zusammenkunft eines der schönsten Blätter liefern müssen. – Vielleicht lässt er sich noch bewegen, der sechsten oder siebenten Auflage einige Bilderchen beizufügen; bis dahin mag die jetzige Generation der Leser sich die ganze geschichte mit dem Pinsel ihrer Phantasie vormalen.
Nachdem diese ersten Entzückungen vorüber waren, reichte der fremde alte Herr dem Officier einen schriftlichen Aufsatz dar: "Hier, mein Lieber!" sprach er, "habe ich die Haupt-begebenheiten meines Lebens, in welche auch die geschichte Deiner Jugendjahre mit einverwebt ist, zu Papier gebracht. Längst wollte ich Dir diesen Aufsatz schicken; nur die jetzt erfüllte hoffnung, Dich selbst wieder zu umarmen, hielt mich davon ab. Ich kann ihm ja dann alles mündlich erzählen, sprach' ich zu mir selber. Nun aber, da ich wieder bei Dir bin, denke ich doch, es sei besser, ich lasse Dich das schriftlich lesen, weil es einmal aufgezeichnet ist; vielleicht könnte ich ausserdem manches vergessen. Lies es in müssigen Augenblicken durch, und lass uns jetzt die Freude des Wiedersehens recht geniessen!"
Der Officier umarmte nochmals den alten Herrn und steckte das Papier in die tasche. Da aber die Leser vielleicht ungeduldig werden könnten, bis er es wieder hervorholt, wollen wir hier eine Abschrift dieses Aufsatzes mitteilen.
geschichte des fremden Herrn in der Eulenburg
Mein Vater war ein redlicher und geschickter Schullehrer in Blankenburg am Harze. Freilich war man damals in der Pädagogic noch weit zurück; Man hatte noch nicht die Entdeckung gemacht, dass man der Jugend die ernstaftesten, wichtigsten wissenschaftlichen Kenntnisse, selbst von philosophischer Art, durch Kartenspiel und sonst auf tändelnde Weise beibringen könne. Man hielt bei dem Unterrichte sehr viel auf Übung des Gedächtnisses durch