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zu haben, glaubte, er stünde jetzt mit ofnem mund unter dem Haufen der Gaffenden; und ach! er sass in diesem Augenblickeingekerkertund wo? Das ahndete sein treues Vaterherz nicht. Noch ruhiger war er über sein eigenes Schicksal. Voll Erwartung stürzte er zum haus hinaus und hoffte nun den Luftwagen über seinen Scheitel daherfahren zu sehen, undHerr Blanchard war schon vor einer Stunde aufgestiegen; Sie hatten ihn wieder; er hatte sich fern von der Stadt niedergelassen. Die Nachricht, die unsern Freunden der dicke lackirte Mann gegeben hatte, war falsch gewesen. Schon als sie in das Hinterzimmer traten, war der Franzose mit seiner Füllung fertig gewesen und fuhr ab. – Unbegreiflich, dass der Herr Amtmann den Lerm des volkes und die Canonenschüsse nicht gehört hatte! Aber da machte er bei seinem Eintritte der Gesellschaft so viele Kratzfüsse; darüber war der Moment vergangen. nachher herrschte eine grosse Stille, denn jedermann verfolgte den Ball mit seinen Augen. Viele liefen der Gegend zu, wo sie glaubten, dass er sich niederlassen würde, bis endlich, als die Nachricht erscholl, dass er nun wirklich gelandet sei, ein neuer Lerm und der Ausruf: "Se heft en wedder!" unsern Beamten aus seiner Ruhe weckteaber da war's zu spät.

Vergebens würde ich es versuchen, die verschiednen Ausbrüche des Mismuts und der Verzweiflung zu schildern, denen einige Personen, welche in dem unglücklichen Hinterzimmer das schönste aller Schauspiele versäumt hatten, sich überliessen. Andre zogen sich den Unfall weniger zu Herzen. Der Dichter Klingelzieher lachte aus vollem Halseer hatte nun Stoff zu einem neuen Epigramme. Die Licentiatinn schimpfte auf ihren Mann los (die einzige Art, wie sie sich über jeden Unfall des Lebens zu trösten pflegte!) "Nun es hat nicht sein sollen", sprach der Amtmann mit trauriger Mine, "Mir ist es nur lieb, dass mein Valentin und die andern Beiden, die doch auch indess von Peina werden angekommen sein, diese Merkwürdigkeit in Augenschein genommen haben, um davon zu haus erzählen zu können." Da sich indessen keine hoffnung fassen liess, die treuen gefährten aus Biesterberg in dem Gewühle von Menschen hier zu finden, so dachte der alte Herr Waumann jetzt nur an seinen Rückzug, um verabredetermassen im goldnen Engel sie wieder anzutreffen. Um neuen Wiederwärtigkeiten in dem Gedränge bei dem Eintritte in die Stadt auszuweichen, beschloss unsre Gesellschaft, durch die Contre-Escarpe nach einem andern Tore hin zu gehen, wo sie vermutlich weniger Volk finden würden. Allein zum Unglück waren die mehrsten Zuschauer auf denselben Einfall geraten, so dass hier der Zusammenfluss noch grösser war, als vorhin beim Herausgehn. Sich wieder zurück durch alle diese Erdensöhne hindurch zu arbeiten, das liess sich nicht wohl tun; Nun musste man aber, um das nächste Tor zu erreichen, sich über eine Art von Teiche oder Graben setzen lassen; Einige tausend Menschen standen am Ufer und harrten auf den Fährmann; es war aber unglücklicherweise nur ein einziger Nachen zum Überfahren da; also ging es langsam.

Wie hiess doch der Fluss, von welchem die verdammten Heiden fabulirten, dass ein gewisser Charon die Seelen der Verstorbnen da hinüber in die elisäischen Gefilde transportiren müsste? Ohrfeigen habe ich von meinem Informator bekommen, dessen erinnere ich mich noch, als ich bei dieser Stelle im Ovidius nicht achtung gab; aber wie der Fluss heisst, dessen besinne ich mich nicht mehr. Genug! grade wie diese wasser-Reise in jene Welt abgebildet zu werden pflegt, so sah es hier aus. So oft der Charon eine Anzahl Pilger hinüber geschafft hatte und nun wieder diesseits landete, war das Herzudrängen der Ungeduldigen so gross, dass wirklich Passagiers, die nicht, wie Charons Gäste nur Seelen, sondern zum teil dicke, mit braunschweigscher Mumme wohl ausgemästete körper waren, Gefahr liefen. Schon war der Licentiat Bocksleder nebst seiner sanften gemahlin und dem lieben Kleinen im Nachen; da wollte der Amtmann sich nicht von seinem Freunde trennen; Er drängte sich durch den Haufen, wagte einen Sprung undhier fällt mir aus Wehmut die Feder aus der Hand. – Wenden wir unsre Blicke nach einer andern Seite!

Herr Carino war kaum mit seiner Beute zum haus hinaus, als der wackre Jüngling, den er an dem bewussten Orte eingesperrt hatte, nicht ahnend, welch' ein Unfall ihm begegnet war, die Tür des Cabinets ergriff, sie öfnen wollte, aber verriegelt fand. Vergebens wendete er alle Kraft seiner starken arme an, Holz und Eisen zu sprengen; die Tür wich nicht. Vergebens rief er, schrie er, brüllte er endlich; niemand hörte seine stimme. Wie Hercules, als er das Hemd dernun! wie hiess denn das Nickel? – ha! Dejanira ja! das Hemd der Dejanira auf seinem Leichname kleben hatte, so gebehrdete sich Musjö Valentin, so durchschnitt er mit seiner heulenden stimme die mephitische Luft, von welcher der Leidende jetzt umgeben waralles umsonst! Als endlich die Kräfte zu sinken anfiengen und die Muskeln, welche seine Lunge ausdehnten (oder liegen da keine Muskeln? Ich weiss es nicht so eigentlich), herabgespannt waren; da ging sein Gebrülle in Winseln, Klagen und Seufzen über, und seinen Augen entquollen salzige Tränen. Ich bitte meine hochgeehrtesten Leser dieser Schilderung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Sie werden dann finden, dass ich ohne mich zu rühmen, nicht ganz ungeübt in poetischen Malereien bin, dass ich das