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Tor hinaus, das nach Hannover führt. Daselbst liegt ein Wirtshaus, welches, wenn ich nicht irre, die Eulenburg heisst; Dort liess er sich nach einem Fremden erkundigen und bitten, dass man es ihm sogleich melden mögte, wenn er angekommen sein würde. übrigens hielt sich das Pärchen sehr still in dem Zimmer des Postauses, und schien dem Anblicke so vieler Fremden, welche an diesem Tage da einkehrten, auszuweichen. Endlich, als der Pastor Schottenius eben mit seiner Predigt beschäftigt war, kam ein Knabe aus der Eulenburg gelaufen und brachte dem Officier ein Briefchen. "O Gottlob!" rief der Officier und umarmte das Frauenzimmer, "Er ist da! Er ist da! Nun geht alles nach Wunsche. Ich will hin; Lass Dir die Zeit nicht lange währen, meine Meta! Wir werden uns so mancherlei zu erzählen haben. Sobald ich mich aber losreissen kann, eile ich zurück, bringe ihn mit, oder hole Dich ab. Adieu, mein Engel!" – Und damit griff er nach Hut, Stock und Degen, und fort, die Treppe hinunter, zum haus hinaus, nach der EulenburgDas war's, was der Hausknecht erzählte.

"Es ist angespannt", sagte ein andrer Aufwärter, der in das Zimmer trat; der Pastor raffte seine Papiere zusammen, und der Förster fragte nach der Zeche. "Der Herr Amtmann", sprach er, "hat mir aufgetragen, für ihn und seinen Sohn mitzubezahlen" – "Ich weiss es", erwiderte der Aufwärter, "und auch für Ihren Herrn Vetter". – "Was für ein Vetter?" – "Der Musicus!" – "Hole der Teufel, den Kerl! Ich kenne den verfluchten Dudelsack gar nicht". – "Ei! er reist ja mit dem Herrn Amtmanne". – Doch kurz! von dieser unbedeutenden Sache! der Förster, der nicht geizig war und viel Ehrgefühl besass, zahltefreilich nicht ohne Schimpfen und Fluchen; und nun wollten sie fort; allein als sie aus ihrem Zimmer traten, öfnete zufällig das Frauenzimmer eben auch die Tür des ihrigen. – – "Was, zum Teufel!", schrie der Förster, "Grete! Du bist es? Da soll ja das Wetter hineinschlagen! Wo kömmst Du her?" – Und damit drang er in ihre stube, schlug die Tür hinter sich zu, und liess den Pastor verwundert draussen stehen.

Sehr laut und stürmisch ging es nun in dem Zimmer her; Nur einzelne Worte konnte Ehren Schottenius Anfangs verstehn; Dann sagte der Förster: "Nur keine Speranzien gemacht! das sag' ich Dir; das hilft hier alles nichts; und mit den Ohnmachten wollen wir auch schon fertig werden. Kurz und gut! Du musst gleich fort mit mir. Nach Gosslar will ich Dich zurückführen; Da magst Du Deine Sache ins Reine bringen, und habe ich Unrecht, so ist die Justitz da. Wollen doch sehen, ob ein unmündiges Mädchen mit einem Kerl davonlaufen darf. – Und ich rate Dir, nur hier im haus kein Aufsehn zu machen; Du hast nichts als den Schimpf davon, denn mit musst Du; davor hilft nichts." – Herr Dornbusch stürzte dann zum Zimmer hinaus, bat den Pastor, den Brief zu schreiben, den wir gelesen haben; Es wurde ein Bote fortgeschickt, alles in grösster Eil. – Jungfer Grete sehnte sich vergebens nach der Zurückkunft ihres Retters; Er kam nicht und sie musste sich, gebadet in Tränen, die einen Stein hätten erweichen mögen, von ihrem grausamen Oheime in den Wagen heben lassen. – Fort nach Gosslar ging die Reise.

Siebentes Capitel

Der Herr Amtmann geht, den berühmten Luftschiffer auffliegen zu sehen, und trifft bei seiner Zurückkunft den jungen Herrn in einem kläglichen Zustande an. Ein grösseres Gewühl von Menschenkindern, versicherte der Herr Amtmann auf seine Ehre und Reputation, habe er in seinem Leben noch nirgends gesehen, als das hier, durch welches er sich mit seinen Freunden hindurchdrängen musste, um vor das Tor auf den Platz zu kommen, der einer Schanze gegenüber lag, aus welcher Herr Blanchard in die Höhe stieg. Wir sind bei manchen andern Kenntnissen, die wir besitzen, und die, ohne uns zu rühmen, ein artiges ensemble ausmachen, beim ersten Unterrichte in der Fortification, wie im Hebräischen, sehr vernachlässigt worden, – lieber Gott! man kann ja auch nicht alles wissenmeinen aber, wollen es jedoch nicht gewiss behaupten, dass dieser Platz zu demjenigen Teile der Festungswerke gehörte, den man die Contre-Escarpe nennt. Genug, es war ein grosser grüner Platz am Stadtgraben. – Doch, so weit sind wir noch nicht. Beim Gedränge im Tore verlohr die Frau Licentiatinn Bocksleder ihre Haube; ein Pfund Pferdehaare, in einen Wulst gebunden, womit der Boden der Mütze, faute de mieux, ausgefüllt war, fiel auf die Erde; der Herr Amtmann, welcher die Dame führte, wollte das Bündel aufheben, ein Schuhknecht trat ihm auf die Hand. Dem kleinen David Bocksleder, einem kind von zehn Jahren, das eben erst die Blattern überstanden und noch viel rote Flecke im gesicht hatte, riss ein Chor-Schüler aus Mutwillen den falschen Haarzopf aus. Ein lustiger Student aus Helmstädt, der den alten Licentiaten einmal in Schöppenstädt gesehen hatte und dem dieser würdige Mann nicht sehr gefiel, steckte ihm einen Stock zwischen die Beine, worüber er