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und den daraus zu erwartenden Folgen hergeleitet sind. So verstockt, so schamlos ist kein Bösewicht, so frech keine Verirrte, dass sie nicht wünschen sollten, entweder auf andre Menschen vorteilhafte Eindrücke zu machen, oder wenigstens sich selbst innerlich, wegen irgend einer vorzüglichen Eigenschaft, loben zu können. Sie erklären lieber die Tugend für ein Hirngespinst, als dass sie bekennen sollten, sie hätten nichts von dem, was sie an Andern schätzenswert finden müssen. Dürfen sie keinen Anspruch auf Zuneigung und Liebe machen, so überreden sie sich, andre Leute seien eben so unfähig, wohlwollende Empfindungen zu hegen, als einzuflössen. Können sie sich nicht geachtet machen, so wollen sie wenigstens gefürchtet sein. Und mislingt jeder Plan, irgend eine Art von Aufmerksamkeit und Teilnehmung zu erwecken, so mögten sie sich gern so sehr über alle Menschen erhaben glauben, dass niemand als sie, Richter über ihre Handlungen sein könnte. Dann schaffen sie sich Tugenden von eigner Erfindung; Ihre Schwächen selbst, ja ihre Laster, erheben sie zu diesem Range. Sie schmücken die Gegenstände, zu welchen ihre strafbaren Neigungen und Begierden sie hinziehen, mit den reizendsten Farben aus, um ihre anhänglichkeit daran zu rechtfertigen, und suchen hingegen Vorzüge herabzuwürdigen, gegen welche sie ihre Augen verblendet haben. Wer aber so tief gefallen ist, dass fremder und eigner Beifall ihm gar nichts mehr wert sind; der ist der schrecklichsten Verzweiflung nahe, für Den fleht vergebens sein guter Engel um Barmherzigkeit vom liebreichen Vater im Himmel.

Beide aber, der innere Beifall des Herzens und die Meinung andrer Menschen von unserm Werte können die würksamsten Triebfedern zu Erlangung höherer Vollkommenheit werden; beide können wohltätig auf unsre Besserung würken, uns in jeder Art Tugend befestigen, zu jeder, auch noch so mühsamen Pflicht-Erfüllung ermuntern; Nur müssen Beide zu gleichen Schritten gehen, keine dieser Rücksichten der andern aufgeopfert werden. Wer sich sclavisch abhängig von dem Urteile des volkes macht, wird bald alle Eigenheit des Characters verliehren; "Stellet Euch nicht dieser Welt gleich," ruft uns die göttliche stimme zu, das heisst: folget nicht ohne Auswahl jedem guten und bösen Beispiele. Wer, wenig bekümmert um den Beifall seines Gewissens, in allem die herrschenden Sitten nachahmt, wird, um sich dem lasterhaften Haufen gefällig zu machen, auch die herrschenden Sünden annehmen; Er wird ein Schmeichler verderbter Grössen, ein unsichrer Freund sein, und nie die süsse Wonne schmecken, welche das innere Bewusstsein gewährt, ohne Menschenfurcht, grade und redlich, nach Pflicht und Gewissen gehandelt zu haben – – eine Wonne, ach! die allein ruhig machen und wahren Seelen-Frieden geben kann.

Eben so gefährlich aber ist es auch, ohne alle Rücksicht auf fremden Beifall, keinen andern Richter, als sein eigenes Ich, anzuerkennen. Das führt zu der gefährlichsten Sicherheit, zum Eigendünkel, zum Selbstbetruge. Da sehen wir dann uns selbst nur in dem Lichte, das die Leidenschaften auf unsre Handlungen werfen, und messen das Verdienst Andrer nach dem Massstabe der Ähnlichkeit ab, die sie mit uns haben. Wir schaffen uns Grundsätze, die unsren Begierden schmeicheln, finden eine Entschuldigung für jede, auch von jedermann getadelte Handlung, wenn nur unser eingeschläfertes Gewissen ruhig dabei bleibt. Wir verachten alle Regeln des Anstandes und der Übereinkunft, die doch dem Menschen, welcher in der bürgerlichen Gesellschaft lebt, unverletzliche Pflichten auflegen. Wir opfern unserm Eigendünkel und unsrer Sinnlichkeit Ehrgefühl, Schaam, Dankbarkeit auf, und zerreissen alle Bande des Bluts und der Freundschaft. Der treue Ratgeber scheint uns ein beschwerlicher Schwätzer; der strenge Warner ein rauher, ungefälliger Mann. Wir fliehen ihn, verschliessen ihm unser Herz und eilen in die arme des Niederträchtigen, der unsre Leidenschaften schmeichelt. Jede Tugend scheint uns entbehrlich, wenn sie Aufopferung kostet, als wenn es eine Tugend ohne Aufopferung gäbe! Statt den Kampf gegen die Sinnlichkeit zu kämpfen, wo Ruhe und Seligkeit mit Herzens-Wunden erkauft werden müssen, finden wir es bequemer, mit unserm Gewissen in Unterhandlungen zu treten; und der Vergleich ist bald geschlossen, wenn Kläger, Beklagter und Richter nur Eine person sind.

O! wie manche gute Seele ist durch zu grosse Sicherheit gefallen. – – Zu späte Reue, allgemeine Verachtung, Elend und Jammer sind dann – – "Ho ho! was Teufel ist nun wieder los?" rief der Förster und sprang vom stuhl auf, als ihn der Hausknecht, der ungestüm in die Tür trat, aus seinem Mittags-Schlafe weckte. "Ich wollte nur sagen," antwortete der Hausknecht, "dass die Pferde nun gleich kommen werden. Die Mamsel und der Officier, die im Zimmer hier neben an logiren, wollen auch fort, sobald er nur wieder zurückkömmt." – – "Was für eine Mamsell?" sprach der Pastor- – Wir wollen in des Hausknechts Namen antworten.

In der Nacht vom Sonnabende zum Sonntage kam in Peina im Postause eine kleine Callesche an, in welcher ein österreichscher Officier mit einem schönen jungen Frauenzimmer sass. Auf die Frage: ob sie gleich weiter wollten, antworteten sie: nein! sie müssten vielmehr hier die Ankunft eines Fremden erwarten. Das Frauenzimmer legte sich zu Bette; der Officier wünschte ihr, mehr ehrerbietig, als vertraulich, eine gute Nacht, und liess sich eine andre Cammer anweisen. Am folgenden Tage (das heisst an eben dem, an welchem unsre Freunde das Mittagsmahl in Peina hielten) lief der Officier selbst und schickte auch einigemal vor das