1792_Knigge_063_12.txt

, welches auch geschaheEr lautete, wie folgt:

Wertgeschätzter Herr Amtmann!

Ein äusserst unerwarteter Vorfall, dessen Erzählung sich nicht wohl der Feder anvertraun lässt, nötigt den Herrn Förster, seinen Reiseplan zu verändern und von hier sogleich nach Goslar zu fahren. Erwarten Ew. Wohlgebohren uns also nicht in Braunschweig! Ich gestehe, dass es mir ein wenig nahegeht, das merkwürdige Experiment des Monsieur Blanchard nicht mit ansehn zu können. Auch wegen der Edition meiner Predigten wäre ich gern in Braunschweig gewesen. Allein, was ist zu tun? Mündlich ein Mehreres! Wir hoffen, so Gott will, gegen Ende der Woche wieder in Biesterberg einzutreffen. Ich empfehle mich gehorsamst Peina, im Postause, Sonntags Mittags, in Eil.

Johann Gottlieb Schottenius

Musjö Valentin pflegte sich eben nicht den Kopf zu zerbrechen über die Grund-Ursachen, würkenden Ursachen und andern Ursachen der Dinge; also steckte er den Brief in die tasche und begnügte sich, seinem gefährten zu erzählen! der Förster habe eine Nichte in Gosslar, die Grete hiesse und die sie ihm, dem jungen Herrn Waumann, gern zur Frau geben wollten, die er aber nicht leiden mögte, weil sie ihm zu städtisch und zu gelehrt wäre. Er fürchtete sich recht davor, sagte er, dass der Förster sie nun mitbringen, und dass man ihm dann gewaltig zusetzen würde, Hochzeit zu machen.

Indess dies vorging, sahen sie nach und nach Schaaren von Menschen zu dem grossen Schauspiele hinziehn, und selbst aus dem goldnen Engel lief alles fort, was Beine hatte.

"Nun ist es Zeit", sprach Herr Carino, "dass wir uns auch zurüsten. Allein bei solchen Gelegenheiten tut man wohl, durch seine Kleidung ein wenig hervorzuleuchten, damit man vom Pöbel mit achtung behandelt werde. Vermutlich haben Sie noch einen bessern Rock im Coffer. Hurtig, den angezogen! Ich habe einen Kamm bei mir; da will ich Ihnen in Eil ein wenig die Haare zurecht kämmen."

Valentin zog Rock und Weste aus, öffnete den Coffer, holte ein grünes Röckchen mit goldnen Knopflöchern hervor. – "Legen Sie dagegen Uhr und Geldbeutel hinein! Und wenn Sie nun noch einmal an einen gewissen Ort gehen wollen", fuhr Herr Carino fort, "so machen Sie geschwind! Ich will indess alles in den Coffer verschliessen. – Es gibt böse Menschen; man muss vorsichtig sein."

Herr Valentin lief, im Hemde, wie er war, an den Ort, den man nicht gern nennt; Signor Carino schlich nach, verriegelte, als Jener sass, die Tür von aussen, kehrte in das Zimmer zurück, packte Geld, Uhr, und was er in der Eil aufraffen konnte, zusammen, flog die Treppe hinunter, verlohr sich in den Haufen undwird sich wohl in diesem unserm Büchlein gar nicht wiederfinden.

Sechstes Capitel

Fragment einer Predigt. Unvermutete

Zusammenkunft in Peina. Wie mag das

zusammenhängen?

Der Ort, wo wir, als ein gewissenhafter Geschichtschreiber den hoffnungsvollsten Jüngling leider! haben einsperren lassen müssen, ist freilich kein angenehmer Aufentalt für ihn; allein da wir ihn doch nun vorerst noch nicht von da erlösen können, fühlen wir, so sehr wir uns auch für ihn interessiren, dennoch keinen Beruf, ihm dort Gesellschaft zu leisten, sondern kehren vielmehr nach Peina zurück, um zu sehen, was aus unsern andern beiden Freunden geworden ist.

Wir haben gehört, dass der Herr Pastor sich angelegen sein liess, die Lücke wieder auszufüllen, welche böse Buben in eine seiner schönsten Predigten gemacht hatten; der Förster Dornbusch warf sich indess in einen alten Lehnsessel hin, streckte die Beine vorwärts, schlug die arme in einander, schloss seine Augen, fing an zu gähnen und schlief ein. Was können wir nun besseres tun, als dass wir, ohne Einen von Beiden zu stöhren, leise hinter Ehren Schottenii Stuhl treten und, was er zu Papier bringt, heimlich in unsre Schreibtafel eintragen? – – Hoho! meine Damen und Herrn! schweigen Sie ja still! Sie können froh sein, dass ich Ihnen nicht alle sechs und funfzig Predigten als Beilage zu diesem Romane aufdringe. Sie kommen noch wohlfeil davon; und, die Wahrheit zu gestehn, es wäre für die Mehrsten von Ihnen überhaupt nützlicher, wenn Sie mehr Predigten und weniger Romane läsen. Schlimm genug, dass, wenn man Euch einmal wichtige Wahrheiten an das Herz legen will, man die bunte Jacke anziehn muss! Und dann mag man sich ja wohl in Acht nehmen, dass man bei ernstaften Gegenständen nicht zu lange verweile, sonst blättert Ihr, statt zu lesen. Die Märchen und Possen sucht Ihr auf, und das, um dessentwillen das Buch geschrieben ist, überschlagt Ihr. "Ja! ihr Gnaden lesen nur, um amüsirt zu sein; von Dero Pflichten sind Sie vollkommen informirt." – tant mieux! aber ich sehe doch noch keine Früchte davon. – Doch wir geraten in Ärger und das schadet unsrer Gesundheit; also weiter in den Text!

Fragment einer Predigt über die Bewegungsgründe

zur Tugend, welche aus eignem und fremdem

Beifalle hergenommen werden.

Die Tugend also bloss um ihrer selbst willen zu lieben und auszuüben, ohne den geringsten Eigennutz, ja! mit schweren Aufopferungen, dazu gehört schon grosse Stärke der Seele. Aus blosser Liebe zu Gott edel zu handeln, das setzt schon ein Herz voll Wärme für Religion voraus. Näher liegen dem sinnlichen Menschen die Bewegungsgründe, die aus dem Beifalle der Menschen